Am 25.4. fand ein Expertenchat zum Thema "Geschäftsmodellentwicklung für E-Learning" statt. Zu Gast war Prof. Dr.-Ing. Rolf Granow, Geschäftsführer der oncampus GmbH und E-Learning-Beauftragter FH Lübeck.
Die besprochenen Themen im Schnellzugriff:
Moderator:
Hallo und herzlich willkommen zum
e-teaching.org-Expertenchat. Heute ist Rolf Granow unser Gast. Er ist
Professor an der Fachhochschule Lübeck und Geschäftsführer der oncampus
GmbH. Herr Granow, können wir beginnen.
Rolf Granow:
Wir können gerne beginnen.
Informationen zur oncampus
GmbH und ihren Angeboten
Moderator:
Können Sie beschreiben, was die oncampus GmbH ist und
wie Studierende dort lernen.
Rolf Granow:
Die oncampus GmbH ist zunächst einmal eine
E-Learning-Tocher der Fachhochschule Lübeck und bietet
E-Learning-Dienstleistungen für Hochschulen und andere Anbieter an. Zusammen
mit deutschen und internationalen Hochschulen haben wir seit 2002
vollständige Online-Studiengänge und Online-Weiterbildungen im
Angebot.
m.manz:
Welche Hochschulen sind beteiligt?
Rolf Granow:
In unserem deutschen Hochschulverbund haben sich
überwiegend im Norden der Republik befindliche Standorte zusammengefunden:
In der virtuellen Fachhochschule sind dies Lübeck, Berlin, Brandenburg,
Stralsund, Braunschweig/Wolfenbüttel, Bremerhaven, Emden und Wilhelmshaven.
Darüber hinaus haben wir Onlineangebote mit den Fachhochschulen in Kiel und
Flensburg. Wir beabsichtigen, zum Ende diesen Jahres mit Einbeziehung der FH
Frankfurt auch einen Standort weiter im Süden zu haben. Im internationalen
Bereich kooperieren wir mit Hochschulen im gesamten Ostseebereich: Im
Baltic Sea Virtual Campus
(BSVC) sind Hochschulen aus
Deutschland, Schweden, Finnland, Polen, Litauen, Lettland und Russland
Mitglied.
alfred:
Wie viele Personen sind an Ihrem Unterfangen eigentlich
beteiligt? Wie viele managen das hauptamtlich?
Rolf Granow:
Bei oncampus sind gut 30 Personen am Standort Lübeck
hauptamtlich tätig. Wir haben in den letzten 10 Jahren hier
Modulentwicklungen mit etwa 200 ProfessorInnen/AutorInnen durchgeführt, die
ihr inhaltliches Wissen in der Regel nebenamtlich in die Module haben
einfließen lassen. Darüber hinaus ist eine große Anzahl von MentorInnen
hauptamtlich in die Durchführung der Kurse eingebunden.
Uwe:
Nach welchen Kriterien wird bei oncampus ausgewählt, welche
Kurse/Studiengänge angeboten werden?
Rolf Granow:
Das Angebot der Studiengänge vereinbaren wir mit den
beteiligten Hochschulen, die diese bei sich einführen. Dabei schauen wir
sowohl nach der Nachfrage, die diese Studienangebote haben, wie auch nach
den Ressourcen der Hochschulen, um solche Angebote realisieren zu können.
Als wir 1998 begonnen haben, muss ich zugeben, haben wir eigentlich
hauptsächlich danach geguckt, was wir anbieten können. Inzwischen haben wir
gelernt, auch danach zu schauen, wo hinreichende Nachfrage vorhanden
ist.
Uwe:
Neuerdings bieten Sie nicht nur Studiengänge, sondern auch
einzelne kompakte Kurse, z.B. zu Softskills, an. Unter welchen
Gesichtspunkten wird hier bei oncampus die Angebotspalette
zusammengestellt?
Rolf Granow:
Nachdem wir Studiengänge erfolgreich eingeführt haben,
beschäftigen wir uns seit 2005 auch mit dem Thema modulare
Online-Weiterbildung. Hier haben wir zunächst Module aus den Studiengängen
für die Weiterbildung angeboten. Parallel dazu haben wir dann aber die
Nachfrage nach Weiterbildung untersucht und uns auf Grundlage dieser
Ergebnisse entschieden, Weiterbildungsmodule zum Thema Softskills, d.h.
Vermittlung von Schlüsselkompetenzen, zu entwickeln.
kinscher:
Wie ist der Preisunterschied zwischen einem regulären und
einem Online-Studium?
Rolf Granow:
Onlinestudiengänge sind Studiengänge wie andere auch. Es
gelten hier die gleichen Gebührengrundsätze. Die deutschen Studiengänge sind
Regelangebote ohne Studiengebühren, jedoch werden für die Nutzung der
multimedialen Materialien und der Online-Lernumgebung Medienbezugsgebühren
erhoben. Diese betragen derzeit 65 Euro für ein Modul mit 5 cps ECTS. Das
sind Kreditpunkte nach dem europäischen System, 5 cps entsprechen einem
Monatsworkload. Noch konkreter: Wenn jemand Vollzeit bei uns studiert,
belegt er oder sie 6 Module im Semester und entrichtet damit die 6 mal 65
Euro. Wir haben aber - wie schon gesagt - überwiegend Teilzeitstudierende.
Diese belegen weniger und bezahlen entsprechen weniger im Semester.
Detaillierte Aussagen dazu finden sie unter
oncampus.de.
Jeschke:
Haben Sie mit Ihren Online-Studiengängen tatsächlich eine
andere Zielgruppe von Studierenden erreicht? Wenn ja, welche?
Rolf Granow:
Das haben wir definitiv. Wir sprechen solche Studierende
an, die berufsbegleitend bzw. von zu Hause aus studieren wollen. Diese
Gruppe macht bei unseren Online-Studierenden mehr als 75 Prozent aus. Wir
konnten feststellen, dass sich die Nachfrage nach unseren
Präsenzstudiengängen durch die Onlinestudiengänge nicht verändert hat. Durch
die Onlinestudiengänge haben wir jetzt mehr Studierende der neuen
Zielgruppen, als wir vorher hatten.
Derrick:
Fallen bei E-Learning-Projekten nicht auch Kosten für die
Weiterbildung von DozentInnen an? Wie kann man diese gegenfinanzieren?
Rolf Granow:
Die fallen bei E-Learning Projekten natürlich an und wir
haben sie bei unseren Projektbudgets berücksichtigt und aus den Projekten
heraus finanziert. Bei den dauerhaft implementierten Angeboten wird die
Schulung der DozentInnen aus den laufenden Einnahmen heraus geleistet.
Aufbau und Struktur der
Kurse (u.a. Einsatz von Medien)
Jeschke:
Wie ist ein typisches
Blended-Learning
Szenario bei Ihnen gestaltet, wie hoch ist der
Präsenzanteil, welche E-Learning-Tools verwenden Sie?
Rolf Granow:
Ein typischer Onlinekurs kombiniert bei uns etwa 20 Prozent
Workload als Präsenz an der Hochschule mit 80 Prozent Workload Lernen im
Netz. Das Lernen im Netz umfasst das selbstgesteuerte Lernen unter Nutzung
multimedialer Selbststudienmaterialien, die mentorielle Betreuung der
Studierenden im Netz wie auch die Gruppenarbeit der Studierenden
untereinander im Netz. Wir haben die Module hierzu in eine einheitliche
Lernumgebung, ein
Learning-Management-System
integriert. Hier nutzen wir seit Herbst letzten Jahres übergreifend
Moodle.
Wir sind zur Zeit dabei, leistungsfähige
Videokonferenz
-Lösungen
hier hinein zu integrieren.
RH:
In welchem Ausmaß nutzen Sie Medien wie Audio und Video?
Rolf Granow:
Wir benutzen Audio und Video innerhalb unserer Module
für Erläuterungszwecke. Sie machen hier aber nur einen geringen Teil des
Materials aus, weil längere Audios/Videos für das sich selbst Aneignen des
Stoffes aus meiner Sicht nur wenig geeignet sind. Wir nutzen in keinem Fall
auf Video aufgezeichnete Vorlesungen. Im Rahmen der Onlinebetreuung haben
wir mit der Nutzung von Audiowerkzeugen als Audiosprechstunde sehr positive
Erfahrung gemacht und möchten diese durch Einbeziehung von
Audio-/Videokonferenzen in unsere Lernumgebung auch weiterhin konsequent
ausbauen.
Jeschke:
Nutzen Sie auch virtuelle Klassenräume? Welche Software
benutzen Sie dafür?
Rolf Granow:
Wir benutzen auch virtuelle Klassenräume. Wir sind zur Zeit
dabei, das System
Adobe
Connect
zu installieren.
Nutzer:
Auf der oncampus-Seite steht, dass die Kurse unter Microsoft
Windows laufen. Was ist mit Mac-oder Linux-Nutzern?
Rolf Granow:
Die sind in der Lage, diese Kurse auch zu nutzen. Wir
garantieren nur nicht die Lauffähigkeit.
Michael Gerth:
Mussten Sie Kurse von der ZFU (Zentralstelle für
Fernunterricht) zertifizieren lassen? Wenn ja - welche?
Rolf Granow:
Unsere Onlinestudiengänge sind als Regelangebote der
Hochschulen nicht von der ZFU zugelassen, da sie nicht auf vertraglicher
Basis angeboten werden. Unsere Weiterbildungsangebote werden von der ZFU
zugelassen.
RH:
Wie werden bei Ihnen Prüfungen abgehalten?
Rolf Granow:
Sehr konventionell wie bei allen anderen Studiengängen und
Weiterbildungsangeboten auch. Die Klausuren werden unter Aufsicht bei uns an
den Hochschulen geschrieben, die mündlichen Prüfungen finden ebenfalls vor
Ort statt.
Produktion von
E-Learning Inhalten
Jenhausen:
Welche Hilfestellung brauchen Autoren, um die Online-Kurse zu
erstellen?
carlos:
Welche Vereinbarungen werden mit den AutorInnen (course
developers) zwecks Bezahlung getroffen?
Rolf Granow:
Die AutorInnen unserer Module stellen uns ihr inhaltliches
Wissen für die Umsetzung zur Verfügung. Dafür schließen wir mit ihnen ganz
normale Autorenverträge, die sowohl die Vergütung als auch die
Nutzungsrechte an den Ergebnissen transparent regeln. Wenn jetzt neue
AutorInnen mit der Modulentwicklung starten, so unterstützen wir sie durch
unsere Instructional Designer, die sich für die mediendidaktische Konzeption
verantwortlich zeichnen. Diese stellen die Schnittstelle zu den AutorInnen
dar und stehen ihnen zur Seite, um ein adäquates Kurskonzept gemeinsam zu
entwickeln. Dabei richten wir uns nach den Anforderungen des Faches und
haben nicht den Ansatz, hier ein standardisiertes didaktisches Konzept
umsetzen zu wollen.
RH:
Sie haben geschrieben, dass sie sich stärker auf die hochwertige
Gestaltung der Inhalte konzentrieren. Gibt es Richtwerte, wie lange die
Produktion "einer Stunde E-Learning" dauert bzw. was sie kostet?
Rolf Granow:
Es gibt solche Richtwerte, es ist aber kennzeichnend, dass
ich die nicht auf eine Stunde E-Learning herunterbrechen kann, weil wir
eigentlich Inhalte entwickeln, die aus dem Studienumfeld 150 Lernstunden
umfassen, aus dem Weiterbildungsbereich 30-90 Lernstunden. Für ein 150
Stunden-Modul rechnen wir mit einem Gesamterstellungsaufwand einschließlich
Autorentätigkeit zwischen 50.000 und 70.000 Euro. Dieser Aufwand hängt
wesentlich von der Anzahl der zu erstellenden Medienobjekte ab und ist in
technisch orientierten Modulen deshalb in der Regel höher als in
betriebswirtschaftlichen.
Betreuung und
Support für die Studierenden
Jeschke:
Diejenigen, die berufsbegleitend studieren sind ja häufig schon
etwas älter (>35) und haben nicht immer das Know How im Umgang mit neuen
Medien. Haben Sie dadurch einen hohen Support-Aufwand und durch wen wird
dieser geleistet?
Rolf Granow:
Der Supportaufwand wird durch uns geleistet. In den
Onlinestudiengängen liegt der Schwerpunkt der Altersverteilung zwischen 25
und 40 Jahren. Die Onlinestudierenden haben zu unserem Glück in der Regel
eine hinreichende Affinität zur Nutzung des Internets, so dass sich der zu
leistende Supportaufwand hier in Grenzen hält. In der Weiterbildung ist der
Supportaufwand größer, weil hier die Zielgruppen weniger Erfahrung mit
Internettools haben.
joker:
Welche Betreuungsformen bieten Sie? Wie wird deren Akzeptanz und
Erfolg gemessen?
Rolf Granow:
Wir bieten sowohl Onlinebetreuung im Netz an als auch
die Betreuung in Präsenzseminaren vor Ort, das heißt, wir haben generell ein
Blended Learning
Konzept. In der Onlinebetreuung nutzen wir eigentlich
alle Arten synchroner und
asynchroner Kommunikation. In den Informatik-nahen Fächern können wir
dabei eine sehr intensive Nutzung von Synchrontools feststellen. Im Bereich
der wirtschaftswissenschaftlichen Themen, teilweise auch der Softskills
zeigen sich viele TeilnehmerInnen noch nicht sehr erfahren im Umgang damit,
so dass da die asynchrone Kommunikation überwiegt. Asynchrone Kommunikation
beginnt mit E-Mails zwischen Betreuern und Lernenden. Es ist aus meiner
Sicht ein Kennzeichen gut laufender Kurse, dass hier die Studierenden
untereinander intensiv kommunizieren, auch asynchron, und die Kommunikation
nicht dominiert wird durch die Dialoge zwischen Lehrperson und Studierenden.
Akzeptanz und Erfolg messen wir durch systematische Evaluation der Kurse,
ihrer TeilnehmerInnen und der Lehrenden.
Zusammenarbeit und Kooperation im Rahmen der On
Campus GmbH
m.manz:
Inwiefern arbeitet die oncampus GmbH mit der FH zusammen? Gibt
es Überschneidungen, was den Service betrifft?
Rolf Granow:
Wir erbringen für die FH die E-Learning-Dienstleistung für
die Onlinestudierenden. Ja, es gibt Überschneidungen, weil die FH noch ihr
eigenes Rechenzentrum für die Präsenzstudierenden hat.
efetzer:
Sind die Hochschulen bereit, thematische Synergien im
Verbund anzustreben? Oder wird dies durch "Konkurrenzdenken"
behindert?
Rolf Granow:
Meine generelle Erfahrung ist, dass Hochschulen bereit
sind. Wir hatten selten Probleme in diesem Punkt.
Wichtige Schritte und
Erfahrungen bei der Geschäftsmodell-Entwicklung
jutta:
Wenn Sie an die Anfänge der virtuellen Fachhochschule denken, was
würden Sie heute anders machen? Was haben Sie bei der E-Learning-Entwicklung
gelernt?
Rolf Granow:
Die Frage, was wir anders machen würden, stellt sich für
mich so nicht. Ich glaube, es war richtig, wie wir vorgegangen sind. Wir
haben allerdings auch sehr viel gelernt. Das äußert sich zum Beispiel darin,
wie wir heute ähnliche Projekte angehen, in denen wir ähnliche Studiengänge
entwickeln. Wir bleiben bei dem Prinzip der Kooperation mit mehreren
Hochschulen und auch bei dem Konzept der nachhaltigen Implementierung der
Angebote. Das eigentliche Geschäftsmodell haben wie ebenfalls nicht
verändert. Wir haben allerdings sehr stark die Technologie verändert, in der
wir Inhalte entwickeln und bereitstellen. Wir haben aufbauend auf unseren
Erfahrungen die Prozesse der Kursentwicklung sehr stark standardisiert und
professionalisiert. Solche Standards standen uns bei Beginn unserer
Entwicklung ja noch nicht zur Verfügung. Wir konzentrieren uns heute
wesentlich stärker auf eine hochwertige Gestaltung der Inhalte, als auf die
Lösung technischer Aufgabenstellungen bei der Contententwicklung.
floh:
Was waren für Sie rückblickend die wichtigsten Schritte bei der
Implementierung eines Geschäftsmodells für die virtuelle
Fachhochschule?
Rolf Granow:
Die erste Überlegung bestand darin, dass auch ein
Onlinestudiengang an den beteiligten Hochschulen keine höheren laufenden
Kosten haben darf, als ein Präsenzstudiengang. Ansonsten wird er
wahrscheinlich nicht dauerhaft betrieben. Zum Zweiten muss die dauerhafte
Finanzierung eines solchen Angebotes mit den real existierenden
Hochschulhaushalten und ihren Verwendungsmöglichkeiten geleistet
werden.
m.manz:
Lässt Sich das Konzept der oncampus GmbH auf andere
Hochschulen/Regionen übertragen, oder müssen auch die Rahmenbedingungen
stimmen? Wenn ja, welche Rahmenbedingungen müssen vorhanden sein, damit das
Konzept aufgeht?
Rolf Granow:
Ich glaube, das Konzept lässt sich eindeutig und einfach
übertragen. Es ist interessant für solche Hochschulen und Regionen, die
solche zusätzlichen(!) Angebote für Studium und Weiterbildung bei sich
implementieren möchten.
joker:
Warum gibt es so wenig erfolgreiche Geschäftsmodelle im
Hochschulbereich? Andersrum: Was können andere Hochschulen von Ihnen
lernen?
Rolf Granow:
Ich muss mir am Anfang Gedanken machen, wer eigentlich
auf Dauer das, was ich tun möchte, finanzieren soll, und dafür eine Lösung
finden. Das ist eigentlich schon alles. Unsere Lösung habe ich ja vorab
schon geschildert. Man muss sich auch von dem Gedanken verabschieden, dass
sich im E-Learning dauerhaft durch Aktivitäten einzelner Personen und
einzelner Institutionen/Hochschulen Erfolge erzielen lassen. Es ist wichtig,
sich hier auf neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und
Lehrenden einzustellen und sie ernsthaft zu gestalten.
patrick johnscher:
Herr Granow, können Hochschulen Ihrer Meinung nach
mit dem Verkauf von Content - also im weitesten Sinne standardisierten
E-Learning-Inhalten - Geld verdienen, in dem die Hochschulen bspw.
E-Learning-basierte Kurse (das heißt nur den Content, nicht eine
Blended-Learning-Maßnahme) an Unternehmen verkaufen?
Rolf Granow:
Nein.
Moderator:
Warum nicht?
Rolf Granow:
Wir hatten diese Hoffnung, noch mehr hatten die
Ministerien diese Hoffnung, Ende des letzten Jahrtausends. Wir haben hier
dieselben Erfahrungen gemacht wie fast alle anderen auch: Der Content, den
wir für das Studium nutzen, verfolgt andere Lernziele als das, was
Unternehmen in der Regel für die Weiterbildung benötigen, auch wenn die
groben Überschriften häufig ähnlich sind.
Vermarktung
von E-Learning-Content contra Open Educational Resources?
susi:
Sind E-Learning-Content und Geschäftsmodelle in Zeiten von
Open Educational Resources
nicht eine Antithese?
Rolf Granow:
Diese Ansätze stellen aus meiner Sicht keine Antithese dar,
sondern ergänzen sich und haben bestimmte Einsatzfälle. Innerhalb von
Hochschulen macht es sehr wohl Sinn, sich seine Inhalte gegenseitig frei zur
Verfügung zu stellen. Wir sind seinerzeit von einer anderen Aufgabenstellung
ausgegangen: Hier bieten Hochschulen verbindlich Studieninhalte an, für
deren Qualität sie verantwortlich sind. Diese Inhalte werden gemeinsam
entwickelt und gemeinsam genutzt. Es ist nötig, dass die Hochschulen
sicherstellen, dass diese Inhalte auch jeweils aktuell sind und den
Qualitätsstandards entsprechen. Um diese Verantwortung umzusetzen, muss auch
jemand verantwortlich gemacht werden, diese Aktualisierung durchzuführen und
für die Qualität zu stehen. Eine solche Verantwortung übernehmen Menschen in
realen Hochschulen dauerhaft aber nicht, wenn es dafür keine Gegenleistung
gibt. Deshalb finanzieren wir diese Tätigkeit aus den schon geschilderten
Medienbezugsgebühren.
carla:
Was sagen Sie zu der Argumentation, dass öffentlich geförderte
Projekte ihre Ergebnisse auch frei zugänglich der Öffentlichkeit zur
Verfügung stellen sollten?
Rolf Granow:
Ich stimme dieser Argumentation zu. Als wir das Projekt
"Virtuelle Fachhochschule" in der Umsetzung hatten, haben wir mit dem
Mittelgeber diskutiert, was denn mit den Ergebnissen eigentlich geschehen
soll: Sollen die Ergebnisse unverbindlich zu beliebiger Nutzung im Netz
stehen und eventuell weiter genutzt werden? Oder unterstützt der Fördergeber
die Hochschulen dabei, die Verantwortung für eine dauerhafte Aktualisierung
und Pflege der Ergebnisse auch in finanzieller Hinsicht zu übernehmen? Die
Hochschulen der VFH haben sich verpflichtet, die Projektergebnisse aktiv zu
verwerten. Dafür wurde ihnen das Recht zugestanden, den Zugang zu diesen
Ergebnissen zu begrenzen. Die Alternative hieß, ich finde heute im Netz
irgendwelche Ergebnisse aus 2004 oder aber, wir haben Studiengänge, die
jetzt noch aktuell sind.
Vom Geschäftsmodell zu realen Einnahmen
bruni:
Mit E-Learning Geld verdienen - das klingt in meinen Ohren nach
Alchemie! Was sind die Grundzutaten für den Erfolg?
Rolf Granow:
Zunächst mal geht es gar nicht so sehr darum, mit
E-Learning Geld zu verdienen, sondern es überhaupt dauerhaft betreiben und
damit langfristig finanzieren zu können. Ansonsten stimme ich der Alchemie
zu. Grundzutaten für einen Erfolg liegen allerdings sicherlich darin, dass
das, was wir hier tun, für möglichst viele interessant ist und auch von
möglichst vielen genutzt wird. Das gilt auch für unser Modell.
alfred:
Ein Geschäftsmodell zielt in der Regel auf Gewinnerlöse. Haben
Sie die? Werden die reinvestiert?
Rolf Granow:
Gewinn ist eine zweite Kategorie. Zunächst mal reden wir
über Einnahmen. Und die Einnahmen, die wir erzielen, nutzen wir, um den
Bestand aktuell zu halten und unser Angebot aufrecht zu erhalten. Gewinne
lassen sich damit zur Zeit noch nicht erzielen, aber es lassen sich die
anfallenden Kosten des Betriebes decken.
Uwe:
Vom Geschäftsmodell zum Geschäft: Welche Bildungsangebote sind Ihre
"Cash Cows" oder: Womit verdient oncampus Geld? Kann allein die
Medienbezugsgebühr eine ausgeglichene Bilanz bewirken?
Rolf Granow:
Wenn man den Begriff Cash Cow benutzen will, dann sind
es die Onlinestudiengänge, weil hier eine große Anzahl von Studierenden
unsere Angebote sehr intensiv nutzt. Im Bereich der Weiterbildung wenden wir
uns an Einzelpersonen. Hier stellen wir zwar eine sehr erfreuliche
Steigerung der Nachfrage fest, allein die Zahlungbereitschaft bei Angeboten
aus Hochschulen ist nach wie vor sehr niedrig.
Ausblick,
Visionen
Uwe:
Welche Vision haben Sie für die Zukunft von oncampus? Wo sehen
Sie oncampus im Bildungsmarkt in fünf bis zehn Jahren? Und mit welchen
Angeboten - mehr bei Studiengängen oder eher bei kompakten Kursen?
Rolf Granow:
Wir verfolgen hier verschieden Wege. Kernziel ist es, auch
weiterhin zu den führenden internationalen Anbietern im Bereich von
E-Learning Services zu gehören. Dazu möchten wir unser Angebot an
Onlinestudiengängen konsequent erweitern. Dieses zunächst im
Bachelorbereich. Mittelfristig erwarte ich eine sehr starke Nachfrage im
Bereich der Masterstudiengänge, da ich nicht glaube, dass
BachelorabsolventInnen, die bereits erfolgreich im Beruf sind, diesen wieder
verlassen, um an die Hochschule zurückzukehren. Deshalb erwarte ich hier
eine ansteigende Nachfrage nach berufsbegleitenden Masterangeboten.
Irmgard:
Was empfehlen Sie e-teaching.org in Sachen
Geschäftsmodellentwicklung?
Rolf Granow:
Erstens darüber nachzudenken, für wen die Institution
Mehrwerte erzeugt und zweitens, wer dafür bereit ist, die Finanzierung zu
übernehmen - die NutzerInnen selber oder aber dritte Organisationen wie z.B.
eine öffentliche Finanzierung. Im Internet ist es in sehr vielen Fällen eher
so, dass nicht die NutzerInnen für die Informationen und Leistungen
bezahlen, die sie aus dem Internet beziehen. Ob eine Werbefinanzierung oder
eine Finanzierung durch Sponsoren wie bei Wikipedia für e-teaching.org
gangbar oder wünschenswert ist, vermag ich von hier nicht zu
beurteilen.
Moderator:
Wir sind kurz vor Schluss. Herr Granow, möchten Sie noch ein
Schlusswort an die Nutzer richten?
Rolf Granow:
Bei der Frage von Geschäftsmodellen für E-Learning geht es
aus meiner Sicht nicht so sehr darum, ob und wie Gewinne erzielt werden,
sondern um die Frage, wie kann ich überhaupt dauerhaft meine Aktivitäten
erbringen und auch finanzieren. Aus meiner Sicht gibt es kein eindeutiges
Geschäftsmodell für E-Learning. Ich komme nicht umhin, mir selbst Gedanken
darüber zu machen, wer auf Dauer meine Aktivitäten finanzieren wird.
Moderator:
Das waren wieder knapp 70 Minuten e-teaching-org
Expertenchat. Vielen Dank an Herrn Granow für seine Antworten, und natürlich
vielen Dank an unsere Nutzer für die vielen Fragen, die wir aus Zeitgründen
leider nicht alle stellen konnten. Das Chat-Team wünscht ein schönes
Wochenende.
Rolf Granow:
Danke schön. Das wünsche ich uns auch allen.