Virtuelle Labore sind eine sehr spezielle Ausprägung internetbasierten Lehrens und Lernens. Wie Sie diese in bestehende Veranstaltungsformen integrieren oder zum evolutionären Instrument der Hochschuldidaktik entwickeln, veranschaulichen wir Ihnen an Hand ausgewählter Lehrszenarien. Best practice-Beispiele bereits in der Lehre eingesetzter Labore zeigen praxisnah Anwendungsbereiche auf.
Einsatz als Demo
Visualisierungen sind wirkungsvolle Werkzeuge, um Lerninhalte nachhaltig
in den mentalen Wissensstrukturen von Schülern und Studierenden zu
verankern.
Virtuelle Labore
haben den großen Vorteil, dass sie im übertragenen
Sinne an jeden Ort und zu jeder Veranstaltung mitgenommen werden können,
sofern denn ein Internetanschluss vorhanden ist. Über einen
Beamer
lassen sich virtuelle Experimente als konkretes
Anschauungsbeispiel in eine Vorlesung einbauen. Diese Demonstrationen
fördern den Praxisbezug und das Nachvollziehen von Sachverhalten. Zweitens
lassen sich so Vorträge und Forschungsergebnisse vor Fachpublikum auf
Tagungen oder Kongressen lebhafter präsentieren. Drittens bietet das
virtuelle Labor die Möglichkeit, im Vorfeld realer Versuche Abläufe
einzuüben. Das steigert die Lerneffizienz bei gleichzeitiger Senkung der
Kosten und des Gefahrenpotentials.
Die Einbindung
virtueller Labore
als Demo eignet sich
besonders für Lehrformen, die konzeptionell eher
konventionell ausgerichtet sind und wenn Sie virtuelle Elemente nur als
Supplement nutzen wollen.
Beispiel
Blended Learning-Element
Blended Learning beschreibt den didaktisch wohl durchdachten Wechsel von
Präsenz- und Onlinephasen, d.h. zum Beispiel von Phasen aufnehmenden Lernens
in einer Vorlesung und von Phasen entdeckenden Lernens in einem
Online-Labor.
Laut
Bruchmüller und Haug
formen Laborübungen rund die Hälfte der
Behaltensmenge einer Lehrveranstaltung. Dieser Sachverhalt spricht für den
Einsatz virtueller Labore als Ausgleich fehlender Ressourcen, wenn reale
Erfahrungen für die Studierenden nicht realisiert werden können. Die
situierten, fallbasierten Aufgaben der Laborpraktika zwingen die
Studierenden zum eigenständigen Arbeiten und zur Entwicklung individueller
Lösungsstrategien. Dies fördert die Motivation und verfestigt den
subjektiven Erkenntnisgewinn. Das in der Vorlesung erworbene Wissen wird
nebenbei überprüft. Die Vor- und Nachbereitung von Vorlesungen wird dadurch
angeregt und wirkt sich positiv auf die Präsenzzeiten aus.
Durch Blended Learning findet Lernen in multiplen Kontexten statt: Im
Selbstlernprozess der Online-Phase wird das Gelernte aus unterschiedlichen
Perspektiven beleuchtet und angewendet. So lässt sich Wissen aufbauen, mit
dem flexibel und explorativ gearbeitet werden kann. Deshalb sollten
virtuelle Labore über ausreichend Raum für offene Aufgaben und freie
Experimente verfügen, um weitere individuelle Lernanreize zu schaffen.
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Daneben haben virtuelle Laborpraktika den großen organisatorischen
Vorteil, dass sie zeit- und ortsflexibel in den Stundenplan der
Studierenden einfließen können. Im Zusammenhang mit den streng
organisierten, gestrafften Curriculumskonzepten der BA- und
MA-Abschlüsse dürfte sich dieses Kriterium zu einem weiteren
Attraktivitätsfaktor virtueller Labore entwickeln. Virtuelle Labore
können als
Web Based Trainings
(WBT) über das Internet – teilweise auch als
CD-ROM (CBT) – genutzt werden.
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Beispiele
- Im
IAS Online-Praktikum
können
Studierende Versuche zur Echtzeitprogrammierung durchführen. Das virtuelle
Labor bildet die Ablaufsteuerung eines Modelleisenbahnsystems ab und
ermöglicht es, bereits vor der realen Versuchsausführung Abläufe an einer
Simulation
zu testen. Mehr dazu in den
Referenzbeispielen.
- Das Projekt
Nano-World
bietet virtuelle Experimente aus den
verschiedenen Disziplinen der Nanowissenschaften. Naturwissenschaftler im
Nachdiplomstudium nutzen "Nano-World" als zweiwöchigen
Blended Learning
-Blockkurs. Morgens wird jeweils in die Simulation und
Theorie eingeführt. Am Nachmittag arbeiten die Studierenden im betreuten
Selbststudium an den Simulationsprogrammen. Auch zur „Nano-World“ finden
Sie weiterführende Informationen in den
Referenzbeispielen.
Bestandteil eines E-Learning-Konzepts
Virtuelle Labore
können Bestandteil einfacher oder
komplexerer
Blended-Learning
-Szenarien sein. Es kann sich
dabei um eine einzelne in das Internet ausgelagerte Übung handeln oder um
ausführlicher angelegte
interaktive
Unterrichtseinheiten. Diese
verlagern dann meist weitere Veranstaltungsinhalte in die Onlinesitzungen
der Studierenden. Als Modul eines umfassenden E-Learning-Konzepts
implementieren virtuelle Labore den Praxisbezug in ingenieur- und
naturwissenschaftliche Lernportale. Diese sollten im Idealfall alles
Notwendige für das Selbststudium, die Er- und Ausarbeitung wie Vertiefung
von Studieninhalten bereit halten.
Gestaltung
Die Rubrik
Lehrszenarien
berät Sie allgemein, wie Sie
virtuelle Lernplattformen bis zur Integration von Prüfungsleistungen mit
digitalen Medien gestalten können. Spezifische Hinweise zu
virtuellen Laboren
gibt der Bereich
Praktikum.
Im Zusammenhang mit der Einbindung virtueller Labore ist zu
berücksichtigen, dass die Experimente nicht zum dekorativen Element geraten,
sondern als Übungsmodul sinnvoll mit benachbarten Themenfeldern verzahnt
sind: In einem bibliothekähnlichen Bereich sollten sich die Studierenden
Hintergrundwissen erarbeiten können. Neben notwendigen, fachlichen
Materialien können Sie Vorlesungsskripte-, mitschnitte, Folien und
Lehrvideos zur Verfügung stellen. Bedienhandbücher und Gerätedokumentationen
ergänzen
telematische
Versuche. Handbücher und Spezifikationen stimulieren das
Interesse für die verwendeten
Simulationswerkzeuge.
Die Versuche selbst sollten durch eine präzise Präsentation des Ablaufs,
der Aufgaben und Übungen inhaltlich eingeleitet werden. Ein
Advance Organizer
oder ein gesonderter Motivationsbereich mit
vorbereitenden Aufgaben und Selbsttests zur Lernzielkontrolle kann die
Hinführung zusätzlich unterstützen. Zur Übertragung, Speicherung und
Bewertung der Ergebnisse ist die Einrichtung eines Rückkanals sinnvoll,
ebenso für den Austausch zwischen Lehrenden und Studierenden. Die
Kommunikation kann
synchron
– z. B. im
Chat
mit einem Tutor – oder
asynchron
– z. B. als
Forumsbeitrag
– erfolgen.
Beispiele
- An der FH-Reutlingen vermitteln virtuelle Übungen Kenntnisse in der
Praxis
Automatisierter Anlagen und der Informatik virtueller
Systeme. Um sich das notwendige Know-how für die Versuchsdurchführung
erarbeiten zu können, sind die Übungen in ein informatives Set
eingebettet.
- Das modulare Webportal
GETsoft
verfügt über ein
Belohnungssystem als Motivationsanreiz für eigenaktiv Studierende. Des
Weiteren animieren regelmäßige Leistungstests zu kontinuierlicher
Studienarbeit. Mehr zu „GETsoft“ in der Rubrik
Referenzbeispiele.
Hochschulübergreifende, standortunabhängige Einrichtungen
Ein Alleinstellungsmerkmal von E-Learning-Elementen ist die komfortable,
dezentrale Nutzbarkeit. Als veranstaltungsunabhängig konzipierte Module
können virtuelle Versuche sehr gut zu Gesamtpraktika gebündelt werden:
beispielsweise zu einem Grundlagenpraktikum für untere und mittlere oder
einem Fachpraktikum für höhere Semester. Diese können die Studierenden dann
nach individuellem Bedarf und Zeitbudget, aber auch losgekoppelt von einem
bestimmten Standort absolvieren. Dadurch können virtuelle Labore
interdisziplinär und hochschulübergreifend genutzt werden.
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Auf der einen Seite vervielfacht der Austausch
virtueller
Laboratorien
das Angebot für die Studierenden. Ihnen kann der
Zugang zu Geräten und Versuchen ermöglicht werden, die am jeweiligen
Studienort nicht zur Verfügung stehen. Ein Beispiel sind
Computer-Tomografie-Anlagen (CT) für die Bauteilprüfung. Der Zugriff auf
CT-Anlagen ist an den Hochschulen derzeit kaum gegeben, die
Bauteilprüfung hingegen ein wichtiges Thema in den
maschinenbauorientierten Studiengängen.
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Auf der anderen Seite erlauben es die Kooperationen der einzelnen
Hochschule, sich im Praxisbereich auf bestimmte Kernkompetenzen zu
konzentrieren und zu spezialisieren, ohne dabei die Breite der Ausbildung zu
vernachlässigen.
Um die Verbund- und Kooperationseffekte ideal auszunutzen, bietet sich
die Integration entsprechender Experimente und Module in ein übergeordnetes
Webportal an. Es sollte Lernenden wie Lehrenden einen Überblick über die
virtuell erschlossenen Themengebiete vermitteln. Die Nutzer sollten sich
orientieren können, welche Module sinnvoll miteinander zu kombinieren sind,
wie sie aufeinander aufbauen und in welcher Reihenfolge sie durchgeführt
werden müssen. Zudem sollte ein Berater bei offenen Fragen kontaktiert
werden können.
Ein hochschulübergreifendes Netzwerk virtueller Versuche verfügt nicht
nur über ein breiteres Angebot, sondern kann verschiedene Lern- und
Ausbildungsstufen auch differenzierter berücksichtigen. Zudem wird den
Studierenden ermöglicht, Praxiserfahrungen auch auf internationaler Ebene zu
sammeln. Aus diesem Grund ist es ggf. sinnvoll, bei der Entwicklung
virtueller Labore begleitend eine englische Version zu erstellen.
Beispiele
- Die Plattform
Virtuelle Labore für die Lehre in den
Naturwissenschaften
vereint mehrere virtuelle Praktika unter ihrem
Dach. Die Bandbreite reicht von Versuchen für die gymnasiale Oberstufe bis
zum Hauptstudium. Ein Physiklabor erschließt dem Biologen die
Nachbarwissenschaft. Die einzelnen Projekte stellen wir Ihnen in der Rubrik
Referenzbeispiele
detaillierter vor.
- Der
Verbund Virtuelles Labor
ist beispielhaft für
hochschulübergreifende Kooperationen: Über das Webportal stehen rund 60
Teleexperimente und multimediale Übungen via Internet aus den Fachgebieten
Automatisierungstechnik, Reglungstechnik, Robotik, Werkzeugmaschinen,
Bildverarbeitung, Informatik und Kommunikationstechnik zur Verfügung. Sie
sind mit Lehrmaterialen verknüpft und in der Praxis erprobt. Weitere
Informationen zum Verbund enthält die Rubrik
Referenzbeispiele.
- Im europäischen Projekt LabLink (Oktober 2001-2003) bemühten sich neun
internationale Hochschulen um den Aufbau virtueller Laboratorien. Das Ziel
war, technisch orientierten Studenten die Durchführung von Versuchen und
Bearbeitung von Lerneinheiten über das Internet zu ermöglichen. Im
Austausch sollte sich das Angebot für den einzelnen Lernenden
vergrößern.
Weiterbildungsangebote & Vermarktung
Veranstaltungsneutrale E-Learning-Angebote mit integrierten Laborpraktika
können darüber hinaus zu Fernstudiengängen ausgebaut werden. Beispiele aus
diesem Bereich kommen häufig aus den nichttechnischen Wissenschaften. Über
den Einsatz
virtueller Labore
lassen sich hier folglich ganz
neue Zielgruppen erschließen. In diesem Lehrszenario erarbeiten sich die
Studierenden ihre Studieninhalte rein anhand von online bereit gestellten
Materialien, Übungen,
Simulationen
und Versuchen. Ihnen allein obliegt die Taktung des Lernens
und ermöglicht daher eine hohe zeitliche Flexibilität. Letztgenanntes
schätzen besonders erwerbstätige Studenten oder Teilnehmer dualer Programme,
die ihr Studium neben dem Arbeitsalltag in einem Unternehmen organisieren
müssen.
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Virtuelle Labore lassen sich nicht nur für die außeruniversitäre Aus-
und Weiterbildung nutzen, sondern auch für die betriebliche Fortbildung.
Unternehmen könnten zum Beispiel auf Roboter- und Maschinenlabore online
zugreifen, um in der vorlesungsfreien Zeit Mitarbeiter in den
entsprechenden Bereichen zu schulen. Zusätzlich ist es möglich, die
technische Architektur virtueller Labormodule komplett zu vermarkten. Zu
diesem Zweck sollte sie so aufgebaut sein, dass diese zur einfachen
Nachnutzung und zur Verwendung in anderen Fachbereichen geeignet ist. In
dieser Form können prototypisch entwickelte Plattformen angeboten
werden, die inhaltlich und strukturell leicht zu verändern sind. Diese
Umgebungen können dann an die Vorstellungen und Bedürfnisse der
einzelnen Dozierenden angepasst, im (curricularen) Austausch zwischen
den Hochschulen verwendet oder als geldwerte Produkte am Markt platziert
werden.
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Beispiele
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GenLab – das virtuelle gentechnische Praktikum – ist auf CD-ROM über
den Handel erhältlich. Es vermittelt die theoretischen und praktischen
Grundlagen der Gentechnik. Kernstück ist ein virtuelles Labor zur
interaktiven
und realitätsnahen Simulation gentechnischer
Experimente.
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Ein Beispiel für ein mediengestütztes Fernstudienangebot ist der
Früheinstieg ins Physikstudium (FiPS).
Simulationsprogramme, Videos, Demonstrationen von Experimenten und
anderen
Multimedia
-Zusätze können per Internet oder CD-ROM betrachtet und
bearbeitet werden. Weitere Informationen zu FiPS enthält die Rubrik
Referenzbeispiele.
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VELO
– das Virtual Electronic Laboratory – lässt sich
mit wenigen Änderungen auch in anderen Kontexten verwenden. VELO basiert
auf
XML.
Katalysator für neue Lehr- und Lernstrategien
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Digitale Medien bereichern die Palette etablierter Lehrszenarien,
indem sie Lernerfahrungen realisieren, die bisher nicht möglich waren.
Die Metapher des wissenschaftlichen Labors kann genutzt werden, um
Probleme in einem praktischen Umfeld zu
simulieren
und zu visualisieren. Damit entstehen zusätzliche
curriculare Bausteine, die den Studierenden das Verständnis abstrakter
Theorien, Modelle und Methoden enorm erleichtern. Im
Statistiklabor
lassen sich zum Beispiel reale Daten
integrieren, um authentische statistische Probleme zu bearbeiten. Alle
Operationen werden umgehend visualisiert. Interaktive Experimente
motivieren zur Entwicklung konstruktiver Lösungsstrategien.
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Dieses virtuelle Labor wird als Gegengewicht zur reinen
Methodenorientierung im Fachbereich eingesetzt. Mit virtuellen Laboren
eröffnen sich zudem der Forschung neue Wege. Um kollaborative Komponenten
ergänzt eignen sie sich als Forschungs- und Entwicklungsumgebung.
Wissenschaftler und fortgeschrittenere Studenten können sie
telekooperativ
für die interdisziplinäre oder internationale
Zusammenarbeit einsetzen.