Durch die breite Nutzung des Internet ist es leicht möglich, einen Fragebogen online zu veröffentlichen und so einem großen Teilnehmerkreis zugänglich zu machen. Mit vergleichsweise geringem Aufwand kann innerhalb eines kurzen Zeitraums eine Befragung mit sehr hohen Teilnehmerzahlen umgesetzt werden. Insbesondere im Bereich der Marktforschung erfreut sich die Methode der Online-Befragung immer größerer Beliebtheit. Entsprechend häufig stößt man inzwischen im Internet auf Umfragen unterschiedlicher Herkunft und Zielrichtung.
Grundlagen
Zunächst sind bei der Konstruktion von Online-Fragebögen die gleichen
methodischen Anforderungen zu beachten, die für die herkömmlichen
Paper-Pencil-Verfahren gelten. Dies betrifft u.a. die Formulierung der
Fragen (z.B. Vermeidung von Suggestivfragen) und die Auswahl der
Antwortoptionen (z.B. geeignetes Skalenniveau). Die wichtigsten Aspekte
haben wir für Sie in der Vertiefung
Fragebogen
zusammengestellt.
Durch die Übertragung der Erhebungsmethode Fragebogen auf ein anderes
Medium – dem Internet – ergeben sich zusätzliche methodische und
gestalterische Anforderungen. Online-Fragebögen weisen gegenüber
Papierversionen folgende Besonderheiten auf (in Anlehnung an
Batinic & Bosnjak, 1997):
-
Asynchronität, Alokalität:
Ein online zur Verfügung gestellter
Fragebogen kann zu jedem beliebigen Zeitpunkt von den Teilnehmern
ausgefüllt werden, die Ergebnisse stehen unmittelbar zur Auswertung zur
Verfügung. Dabei spielt es keine Rolle, an welchem Ort Teilnehmer und
Versuchsleitung sich befinden.
-
Automatisierbarkeit der Durchführung und Auswertung:
Die Nutzung
der elektronischen Datenverarbeitung bringt eine enorme Reduzierung des
notwendigen Aufwandes für die Durchführung und Auswertung einer Umfrage
mit sich. Dies gilt insbesondere, wenn eine hohe Teilnehmerzahl angestrebt
wird. Der Fragebogen muss nicht an die Teilnehmer verteilt oder versendet
werden, sondern steht jedermann oder einer definierten Gruppe von
Teilnehmern jederzeit zur Verfügung. Einladungen können Zeit und Kosten
sparend per
E-Mail
verschickt werden. In technischer Hinsicht können Funktionen
implementiert werden, die für Paper-Pencil-Verfahren nicht zur Verfügung
stehen. Dies sind z.B. die Anpassung der Fragenreihenfolge und –auswahl
durch Filterfunktionen oder Zufallsgeneratoren sowie neue Formen von
Ratingskalen wie z.B. stufenlose Schieberegler. Die Ergebnisse einer
Online-Umfrage stehen sofort in elektronischer Form zur Verfügung und
können mit entsprechender Software, z.B. dem Statistikprogramm
SPSS, weiterverarbeitet werden. Das Übertragen von in Papierform
vorliegenden Daten entfällt.
-
Dokumentierbarkeit der Durchführung:
Beim Ausfüllen eines
Online-Fragebogens werden automatisch Daten wie die Verweildauer auf
einzelnen Seiten, Abbruchpositionen und die Gesamtzeit protokolliert.
Diese Informationen können z.B. genutzt werden, um den Fragebogen zu
optimieren.
-
Flexibilität:
In einen Online-Fragebogen können verschiedene
Medientypen wie Bild, Audio, Animationen oder Video integriert werden. Der
Einsatz verschiedener Medien kann dazu beitragen, die Inhalte eines
Fragebogens zu verdeutlichen oder zu illustrieren. Außerdem kann der
Fragebogen für bestimmte Zielgruppen interessanter gestaltet und so die
Motivation zur Beantwortung erhöht werden (vgl.
Lozar Manfreda, Batagelj & Vehovar, 2002).
-
Ökonomie, Objektivität:
Ein großer Vorteil von Online-Umfragen
ist, dass die aufwändige und häufig fehlerhafte Übertragung der Daten in
ein digitales Format entfällt, da die Antworten ohne Zwischenschritte
digital gespeichert werden und so sofort ausgewertet werden können.
Methodische Probleme
Bei quantitativen Online-Umfragen, die frei im Internet zur Verfügung
gestellt werden, ist in methodischer Hinsicht insbesondere das Problem
der mangelnden Repräsentativität zu beachten, das hauptsächlich auf die
undefinierte Grundgesamtheit und Stichprobenverzerrungen zurückzuführen ist.
So ist die gewonnene Stichprobe selbstselektierend, es gibt keine
Informationen über Nonrespondents, das Ziehen einer echten Stichprobe ist
nicht möglich (vgl.
Hauptmanns, 1999).
Für den Bereich Lehrevaluation fallen diese Grundprobleme jedoch weniger
ins Gewicht, da in aller Regel ein Fragebogen zur Evaluation einer
Lehrveranstaltung nicht für jedermann frei verfügbar ins Netz gestellt,
sondern einer definierten Grundgesamtheit (alle Teilnehmer der
Veranstaltung) exklusiv zugänglich gemacht wird.
Grundsätzlich ist zu beachten, dass das Ausfüllen eines Online-Fragbogens
einen Spezialfall der Mensch-Computer-Interaktion mit den entsprechenden
Charakteristika darstellt. So wird vermutet, dass ein auf dem Bildschirm
auszufüllender Fragebogen weniger sorgfältig gelesen wird und die Probanden
dazu neigen, ungeduldiger und wählerischer zu sein als Teilnehmer einer
herkömmlichen Befragung (Lozar Manfreda, Batagelj & Vehovar, 2002). Dies kann zu Verzerrungen
des Messergebnisses in unbekannter Größenordnung führen.
Vermeidung von Fehlern
Die bei der Erstellung einer Online-Umfrage häufig gemachten Fehler sind
zum einen methodischer Art, d.h. unabhängig vom Medium. Zum anderen handelt
es sich um Fehler, die sich durch die Übertragung auf ein neues Medium
(Internet) ergeben. Allgemeine methodische Hinweise zur
Fragebogenkonstruktion finden Sie im Portal in der Unterkategorie
Fragebogen
und in der einschlägigen Fachliteratur
(z.B.
Bortz & Döring, 2002). Im folgenden geben wir in Anlehnung an
Gräf (1999)
Hinweise, wie Sie typische Fehler bei der Erstellung von
Online-Umfragen vermeiden können.
-
Vorselektierte Antwortoptionen:
Die Antwortoptionen von
Online-Fragebögen werden meistens mit Hilfe von
HTML
-Formularen realisiert. Anders als bei herkömmlichen
Papierfragebögen gibt es hier die Möglichkeit, Antwortkategorien
vorzuselektieren, z.B. bei den sogenannten Radio-Buttons, die für Multiple
Choice Fragen eingesetzt werden können. Bei bestimmten Varianten, etwa den
Pop-up-Menüs, ist ebenfalls eine bestimmte Kategorie bereits ausgewählt. Es
ist anzunehmen, dass diese Vorgaben das Antwortverhalten einiger Teilnehmer
beeinflussen, das Vorselektieren von Antwortoptionen ist daher zu
vermeiden.
Abb 1: Vorselektierte Antwortoption
-
Medienadäquate Gestaltung:
Noch mehr als bei Papierversionen ist
bei Online-Fragebögen darauf zu achten, dass die Bearbeitungszeit in einem
angemessenen Rahmen bleibt. Ein zu langer Fragebogen führt zu hohen
Abbruchquoten. Dabei kommt es nicht nur auf die Gesamtzahl der Fragen (nach
Gräf (1999)
sollte diese 15-25 Fragen nicht übersteigen), sondern
insbesondere auch auf die Anzahl der Antwortoptionen an. Die in
schriftlichen Umfragen häufig verwendeten Matrix-Fragen können unter einer
einzigen Fragestellung schnell 50 und mehr Entscheidungsmöglichkeiten
bereitstellen und sind daher für Online-Umfragen weniger geeignet. Nur sehr
wenige Teilnehmer werden solche Fragen bis zum Schluss sorgfältig
beantworten. Hinzu kommt, dass der bekannte Effekt, bei gleichförmigen
Antwortskalen eine Antworttendenz zu entwickeln, bei am Bildschirm
ausgefüllten Fragbögen besonders stark ausgeprägt sein dürfte: Teilnehmer
vermeiden möglicherweise, die Maus häufig von einer Bildschirmseite zur
anderen zu bewegen (Gräf, 1999).
Abb. 2: Matrixfrage mit 50 Antwortoptionen
Bildschirmtexte werden langsamer und weniger sorgfältig gelesen als
gedruckte Versionen, daher ist es besonders wichtig, die Fragen möglichst
knapp und eindeutig zu formulieren. Hinweise zur Gestaltung von
Bildschirmtexten finden Sie im Portal in der Kategorie
Mediengestaltung.
Eine medienadäquate Fragebogengestaltung hat auch die technischen
Voraussetzungen auf Seiten der Teilnehmer zu berücksichtigen. Wie bei allen
Online-Angeboten geht es dabei um das Vermeiden zu langer Ladezeiten durch
Integration von Bildern u.ä. sowie den Einsatz von Techniken, die auf Seiten
der Teilnehmer das Vorhandensein diverser
Plug-Ins
usw. erfordern. Auch die Optimierung auf eine bestimmte
Bildschirmgröße sollte auf die technische Ausstattung der Zielgruppe
zugeschnitten sein.
Technik
Das Erstellen eines Online-Fragebogens erfordert nicht nur methodische
Kompetenzen, sondern auch Kenntnisse zur technischen Umsetzung. Inzwischen
stehen eine Reihe von Programmen zur Verfügung, die die Realisierung auch
aufwändig gestalteter Umfragen ohne Programmierkenntnisse ermöglichen.
Viele
Lernmanagementsysteme (LMS)
bieten eine Evaluations- oder Surveyfunktion
an. Setzen Sie zur Durchführung Ihrer Lehrveranstaltungen ein LMS ein, lohnt
es sich zu prüfen, ob entsprechende Funktionalitäten vorhanden und ob diese
für Ihr Vorhaben geeignet sind. Trifft dies zu, hat die Umsetzung mit Hilfe
eines LMS einige Vorteile. Sie müssen sich nicht in ein neues Tool
einarbeiten, die Umfrage lässt sich leicht in die übrigen Lehraktivitäten
integrieren und in einem geschützten Bereich für einen definierten
Teilnehmerkreis zur Verfügung stellen. Aus Sicht der Studierenden ist es
ebenfalls von Vorteil, wird die Umfrage innerhalb der vertrauten
Lernumgebung angeboten.
Abb. 3: Erstellung einer Umfrage im LMS Blackboard
Weiterführende Informationen
Ein Beispiel für eine Online-Befragung zur Qualitätssicherung ist die
Umfrage zum Portal e-teaching.org. Der Langtext
stellt Ergebnisse vor und gibt Ihnen Anregungen für eigene
Untersuchungen.
Wir haben eine Liste mit
kommerziellen und kostenlosen Softwarelösungen
für
Sie zusammengestellt.
Umfangreiche Informationen rund um das Thema Online-Umfragen wie eine
Bibliografie und eine Liste mit Softwarelösungen bietet das
englischsprachige Portal
WebSurveyMethodology.
Das Portal
Online Forschung
bietet nützliche Tipps, Texte und Links
zu Online Umfragen, Online Experimenten und anderen Formen der Online
Forschung. Der aktuelle Stand der Literatur wird in Gastartikeln
erschlossen. Die Mailingliste GIR-L (German Internet Research List) ist per
Freitext-Archiv durchsuchbar.