Rezension zu Schenkel, P.; Tergan, S.;Lottmann, A. (Hrsg.)(2000).
Qualitätsbeurteilung multimedialer Lern- und Informationssysteme.
Evaluationsmethoden auf dem Prüfstand. Nürnberg: BW Bildung und Wissen,
Verlag und Software GmbH
Anlaß für die Entstehung dieses Bandes war die Entwicklung eines
multimedialen Lern- und Informationssystems zum Thema "EDV im Handwerk".
Dieses Multimediaprodukt wurde im Rahmen des Modellversuchs "Multimediale,
arbeitsplatznahe Weiterbildung zur Einführung und Nutzung von Informations-
und Kommunikationstechniken im Handwerk (IKTH)" (Durchführungsträger:
Arbeitsgemeinschaft IKTH) entwickelt. Ziel der beiden Tagungen, deren
Ergebnis der vorliegende Band ist, war es, dieses Multimediaprodukt mit
Hilfe verschiedener Methoden und –verfahren vergleichend zu evaluieren.
Teil A (Grundlagen der Qualitätsevaluation) des Bandes umfaßt fünf
Beiträge: S.-O. Tergan führt in einem breit angelegten Überblick in
Grundfragen (Grundbegriffe, Funktionen, Ziele, Rahmenbedingungen,
Gegenstände und Methoden) der Evaluation von Bildungsangeboten ein. P.
Schenkel (Ebenen und Prozesse der Evaluation) stellt ein Qualitätsmodell und
ein Prozeßmodell der Evaluation vor und spezifiziert dieses für die
verschiedene Ebenen (Produkt-, Reaktions-, Lern-, Handlungs-, Erfolgs-,
Return-on-Investment-Ebene) und Phasen (Planung, Methodenwahl, Durchführung,
Analyse, Bericht/Empfehlung) des Evaluationsprozesses. R. Fricke
(Qualitätsbeurteilung durch Kriterienkataloge. Auf der Suche nach validen
Vorhersagemodellen) behandelt methodische Fragen der Evaluation mit Hilfe
von Kriterienkatalogen. Der Tenor seiner Ausführungen besagt, daß das auf
Kriterienkataloge gestützte Expertenurteil sich nicht mit den tatsächlichen
Wirkungen von Instruktionsmedien deckt, da die Beurteilerübereinstimmung bei
der Quantifizierung von Qualitätskriterien zu wünschen übrig läßt, die
Korrelation zwischen den Qualitätskriterien und Lernerfolg zumeist von
geringer praktischer Signifikanz ist, Medienvariablen mit anderen Lehrstoff-
und Lernervariablen interagieren und schließlich Kriterienkataloge den
konkreten Verwertungszusammenhang einer Bildungssoftware zumeist nicht
berücksichtigen. Einen Ausweg sieht Fricke darin, Kriterienkatalog nicht
blind und automatisch anzuwenden, sondern unter Berücksichtigung der
gegebenen Bedingungen (Zielgruppe, Lernziele, Rahmenbedingungen) aus den
Katalogen die jeweils angemessenen Kriterien auszuwählen. H. Mandl und G.
Reinmann-Rothmeier (Vom Qualitätsbewußtsein über Selbstevaluation und
maßgeschneidertes Vorgehen zur Transfersicherung) betonen – sozusagen als
motivationale Voraussetzung des Evaluierens – die Notwendigkeit eines
ausgeprägten Qualitätsbewußtseins bei allen Beteiligten (Entwickler,
Entscheider, Anwender, Nutzer). In Analogie zum Konzept des
selbstgesteuerten / selbstbestimmten Lernens sehen sie in der
Selbstevaluierung (durch Selbstbeobachtung, Selbstprotokollierung und
Selbstkontrolle) der Lernenden eine wichtige Informationsquelle für die
Qualitätssicherung von Bildungsangeboten. F. Schott (Evaluation aus
theoriegeleiteter, ganzheitlicher Sicht) stellt UCIT vor, ein umfassendes
Modell für das Instruktionsdesign. Es handelt sich dabei um einen
heuristischen Rahmen, aus dem sich sowohl Planungs- als auch
Evaluationsaktivitäten ableiten lassen. Letztere faßt Schott im
Evaluationsmodell ELISE zusammen, welches folgende Schritte vorsieht: (1)
Festlegung von Umfang und Auflösungsgrad der Evaluation, (2) Analyse des
Programms bzw. von Teilen des Programms unter verschiedenen Gesichtspunkten
(Programmstruktur, Lehr-Lernsystem, Lernprozesse u.a.), (3) Empirische
Erprobung, (4) Revision, (5) Zusammenführen der Teilevaluationen, (6)
Bedarfsanalyse, (7) Gesamtbewertung.
Teil B (Methoden der Qualitätsevaluation) umfaßt neun Beiträge. A.
Lottmann infomiert zunächst über Ziele, Adressaten und Konzeption des
Modellversuchs IKTH (s.o.). S.-0. Tergan berichtet über eine kleine Umfrage
unter dreizehn Experten, in der diese elf Fragen zur Bedeutung von
Qualitätsmerkmalen für die Evaluation von Lernsoftware zu beantworten
hatten. Die Fragen zielten darauf ab, Unterschiede und Gemeinsamkeiten
zwischen den Experten zu erheben. Die Ergebnisse bestätigen den aus anderen
Studien bekannten Befund, daß eine Quelle für die mangelnde Übereinstimmung
von Expertenurteilen Unterschiede in den impliziten Annahmen der Experten
über die Bedeutung einzelner Merkmale für das Lerngeschehen ist. Im
Mittelpunkt der folgenden Beiträge steht die Evaluation des multimedialen
Informationssystems "EDV im Handwerk" mit Hilfe verschiedener
Evaluationsmethoden (Expertenurteil auf der Basis von Kriterienkatalogen,
schriftliche Befragung von / Interviews mit Adressaten, lernbegleitendes
Lautes Denken). A. Meier evaluiert die Lern- und Informationssoftware "EDV
im Handwerk" mit Hilfe der auch in elektronischer Form verfügbaren
Kriterienkataloge MEDA und AKAB. Kh. Korbmacher verwendet hierzu SODIS, das
SOftware DOkumentations- und InformationsSystems des Landesinstituts für
Schule und Weiterbildung in Soest. F. Schott, F. Krien, S. Sachse und Th.
Schubert wenden die aus dem Instruktionsdesign-Modell UCIT (s.o.)
abgeleitete Evaluationsheuristik ELISE auf die Lernsoftware an. G.
Reinmann-Rothmeier und H. Mandl berichten über zwei Studien (eine
Interview-, eine Fragebogenstudie), in denen Meister- und Technikschüler die
Lernsoftware "EDV im Handwerk" hinsichtlich Akzeptanz, Lernerfolg, Transfer
sowie Softwarequalität zu beurteilen war. G. Zimmer und E. Psaralidis
berichten über fünf Fallstudien, in denen die Probanden vor, nach Beendigung
des Lernens mit der Software und schließlich zu einem späteren Zeitpunkt zur
Umsetzung des Gelernten befragt wurden. Kennzeichnend für den qualitativen
subjektwissenschaftlichen Ansatz dieser Autoren ist, daß sie das Lernen mit
"EDV im Handwerk" in einen breiten Kontext – in die Arbeit- und
Berufssituation sowie die bisherigen Lernerfahrungen der Probanden –
einbetten, und deren evaluative Aussagen über die Lernsoftware auf dem
Hintergrund dieser Zusatzinformationen interpretieren – und auch in Frage
stellen. H. Freibichler berichtet über zwei Fallanalysen, bei denen zwei
Personen die Lernsoftware im Beisein eines Beobachters bearbeiteten und ihre
Arbeit durch lautes Denken begleiteten. In einem abschließenden Beitrag faßt
S.-O. Tergan die Ergebnisse dieser Einzelstudien unter folgenden Aspekten
vergleichend zusammen: (1) Welche Stärken und Schwächen haben die
verwendeten Experten-Beurteilungsverfahren? (2) Kommen Experten mit Hilfe
unterschiedlicher Beurteilungsverfahren zu vergleichbaren Urteilen? (3)
Führen unterschiedliche empirische Verfahren (schriftliche Befragung,
Interviews, lautes Denken) zu vergleichbaren Urteilen über die Lernsoftware?
(4) Führt die Anwendung von Experten-Beurteilung und die von empirischen
Verfahren zu vergleichbaren Urteilen. (5) Welche Stärken und Schwächen haben
Experten-Beurteilungsverfahren gegenüber Adressatenbefragungen.
Ohne auf die Ergebnisse im einzelnen hier eingehen zu können, möchte ich
doch im folgenden kurz begründen, warum mir dieser Band sehr gut gefallen
hat: (1) Er verfällt nicht in die vielfach zu beobachtende
"Multimediahuberei". Es wird vielmehr durchgehend gezeigt, daß Medien nur
ein Faktor in einem komplexen Geschehen sind, dessen Wirkung im konkreten
Fall durch viele andere Bedingungen (individuelle Lernvoraussetzungen,
Stoffvariablen, Situations- und Kontextvariablen) moderiert und kompensiert
werden kann. (2) Wer selbst Lern- und Bildungsmedien evaluiert, findet in
dem Band eine Fülle von Anregungen, um für die eigenen Rahmenbedingungen
eine "maßgeschneiderte" Evaluationskonzeption zu entwickeln. Es wird aber
auch klar, daß beim heutigen Stand der Forschung standartisierte,
allgemeinverbindliche Evaluationskonzeptionen nicht zu haben sind, es sei
denn auf einer relativ hierarchiehohen, abstrakten Ebene, auf der es um die
Festlegung von Evaluationszielen, -fragen und -verfahren geht. (3) Der
Vergleich der verschiedenen Evaluationsmethoden macht deutlich, daß
Experten- und Adressatenurteil einander zwar ergänzen, aber doch letzten
Endes unterschiedliche Sachverhalte erfassen und daß man nicht davon
ausgehen kann, daß Experten kraft ihrer Expertise sozusagen die
Qualitätsurteile der Adressaten antizipieren. Die zum Teil gravierenden
Bedenken gegen den praktischen Nutzen der Lern- und Informationssoftware
"EDV im Handwerk" wurden nur in jenen Evaluationsarrangements erhoben, in
denen die Adressaten zu Wort kamen. Die von Experten auf der Basis von
Kriterienkatalogen gebildeten evaluativen Urteile betrafen dagegen mehr die
Qualität der Mediengestaltung, die überwiegend positiv beurteilt wird. Aus
diesem Grund wird denn auch in verschiedenen Beiträgen dieses Bandes ein
kombiniertes Vorgehen empfohlen, bei dem Experten und Adressaten in die
Evaluation einbezogen werden.
Vermißt habe ich in dem Band eine Anbindung der Thematik "Evaluation von
Lern- und Instruktionsmedien" an die allgemeine und sehr breite Diskussion
um Programmevaluation wie sie derzeit in den verschiedensten Feldern
(Entwicklungshilfe, Jugendhilfe, Organisationsentwicklung, Schule usw.)
geführt wird.
Dr. Felix Friedrich
Institut für Wissensmedien (IWM), Tübingen
Diese Rezension ist erschienen bei Texte online auf der Homepage des DIE.
http://www.die-frankfurt.de/esprid/dokumente/doc-2000/friedrich00_01.htm