Organisationsentwicklung ist als Konzept zur Gestaltung von organisatorischen Veränderungsprozessen zu verstehen. Bislang fand E-Learning innerhalb von Hochschulen hauptsächlich im Rahmen von Förderprogrammen und –projekten statt. Fragen der Organisationsentwicklung blieben in den meisten Fällen ausgeblendet (Kerres, 2005 ).
Die Integration von E-Learning muss als Teil eines
Hochschulentwicklungsprozesses verstanden werden, der sich auf die Lehre
aber auch die gesamte Organisation und Verwaltung auswirken kann (
Kubicek et al., 2004). Dabei spielen auch rechtliche Vorgaben der Länder
eine Rolle. In Baden-Württemberg zum Beispiel wird die Institutionalisierung
von E-Learning durch § 28 des Landeshochschulgesetzes (LHG) geregelt. Darin
wird den Hochschulen die Gründung eines einheitlichen Informationszentrums
„zur Koordinierung, Planung, Verwaltung und zum Betrieb von Diensten und
Systemen im Rahmen der Kommunikations- und Informationstechnik“ nahegelegt.
Als Aufgabenbereiche werden die Bereitstellung von Ressourcen sowie der
effiziente Einsatz dieser sowohl innerhalb wie auch außerhalb der Hochschule
benannt. Das Informationszentrum soll „eine Zentrale Betriebseinheit“ bilden
„dessen Leitung unmittelbar dem Vorstand untersteht“.
In Bezug auf die Integration digitaler Medien in die Hochschulen werden zwei
Ansätze der Organisationsentwicklung unterschieden, der Minimal-Change und
der Active-Change-Ansatz. Der Minimal-Change impliziert, dass mit der
Integration digitaler Medien möglichst minimale Veränderungen in Strukturen
und Prozessen einhergehen sollen, um damit die Akzeptanz bei den Lehrenden
sicherzustellen. Der Active-Change-Ansatz zielt im Rahmen eines aktiven
Change Managements auf umfassendere Veränderungen in der
Organisationsstruktur ab (
Kerres, 2005).
In Hochschulen ist die Praxis des Minimal-Change stark verbreitet. Die
Annahme, neue Medien könnten langsam und unauffällig in Organisationen
eingebracht und etabliert werden, erweist sich jedoch als wenig begründet.
Zumeist fehlen Koordinations- und Kontrollmechanismen um Innovationen und
Veränderungen an den Hochschulen zu begleiten (
Seufert & Euler, 2004). Allerdings muss die Kultur der Hochschulen
beachtet werden, wenn bei der Organisationsentwicklung auf Konzepte aus der
Wirtschaft zurückgegriffen wird. Sie sind auf Grund der anderen
Organisationsstruktur nur schwer auf die Hochschulen übertragbar. Die
fehlenden Koordinationsmechanismen und die lose Verknüpfung der einzelnen
Bereiche innerhalb der Hochschulen können aber auch als Chance begriffen
werden, die die Hochschulen flexibler und anpassungsfähiger machen.
Die Integration digitaler Medien erfordert Veränderungen. Diese lassen sich
nur realisieren, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Es ist daher wichtig,
dass die Hochschulen ihre Flexibilität und Anpassungsfähigkeit in den
praktizierten Kommunikations-, Informations- und Entscheidungsformen
steigern (
Seufert & Euler, 2004).
Rahmenbedingungen beachten
Bei der Organisationsentwicklung müssen die individuellen Rahmenbedingungen
der Hochschule beachtet werden (
Pfeffer, Sindler & Kopp, 2005).
Zu den Gestaltungsbedingungen zählen
• Umwelt der Hochschule: politisches System (national,
international, Wettbewerbssituation, rechtliche Selbständigkeit)
• Merkmale der Hochschule: Größe, Finanzmittel, Zahl der
Studierenden
• Kultur der Hochschule (Gewohnheiten und Verhaltensweisen,
Tradition)
Verantwortlichkeiten: Auf der Suche nach Change Agents
Wer sollte an den Hochschulen für ein Change Management im Zuge der
Integration digitaler Medien verantwortlich zeichnen? Für die nachhaltige
Implementierung ist es wichtig, dass die Integration von E-Learning in die
Hochschule nicht als Aufgabe einzelner Personen oder Abteilungen erscheint,
sondern von zentralen Einrichtungen und der Hochschulverwaltung mitgetragen
und begleitet wird (
Pfeffer et al., 2005).
Ausgehend von der Annahme dass die meisten Hochschulen weder über Mittel
noch Kompetenzen für die professionelle Organisationsentwicklung verfügen,
ist ein alternativer Ansatz die Verlagerung des Change Managements in eine
Sekundärorganisation, die Expertise auf dem Gebiet besitzt. Die
Unterstützung durch eine externe Beratung kann außerdem Betriebsblindheit
entgegenwirken. Auch Benchmarking, d.h. der Vergleich mit anderen
Hochschulen, stellt eine interessante Möglichkeit dar,
Veränderungspotentiale zu entdecken und zu verfolgen (
Dougherty, Clebsch & Anderson, 2004).
Bei einer externen Beratung besteht allerdings die Gefahr, dass zwar gute
Empfehlungen erarbeitet werde, diese jedoch nicht von den Mitarbeitern
akzeptiert und umgesetzt werden können (
Grob, Brocke & Buddendick, 2005).
Über eine institutsübergreifende Organisation, die die
E-Learning-Implementierung vorantreibt verfügen die Hamburger Hochschulen
mit dem Multimedia Kontor. Auch viele andere Landesverbände betrachten die
Organisationsentwicklung mit als ihre Aufgabe. Mehr Informationen zu den
Landesinitiativen finden Sie unter
Initiativen.
Akzeptanz sichern
Virtuelle Lehrangebote sind nur dann lebensfähig, wenn sie ein
selbstverständlicher Bestandteil sowohl der technischen Infrastruktur als
auch des akademischen Lebens und somit der Kultur einer Hochschule werden
(
Kerres & Voss, 2003). Von vielen Experten wird bezweifelt, dass man
neue Lehr- und Lernkulturen aktiv beeinflussen kann. Vielmehr wird davon
ausgegangen, dass Veränderungen innerhalb eines evolutionären Prozesses
stattfinden müssen. Sie können zwar von Außen angeregt, aber nur durch die
Organisationsmitglieder selbst umgesetzt werden. Miteinbezogen werden
sollten Hochschulehrende, die bereits Erfahrungen im Bereich E-Learning
gesammelt haben. Ihre Erfahrungen bieten einen wertvollen Wissensschatz, der
genutzt werden sollte (
Seufert & Euler, 2004).
Wie die Akzeptanz von Veränderungsmaßnahmen erreicht werden kann, erfahren
Sie in der Vertiefung zu
Anreizsystemen.
Die Entwicklungsmaßnahmen sollten sich immer an einer
hochschulübergreifenden
Strategie
ausrichten. Sinnvoll ist außerdem die
Entwicklung eines hochschulweiten
Medienentwicklungsplans. Mehr dazu erfahren Sie in
den Vertiefungen zu
Strategieentwicklung
und
Medienentwicklung.
Stufen der Organisationsentwicklung
Organisationsentwicklung ist ein fortlaufender interaktiver Prozess, der auf
verschiedenen Ebenen stattfindet und verschiedene Dimensionen umfasst (
Pellert et al., 2005). Drei Schritte sind für die Akzeptanz und
nachhaltige Integration von E-Learning an der Hochschule wichtig (Vgl.
Pfeffer, Sindler & Kopp, 2005):
- Breite Thematisierung von Informationstechnologien, Entwicklung einer
internen und externen PR-Strategie.
- Etablierung des Themas im universitären Leitbild und Klärung von
Verantwortlichkeite. Entwicklung einer Medienstrategie und eines
Medienentwicklungsplans.
- Reorganisation von Strukturen.
Nach einer Modellvorstellung entspricht die Implementierung von
E-Learning einer S-förmigen organisationalen Lernkurve. Die meisten
Hochschulen befinden sich etwa im Mittelfeld, das heißt, sie haben
bereits die technische Infrastruktur ausgebaut allerdings den
mediendidaktisch sinnvollen Einsatz der Technik noch kaum
realisiert.
Die Integration sollte von der Leitungsebene gesteuert werden. Eine
proaktive Strategieentwicklung findet an den meisten Hochschulen
allerdings nicht statt. Die strategische Verankerung der E-Teaching
Aktivitäten in die gesamte Hochschulstruktur, d.h. neben der Lehre auch
in die Verwaltung, wird oft erst nachträglich gesichert (Vgl Seufert & Euler, 2005).
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Quelle:
Kubicek et al., 2004
in Anlehnung an Nolan (1993).
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Das magische Viereck
Kerres (2001) identifiziert vier Aktionsfelder, die für eine systematische
Integration von Medienaktivitäten in einer Bildungsorganisation erforderlich
sind und die im Portal näher beschrieben werden:
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- Infrastruktur & Technik (Artikel folgt)
- Didaktik: In einem
Langtext
gibt Santina Battaglia (2003)
Informationen zu hochschuldidaktischen Weiterbildungs- und
Beratungsangeboten in Deutschland.
-
Personalentwicklung
-
Geschäftsmodelle
für die Produktion und
Distribution von Lehr-/Lernmedien (Content-Vermarktung)
Die Organisationsentwicklung im Kontext der Integration digitaler Medien
erfordert außerdem die Entwicklung von
Anreizsystemen
und
Supporteinrichtungen
sowie die Einbindung von
Maßnahmen zur Qualitätssicherung (Pellert et al., 2005). Mehr dazu erfahren Sie in den Vertiefungen zu
den Themenbereichen im Portal.
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Magisches Viereck mediendidaktischer Innovation (Quelle:
Kerres 2005, S. 152)
Weitere Informationen:
- Von der Hochschul Informations System GmbH wurde 2007 eine Publikation
zum Thema "
Organisationsentwicklung
in Hochschulen
" herausgegeben.
- Organisationsentwicklung war ein Schwerpunktthema der Campus Innovation
2006. Alle Vorträge sowie die Folien finden Sie als Podcast bzw.
PDF auf den
Konferenzseiten.