Lange Zeit agierten die verschiedenen Bereiche einer Hochschule wie Lehre, Forschung und Verwaltung weitgehend unabhängig, zumindest was die IT-Systeme anging. Dieses Geflecht an Systemen und Zuständigkeiten sowie die mangelnde Verknüpfung der Schnittstellen führten zwangsläufig zu Effizienzverlusten.Heute wird vermehrt nach ganzheitlichen IT-Lösungen gesucht, die sämtliche Strukturen und Prozesse einer Hochschule abbilden und alle Akteure bei ihren typischen Aktivitäten unterstützen.
Weniger Systeme, mehr Serviceorientierung
Die Systemvielfalt wirkt sich auch negativ auf die Nutzerfreundlichkeit aus: Für die Studierenden bedeutet das eine Vielzahl an Ansprechpartnern und Login-Prozessen. Dabei wird die Serviceorientierung für Hochschulen immer wichtiger. Der Konkurenzkampf wächst und die Studierenden verstehen sich immer mehr als zahlende Kunden und
knüpfen daran gewisse Forderungen an den "Dientleistungsanbieter" Hochschule. Unter den Begriffen „Student Lifecycel Management“ oder auch „Student
Relationship Management“ fasst man Verwaltungs- und
Dienstleistungssysteme der Hochschulen, die zum Ziel haben, den
Studienprozess optimal zu unterstützen - beginnend bei der ersten
Kontaktaufnahme der potenziellen Studienanwärter, über die tatsächliche
Bewerbung bis hin zum Abschluss des Studiums und der nachträglichen
Betreuung der Alumnis. Insbesondere was die Masterstudienangebote
betrifft, werden die Hochschulen in Zukunft vermehrt auch mit
Hochschulbewerbern zu tun haben, die sich aus einer beruflichen
Anstellung oder auch aus dem Ausland an die Hochschule bewerben. Das
zukünftige „Student-Lifecycel-Management“ sollte daher auch diesen neuen
Zielgruppen optimale Unterstützung bieten.
Ein System für Alle(s): Single Sign-On
Inzwischen streben die Hochschulen verstärkt die Verbindung der Datensysteme über Schnittstellen an. Anstatt für die verschiedenen Prozesse verschiedene Systeme zu verwenden, sollen die Prozesse über möglichst wenige Systeme abgewickelt werden. Ein Ziel ist es, dass Studierenden in Zukunft mit einem Login alle ihre Daten verwalten können, was auch als „Single-Sign-On“ bezeichnet wird - von der Prüfungsanmeldung, über den Bibliotheksausweis bis hin zur Mensakarte. Nach einmaligem Authentifizierungsverfahren auf einem Single Sign-On-Portal einer Universität hat der
Benutzer so zum Beispiel Zugang zu sämtlichen zentralen (z.B. Rechenzentrum,
Uni-Bibliothek, Mediendienste oder Hauptverwaltung) und dezentralen
IT-Diensten (z.B. Angebote und Verwaltung der Fakultäten und Institute oder
der Lehrenden). Eine ausgereifte integrative Hochschulverwaltung
kann neben der Verwaltung von Daten (Immatrikulation oder Einschreibung in
Seminare etc.) auch die Bereitstellung von Dienstleistungen
(Vorlesungsverzeichnis, E-Learning-Ressourcen oder Online-Klausuren etc.)
ermöglichen, die orts- und zeitunabhängig verfügbar sind.

Usability
Wesentlich für die Attraktivität und Akzeptanz eines Single
Sign-On-Portals ist die Usability, die der Benutzer vor allem an den
Möglichkeiten zur Personalisierung und der Zweckmäßigkeit des Angebots
wahrnimmt. Bei der Personalisierung geht es vorrangig um
die Möglichkeiten, die der Benutzer hat, um die Benutzeroberfläche
nach seinen Wünschen und Bedürfnissen einzurichten. Hinsichtlich der
Zweckmäßigkeit steht vor allem der Gebrauchswert des Online-Angebotes im
Vordergrund. Zentrale Aspekte sind dabei der Nutzen der eingestellten
Informationen, das schnelle Auffinden der gesuchten Informationen oder die
einfache Orientierung innerhalb des Portals.
Systemintegration: eine technische & organisatorische Herausforderung
Die
Realisierung einer integrativen Hochschulverwaltung erfordert die
informationstechnische und organisatorische Reorganisation der Informations-
und Kommunikationssysteme der Hochschule und ist dementsprechend aufwändig.
Die technische Umstellung zur integrativen Verwaltung erweist sich als
äußerst komplexe Aufgabe, insofern an jeder Hochschule spezifische Prozesse
und Schnittstellen miteinander verknüpft werden müssen. Es ist notwendig,
dass das Personal entsprechend der neuen technischen Anforderungen
qualifiziert wird. Von integrativen Verwaltungssystemen geht außerdem ein
erhöhtes Sicherheitsrisiko aus. Durch die Reduktion vieler einzelner
Authentifizierungsverfahren auf Eines steigt entsprechend die Gefahr des
Zugriffmissbrauchs.
Prozessorientiertes Vorgehen
Wie bekommt man also die verschiedenen Systeme unter einen Hut? Wichtig zum Aufbau eines Systems ist die Identifizierung der Prozesse, die an einer Hochschule ablaufen. Diese lassen sich anhand einer Prozesslandkarte visualisieren. Auf dieser kann u.a. festgehalten werden
• welche Prozesse bestehen,
• in welcher Reihenfolge diese ablaufen,
• wie diese miteinander in Verbindung stehen,
• wer für die Prozesse zuständig ist.
Bei der Neuordnung des Prozessmanagements sollten die verschiedenen Interessengruppen der Hochschule einbezogen werden. Insbesondere Studierende können wichtige Hinweise liefern. Bestehende Prozesse und Technologien sollten kritisch hinterfragt und eventuell ersetzt werden. Die Diskussion über die Prozessorganisation kann Veränderungen der Organisationsstrukturen nach sich ziehen. Aufgabenprofile der Mitarbeiter und ganze Abteilungen können betroffen sein. Hier ist vor allem ein offener und bewusster Umgang mit den Veränderungsprozessen wichtig.
Mehr zum Thema prozessorientiertes Hochschulmanagement erfahren Sie in
einem eigenen Kapitel. U.a. werden die wichtigsten zu unterstützenden
Prozesse einer Hochschule aufgelistet.
Zum Kapitel Prozessmanagement
Wichtige Aspekte & Stolpersteine
- Es ist wichtig, dass Mitarbeiter, die im
Bereich des Student-Lifecycel-Managements arbeiten über die anderen
Prozesse Bescheid wissen und mit den Mitarbeitern in ständigem Kontakt
stehen.
- Studierende sollten nur die für sie relevanten
Informationen erhalten und nicht mit E-Mails überschwemmt werden.
- Beachtet
werden sollte auch, dass Studierende statt allgemeinen Hinweisen,
personalisierte Informationen bevorzugen.
- Die Kanäle, über die Informationen übermittelt
werden, sollten je nach Anlass ausgewählt werden. Wenn auch viele
Studierenden inzwischen gerne online kommunizieren, so kann doch in
bestimmten Fällen der direkte Face-to-face Kontakt mehr bewirken.
- Am
Besten sollten Studierenden verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung
gestellt werden, auf wichtige Informationen zugreifen zu können.
- Die über die Systeme gesammelten Daten geben
Aufschluss über das Verhalten der Studierenden und deren Probleme und
können dazu beitragen den Studienverlauf besser zu gestalten. Über
Studierende sollten jedoch nur die wirklich für den Prozess relevanten
Daten gesammelt werden. Es sollte nicht der Fehler gemacht werden, dass am
Schluss der gläsernen Studierende einem undurchsichtigen Hochschulsystem
gegenüber steht.
Systeme
Zur Verwaltung des Studienprozesses stehen verschiedene kommerzielle
Systeme zur Verfügung, zum Teil entscheiden sich die Hochschulen aber auch für
Eigenlösungen. Insbesondere im Hochschulkontext erscheint die Übertragbarkeit
der Systeme auf verschiedene Hochschulen schwierig.
Einzelne Anbieter wie die HIS GmbH versuchen in einem System alle Prozesse
abzubilden. Das System
HISinOne
wird im Moment erprobt. Weitere Systeme in
diesem Bereich sind
Campus Solutions (Oracle), der
Microsoft Office SharePoint Server
oder
SITS:Vision (Tribal).
Weitere Informationen:
- EDUCAUSE beschreibt in einer 2009 eschienen
Publikation
die
Entwicklung von "Cyberinfrastrukturen" an Hochschulen.
- Interessante Lektüre zum Thema Prozessmanagement
an Hochschulen bietet auch die im August 2008 in Folge eines Workshops
erschienene Publikation "ITIL goes University? Serviceorientiertes
IT-Management an Hochschulen" der HIS GmbH die unter folgender
Adresse zum Download zur Verfügung steht:
http://www.his.de/pdf/pub_fh/fh-200808.pdf
- An der Umsetzung des Hamburger "Stine"-Projektes war massgeblich die
Datenlotsen Informatiossysteme GmbH beteiligt. Im
Interview
erläutert der Geschäftsführer warum
integrative Verwaltungssysteme an den Hochschulen unumgänglich sind und vor
welchen Herausforderungen die Hochschuladministration der Zukunft steht.
Weiteres zum Thema "Campus Management-Systeme" finden Sie auch im
Themenspecial
des Monats April aus dem Jahr 2007 des Multimedia-Kontors Hamburg.
- Eine
Studie
der Deutschen Initiative für Netzwerkinformationen e.V.
befasst sich mit "Informationsstrukturen im Wandel - Informationsmanagement an
deutschen Universitäten". Anhand von Fallbeispielen werden innovative Konzepte
des Informationsmanagement dargestellt.
- Die Deutsche Initiative für Netzwerkinformation e.V. veranstaltete einen im März 2007 einen
Workshop
zum Thema Personalisierte Webportale. Auf der
Webseite sind informative Vortragsfolien frei verfügbar.
Beispiele:
- Im universitären Alltag fest verankert ist bereits das Portal der LMU
München
(CampusLMU).
Das Projekt mit der größten Infrastruktur wird derzeit am
Hochschulstandort Hamburg umgesetzt. Ziel von
„STiNE“
(Studien-Infonetz) ist die Möglichkeit der
vollständigen Online-Abwicklung aller studienrelevanten Vorgänge; von der
Orientierung bis zur Online-Klausur.