| Elektronische
Abstimmungssysteme (Electronic Voting Systems, kurz EVS; auch als
Audience oder Public Response Systeme bezeichnet) ermöglichen es, anonyme
Stimmabgaben auf eine Multiple-Choice Frage durch mobile Endgeräte zu
erfassen, die Daten an ein zentrales Erfassungsgerät weiterzuleiten,
auszuwerten und das Ergebnis dynamisch in einer digitalen Präsentation
anzuzeigen. Es handelt sich also um eine Kombination aus Hardware (mobile
Abstimmungsgeräte, die an die Studierenden verteilt werden und ein
Empfänger zur Auswertung der Signale) sowie einer Software, die zur
Präsentationsaufbereitung, Auswertung und Darstellung benötigt wird.
Übermittlungstechnisch gesehen gibt es drei Typen von Infrastrukturen,
die sich in ihrer Handhabung leicht unterscheiden:
Infrarot-Schnittstellen, Radiofrequenzsysteme und Wireless. Allen
gemeinsam ist die zwingende Verwendung von Computer,
Präsentationsprogramm und Beamer auf Dozierendenseite sowie die
Handhabung von mobilen Endgeräten auf Studierendenseite (vgl.
Collins,
2007). |
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Ablauf
Der Einsatz eines EVS gestaltet sich typischerweise wie folgt: Die Dozentin
ruft am Laptop eine digitale Präsentation auf. Eine vorbereitete Folie zeigt
eine Frage mit mehreren Antwortoptionen. Alle Studierenden im Hörsaal
verfügen über eine Fernbedienung, die mehrere anklickbare Knopfe aufweist,
die mit Buchstaben oder Zahlen beschriftet sind und je einer Antwortoption
entsprechen. Auf Aufforderung des Vortragenden geben die Teilnehmer ihre
Rückmeldung über das Gerät ein. Jede Fernbedienung ist durch eine Kennummer
identifizierbar. Dies ermöglicht, den Studierenden rückzumelden, ob ihre
Stimmabgabe im System bereits eingegangen ist. Zudem ist auf diese Weise
auch eine nicht-anonyme Abstimmung realisierbar, indem jedem Studenten
jeweils ein Endgerät fest zugeordnet wird. Die abgegebenen Rückmeldungen
werden durch einen Empfänger entgegengenommen, der in der Regel vor dem
Rednerpult platziert wird. Der Empfänger wird meist über die
USB-Schnittstelle an den Rechner angeschlossen. Eine Software übernimmt die
Auswertung und die Rückspeisung der Ergebnisse in das
Präsentationsprogramm.
Einsatz
Elektronische Abstimmungssysteme kommen insbesondere in Massenveanstaltungen
zum Einsatz. Noch kann keineswegs von einer flächendeckenden Verbreitung
gesprochen werden, dennoch finden sich in vielfältigen Fächergruppen
Fallbeispiele für die Nutzung. Dies ist oft aus einer Defizitperspektive
motiviert, manche Lehrende sprechen angesichts steigender Studierendenzahlen
von einer Erosion des Lehrverhältnisses (
Russell, 2008). Die
Abstimmungssysteme sollen Abhilfe schaffen und der Veranstaltungsform
Lebendigkeit einhauchen.
Simpsons und Oliver (2007)
kritisieren, dass sich
die meiste Forschung im Bereich E-Learning auf das didaktische Design
webbasierter Lernumgebungen konzentriere, während sich die Lehre zum
überwiegenden Teil in Vorlesungsräumen abspiele. Soll den Studierenden ein
Sachgebiet vermittelt werden, dass idealerweise über direkte instruktionale
Rückmeldungen zu unterrichten ist, was bei hohen Teilnehmerzahlen
ausscheidet, bieten die Geräte eine Möglichkeit, zumindest ein Stimmungsbild
von den Studierenden abzufragen und das Ergebnis entsprechend im Lehrvortrag
zu kommentieren. Erfahrungsberichte schildern zudem, dass von den
Studierenden das spielerische Element geschätzt wird, das mit den
Abstimmungsgeräten, die an eine kleine Fernbedienung erinnern, im Hörsaal
Einzug hält (
Jenkins, 2007). Dabei sollte der Neuigkeitseffekt der
Technologie allerdings nicht unterschätzt werden. Sind die Studierenden erst
an den Umgang mit den Handsets gewöhnt, besteht die Gefahr, dass die
Vorlesung auf Knopfdruck als ebenso langweilig wie ihr Vorgänger ohne
Abstimmungsoption empfunden wird. Dennoch gibt es eine Reihe von
potentiellen Einsatzformen. Ausgehend von einer systematischen
Literaturauswertung geben
Simpson & Oliver (2007)
einen Überblick zu
Einsatzszenarien, darunter fallen:
- Testen von Vorwissen bzw. Vorverständnis in einer Eingangssitzung,
- Verständnissicherung, Überprüfung der Akzeptanz eines theoretischen
Modells,
- Community-Building, Aufbau einer sozialen Atmosphäre, z.B. durch Fragen
zu studentischen Interessen und persönlichen Hintergründen,
- Diskussionsinitiierung, indem das Abstimmungsergebnis thematisiert
wird,
- Anpassung von inhaltlichen Prioritäten und Zeitmanagement an die
Adressaten,
- Lehrevaluation,
- Anwesenheitskontrolle (bei nicht anonymer Verwendung).
Beispiele
-
Alice Jenkins (2007)
berichtet von der Verwendung eines elektronischen
Rückmeldesystems im Rahmen einer Literaturvorlesung, die im Fachgebiet
Poetik insbesondere Techniken zur Bestimmung des Versmaßes vermittelt. Für
die Hochschullehrerin erwies sich die EVS-Infrastruktur als Möglichkeit,
den Studierenden einen trockenen und als schwierig geltenden Lehrinhalt in
einer Vorlesung mit über 70 Teilnehmenden näher zu bringen. Kennzeichnend
ist, dass ein intuitives Verständnis (ein „Gehör“) für das Reimmaß
entwickelt werden muss. Die Strategie „Versuch und Irrtum“, die zu einer
Verfeinerung des Urteils führt, kann durch Abstimmungssysteme gut
unterstützt werden.
-
Cutts & Kennedy (2005)
beschreiben den Einsatz in einem
einführenden Programmierkurs mit einer Teilnehmerzahl von 250 bis 450
Studierenden. Das primäre Ziel des Kurses ist, die Studierenden zu einer
aktiven Auseinandersetzung mit programmiertechnischen Problemstellungen zu
bewegen. In der Praxisdisziplin Informationstechnik ist es entscheidend,
dass der Lehrstoff nicht nur demonstriert und erläutert sondern so früh wie
möglich selbst angewendet und ausprobiert wird. Hierzu bieten die Fragen im
Rückmeldesystem ein probates Verfahren. Die Vorlesung war auch bevor die
digitalen Abstimmungen eingeführt wurden durch einen Wechsel von Vortrag
und Übung charakterisiert. Allerdings warteten viele Studierende ab, wie
die Kommilitonen ein Problem lösen oder der Dozent die Musterlösung
vorstellt. Durch das gleichzeitige und anonyme Antworten werden
insbesondere die Teilnehmenden mit Verständnisschwierigkeiten angeregt,
nicht aufzugeben, sondern sich an der Lehrveranstaltung zu beteiligen.
Gestaltung
Hinsichtlich der Qualität der Rückmeldungen teilen elektronische
Abstimmungssysteme dieselben prinzipiellen Probleme wie jeder
Multiple-Choice-Test. Bereits die Antwortvorgaben geben Hinweise und
triggern ein bestimmtes Antwortverhalten. Wichtig erscheint das
Bereitstellen einer Option „Ich weiß nicht“ bzw. „keine Meinung“, denn nur
so lässt sich ersehen, welcher Anteil der Zuhörenden tatsächlich von einer
der zur Auswahl stehenden Optionen überzeugt sind (vgl.
Jenkins,
2007).
Daher sollte berücksichtigt werden, dass die Abstimmung per Knopfdruck zwar
Anonymität ermöglicht, aber keinesfalls durchgehend erzwingen muss. Vielmehr
sollte die gelockerte Atmosphäre genutzt werden, um nicht nur
technisch-unterstützte, sondern auch vermehrt offene Fragen zu stellen, die
ganz klassisch aus dem Auditorium beantwortet werden können. Die
Sequenzierung von unterschiedlichen Interaktionsformen ist für die
pädagogische Steuerung der Lernsituation entscheidend. Bei zu vielen
anonymen Abstimmungen besteht zudem die Gefahr eines Ermüdungseffekts, der
das ursprüngliche Ziel der Aufmerksamkeitssteigerung konterkariert.
Auf Seiten der Lehrenden erfordert der Einsatz von Abstimmungssystemen ein
erweitertes methodisches Repertoire und eine entsprechende Anpassung des
Lehrmaterials. Nicht nur müssen passende Abstimmungsfragen didaktisch
geplant und technisch umgesetzt werden, wichtig ist auch die Reduktion der
Stoffmenge, so dass für die Fragen und Diskussionen genügend Raum geschaffen
wird. Nach
Collins (2007)
werden vorwiegend drei Fragetypen in
elektronischen Abstimmungssystemen verwendet: Fragen zu Faktenwissen, zum
konzeptionellen Verständnis und zur Wissensanwendung. Eine lohnende
Diskussionsanregung ist zudem die Abfrage von Überzeugungen, Meinungen und
Einstellungen der Studierenden. Aus pädagogischer Sicht entscheidend ist
also im Vorfeld die Formulierung von Fragen, die die Studierenden zum
Nachdenken anregen, zur Diskussion auffordern oder geeignet sind ihren
Lernfortschritt zu überprüfen. Während der Vorlesung müssen Lehrende in der
Lage sein, spontan auf das „Instant-Feedback“ aus dem Auditorium zu
reagieren. Benötigt wird ein Lehrstil, der an die Aufnahmefähigkeit der
Zuhörer angepasst ist, statt auf bestimmte domänenspezifische oder
curricular gegebene Ziele ausgerichtet zu sein. Besonders profitieren
Lehrende und Studierende, wenn in der auf eine Abstimmung folgenden
Diskussion Gründe für das jeweilige Antwortverhalten benannt werden (
Cutrim,
2008). Es hat den Anschein, dass die anonyme Abstimmung bei den Studierende
als Eisbrecher fungiert, um sich danach auch mündlich zu äußern (
Cutts & Kennedy, 2005).
Weitere Informationen:
• Die englischsprachige Webseite von Steve Draper trägt
viele Erfahrungsberichte, Tipps und Anwendungsbeispiele zusammen:
http://www.reap.ac.uk
• Ein im November 2008 durchgeführtes Seminar zu EVS des
Engineering Subject Centre der britischen Hochschulakademie ist online
dokumentiert und gibt einen aktuellen Überblick:
http://www.engsc.ac.uk/nef/events/onlineseries/evsseminar.asp
• Die Steckbriefe
Senteo,
Turning Point
und
OptionPower
stellen Produkte vor, mit denen
elektronische Abstimmungen und Mutliple-Choice-Befragungen erstellt und
durchgeführt werden können.