Interviewtranskript: Seminarkonzept zur Förderung von Medienkompetenzen bei Lehramtsstudierenden

Im Interview beschreibt Till Rümenapp die Konzeption eines Seminars, das sich am interaktionalistischen Konstruktivismus orientiert.

Das Interview ist Teil des Erfahrungsberichts „Was genau sollen wir denn reflektieren?“ – Ein Seminarkonzept für Lehramtsstudierende, das den (selbst-)kritischen Blick in einer mediatisierten Welt schärft“.

Interview

Herzlich willkommen beim e-teaching.org Podcast! Im Rahmen des Themenspecials „Digitale Medien im Lehramtsstudium“ begrüße ich heute Till Rümenapp. Herzlich willkommen!

Till Rümenapp: Vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich, hier zu sein und Seminarplanungen zu teilen.

Genau, Sie sind wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Bremen und im Fachbereich Erziehungs- und Bildungswissenschaften tätig. Sie haben ein Konzept für ein Seminar für Lehramtsstudierende entwickelt. Über dieses Konzept oder auch die Erfahrung, die Sie damit gemacht haben, möchte ich heute mit Ihnen reden. Starten Sie doch einfach mal, indem Sie uns ein bisschen über die Ziele erzählen und auch den Kontext des Seminars.

Till Rümenapp: Zunächst zum Kontext. Das Seminar ist ein Wahlpflichtseminar im Bereich der allgemeinen Didaktik, beziehungsweise spezieller der Pädagogischen Psychologie. Das Ziel des Seminars war es, die Medienkompetenzen beziehungsweise dann auch die Themen der Mediendidaktik, der Medienbildung, der Medienkritik an die Lehramtsstudierenden zu vermitteln bzw. denen den Zugang zu ermöglichen. Damit können die es wiederum später an die Schüler und Schülerinnen weitergeben. Das Ganze ist dann unter dem erkenntnistheoretischen Gedanken des Interaktionalistischen Konstruktivismus‘ entwickelt worden. Dort sind Begriffe wie die Re-, Neu- und Dekonstruktion zu nennen, die entscheidend für die Konzeption und die offene Gestaltung des Seminars waren.

Jetzt haben Sie diese drei Begriffe schon genannt, um die sich das Konzept des Seminars gedreht hat. Erzählen Sie uns doch mal, was hinter jedem dieser Begriffe steckt und auch, wie Sie das konkret in der Praxis umgesetzt haben. Beginnen wir doch mit der Rekonstruktion.

Till Rümenapp: Gerne. Also die Rekonstruktion ist im Grunde der erste Schritt, um die Studierenden abzuholen, wo sie jeweils stehen in der individuellen Entwicklung, was ihre Erkenntnisse in Bezug auf digitale Elemente in der Lehre und in der Gesellschaft angeht. Also da geht es um die subjektiven Rekonstruktionen der Studierenden, also die Vorerfahrung („Mit was kommen die eigentlich hierher?“). Also beispielsweise gab es Studierende, die waren schon professionell im Filmgeschäft tätig und da kann man natürlich diese Erfahrung nutzbar machen. Die können dann super darüber referieren, welche Erfahrung sie gemacht haben. Das Ganze kann dann auch noch aufgegriffen werden vom Seminar.

Das heißt, das persönliche Vorwissen wird da aktiviert.

Till Rümenapp: Genau.

Und Konstruktion?

Till Rümenapp: Die Konstruktion, man könnte auch „Neukonstruktion“ sagen, baut auf diesen Rekonstruktionen, also den biografischen Erfahrungen der Studierenden auf. Da geht es aber um die neue Bewertung bzw. neue Entwicklung von Strukturen. Als Beispiel könnte man sagen, es wird ein Blogbeitrag erstmalig geschrieben. Man kann darüber neue Erkenntnisse oder auch neue Fähigkeiten entwickeln und man kann sich sozusagen selbst neu erfinden, wenn man möchte.

Es hat Stärken und Schwächen. Eine Schwäche ist dabei, dass man ständig in diesem Wandel begriffen ist, dass eigentlich Handlungsnormen, welche man zuvor möglicherweise ausgemacht haben könnte in Bezug auf digitale Elemente, verloren gehen und man sich eben weiterentwickeln müsste. Eine Stärke ist diese neue Bewertung von Erkenntnissen oder auch Konstrukten. Also dass man auch Medien, die man geschaffen hat, neu bewerten und neu schaffen kann.

Und dann die Dekonstruktion. Das heißt, alles, was sie grade so positiv aufgebaut haben, wird kritisch hinterfragt?

Till Rümenapp: Genau, die ganzen Erfahrungen. Wenn die Studierenden beispielsweise ein Antwort-Wahl-Verfahren erstellen, also ein klassisches Multiple-Choice-Verfahren, und Fragen entwickeln, das Ganze auch mal kritisch zu beleuchten, also zu dekonstruieren. Sich möglicherweise auch die Auslassung bewusst zu machen. Wenn jetzt beispielsweise ein Multiple-Choice-Verfahren aufgesetzt wird, gibt es dort auch immer Schwächen dieser Konstruktion. Und genau darum geht es.

Bei gesellschaftlichen Themen wie Big Data: Welche Auswirkungen hat möglicherweise algorithmische Nutzung von Daten? Das sind alles Themen, die dann in der Diskussion im Seminar stattgefunden haben und auch noch darüber hinaus in subjektiven Aushandlungsprozessen, die die Studierenden in Reflexionsberichten angefertigt haben, stattfinden konnten.

Vielen Dank für diesen Einblick. Diese Begriffe „Rekonstruktion“, „Konstruktion“ und „Dekonstruktion“ stehen ja in einem größeren Kontext, das haben Sie vorhin schon angedeutet. Können Sie uns da noch kurz ein bisschen berichten, was der wissenschaftliche Hintergrund von diesen Begriffen ist?

Till Rümenapp: Also ich hatte ja schon angesprochen, der Interaktionalistische Konstruktivismus (Reich, 2012) ist im Grunde Pate von diesen Begriffen. Da geht es vor allem um einen sehr offenen Umgang mit Erkenntnis und Erkenntnisgewinnung. Der offene Umgang, das hatte ich versucht anzudeuten, hat sich im Beispiel des Seminars auch als nicht unproblematisch dargestellt. Es ging darum, dass die Studierenden selbst im Grunde aktiv werden: Selbst die Gestaltung übernehmen, während der Sitzung selbst entscheiden, was in welcher Reihenfolge behandelt wird, eigene Erfahrungen mit einbringen und immer auch Diskussionen zulassen. Und die Theorie lässt sich sehr gut einbetten in bekannte handlungsorientierte Mediendidaktiken (Kerres, 2018) oder auch die von Dieter Baacke konzeptionierten Medienkompetenzen (Baacke, 1997), die ja schon bekannt sind.

Dann interessiert mich jetzt natürlich noch, was die Studierenden dazu gesagt haben. Wie haben sie diese Verschränkung dieser drei Konzepte erlebt?

Till Rümenapp: Also, ich habe ja eben schon diese Offenheit und selbstgestalterische Aktivierung in der Konzeption angesprochen. Das hat erst einmal eine Schockstarre hervorgerufen. Die Studierenden waren erstmal nicht bereit, sofort die Aktivierung wahrzunehmen, anzunehmen und selbst aktiv zu werden. Stattdessen haben sie eigentlich gewartet, dass ihnen die Inhalte geliefert werden. Es hat einige Wochen gebraucht, bis es dann angenommen wurde. Aber dann wurde es gerade von den engagierten Studierenden sehr gut wahrgenommen und aufgenommen. Da haben sie dann gemerkt, dass sie selbst gestalten und sich selbst entfalten dürfen, eigene Ideen einbringen können und das Ganze auch immer kritisch sehen durften. Mir war eine Feedback-Kultur ganz wichtig in alle Richtungen, aber auch die Reflexionsfähigkeit zu steigern, was eigene Produkte angeht, seien es mediengestalterische Produkte, oder eben auch Fragenkonzeptionen. Von dieser Reflexionsfähigkeit braucht es, glaube ich, im Lehramt ganz viel in allen Bereichen, auch beim Thema digitale Elemente in der Lehre. Das waren die Ergebnisse aus der Evaluation. Da war die strukturelle Offenheit gar kein Problem, sondern es war viel mehr eine Chance, damit umzugehen.

Am Ende oder schon während des Seminars sollten die Studierenden einen Reflexionsbericht zu einem selbst ausgewählten Thema erstellen. Diese Reflexionsberichte, wie auch Artefakte aus dem Seminar, wurden auf einem gemeinsamen Blog präsentiert, um einfach auch eine Diskussionsplattform zu schaffen und um die Inhalte nachhaltig verfügbar zu machen für die Studierenden, damit die Leistungen, die sie im Seminar erbracht haben, nicht einfach verloren gehen und in meinem Aktenschrank bleiben.

Auch dieses Interview dient ja dazu, dass diese Konzeption vielleicht Zuhörende animiert, das auch in die eigene Seminarkonzeption mit einfließen zu lassen und zumindest in Teilen sich davon inspirieren zu lassen. Ich danke Ihnen ganz herzlich für das Interview.

Till Rümenapp: Vielen Dank auch! Ich würde mich auch über konstruktive Diskussionen freuen.

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