Interviewtranskript: MOOCs zur Förderung der digitalen Kompetenz im Lehramtsstudium

Im Interview spricht Dr. Martin Ebner über die Zusammenarbeit von acht österreichischen Hochschulen, die mithilfe von MOOCs und begleitenden Übungen die digitalen Kompetenzen von Lehramtsstudierenden fördern.

Das Interview ist Teil des Erfahrungsberichts „MOOCs zur Förderung der digitalen Kompetenz im Lehramtsstudium: Chancen und Herausforderungen“.

Interview

Ich spreche heute mit Herrn Martin Ebner. Herr Ebner macht MOOCs, mit denen er österreichische Lehramtsstudierende auf das Unterrichten mit digitalen Medien vorbereitet. Vielleicht können Sie erst einmal kurz skizzieren, wie Sie darauf gekommen sind, MOOCs für die Lehrerbildung anzubieten.

Martin Ebner: Dazu muss man grundsätzlich wahrscheinlich erstmal das österreichische System zur Lehramtsausbildung verstehen. Wir sind in Österreich in vier so genannte Entwicklungsverbünde geteilt. Das heißt also, von Westen bis in den Süden. Und wir sind der sogenannte Entwicklungsverbund Süd-Ost hier in Graz. Der Entwicklungsverbund Süd-Ost besteht aus acht Hochschulen. Das Lehramtsstudium kann dann im Prinzip, wenn jetzt eine Universität das Studium anbietet, an dieser Universität begonnen werden und es kann zwischen den Universitäten gewechselt werden, wenn also auch dort das entsprechende Studium angeboten wird. Das heißt, eigentlich bietet der so genannte Entwicklungsverbund – diese acht Hochschulen – das Lehramtsstudium gemeinsam an. Und da ist die Idee geboren worden, dass wir uns natürlich auch zukünftig orientieren müssen und digitale Kompetenzen abzubilden haben. Hier hat man dann zwei Creditpoints im Bachelor verankert mit einer ersten kleinen Vorlesungsübung. Das Gleiche im Master mit zwei Credit Points und jeweils ein Credit Point wurde immer an das Fach abgegeben, sodass der Studierende am Ende seines Studiums insgesamt sechs Creditpoints zum Thema digitale Kompetenzen und Lernen mit digitalen Medien abgewickelt hat. Das war die Mindestanforderung. Und dann haben wir die Idee geboren, wenn wir das jetzt logistisch gut umsetzen und diese Lehrveranstaltung über alle Hochschulen hinweg angeboten wird, können ungefähr 800 bis 1000 Studierende pro Jahr erreicht werden. Das hat uns dazu geführt, über alternative Lehrveranstaltungsangebote nachzudenken.

Und was wird dann speziell für die Lehramtsstudierenden angeboten in den MOOCs?

Martin Ebner: Wir haben zwei Vorlesungsübungen entwickelt, das heißt bei uns (wenig kreativ) „Lehren und Lernen mit digitalen Medien 1 und 2“. Das erste ist die Bachelor-Veranstaltung und das zweite die Master-Veranstaltung. Inhaltlich haben wir uns an den Kompetenzen orientiert, d. h. wir haben Mediendidaktik, Medienpädagogik, Medienrecht und Medieninformatik kombiniert und gesagt, was sind die wesentlichen Kompetenzen, die jeder Lehramtsstudierende mitbringen sollte, wenn er heute an eine Schule geht. Und das haben wir quasi in einem Basismodus für den Bachelor entwickelt und der vertiefende – oder Advanced – Modus ist dann für die Master-Vorlesung.

Wie werden diese MOOCs dann mit der Hochschullehre verknüpft? Weil sie ja nicht nur online stattfinden, sondern auch vor Ort.

Martin Ebner: Ja, das ist das Spannende. Also wir haben als didaktisches Konzept das Inversed blended learning genommen. Inversed Blended Learning haben wir seinerzeit mit der MOOC-Plattform imooX.at entwickelt. Und das besagt eigentlich, dass wir versuchen, einen reinen Online-Kurs, wie das MOOCs eigentlich sind, mit der Präsenz zu verknüpfen. Das heißt, dass wir beides kombinieren, also den Vorteil des Online-Lernens mit dem des Offline-Lernens. Und Inversed Blended Learning beschreibt eigentlich, dass wir einen reinen Online-Kurs tatsächlich wieder mit Präsenz-Einheiten versehen. Also eigentlich umgekehrt zum Blended Learning, dass man also nicht hergeht und sagt, die Präsenz wird angereichert mit Online-Elementen. Und die Idee war, dass wir gesagt haben, es könnte der eigentliche Vorlesungs-Teil tatsächlich online ablaufen und das wird in Form eines MOOCs angeboten und parallel dazu werden an den jeweiligen Hochschulen Übungsgruppen gemacht, die dann parallel entsprechende Übungsarbeit abzuwickeln haben und dies über das Semester verteilt – zu Beginn, zu Mitte und eben dann zu Ende. So wird die Übungsarbeit quasi parallel durchgeführt und der eigentliche Inhaltsanteil läuft ausschließlich online. Und das eben in insgesamt knapp 25 bis 30 Übungsgruppen, die verteilt über mehrere Standorte hinweg, also quasi parallel angeboten werden. Je nachdem, an welcher Hochschule der Studierende das machen will.

Und wie werden dabei die Prüfungsleistungen der Studierenden erhoben?

Martin Ebner: Die Prüfungsleistung setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen. Das eine ist die Absolvierung des Online-Kurses, des MOOCs. Hier ist es so, dass typischerweise über den MOOC jede Woche Self-Assessments zur Verfügung gestellt werden und diese Self-Assessments mit einer Erfolgsquote von 75% absolviert werden. Dies führt dann quasi zu Bestätigungen über den Online-Anteil. Dazu parallel ist die Übungsleistung zu erbringen. Das ist im ersten Fall der Bachelorveranstaltung die Erstellung eines Lehr-Lernvideos. Und danach erfolgt eine Prüfung im Sinne des Multiple Choice Signature – das ist ein typisches Peer Assessment – an der jeweiligen Hochschule. Und es ist natürlich so, dass wir eine gemeinsame Prüfung haben und die dann aber immer lokal an der jeweiligen Universität oder Hochschule abgehalten wird und damit kommt der Studierende zur selben Note.

Also da haben Sie ja Feedback. Haben Sie auch andere Feedbacks von den Studierenden erhalten? Beziehungsweise gibt es Evaluationen zu dem Ganzen?

Martin Ebner: Ja natürlich, jede Lehrveranstaltung einer Universität bei uns an der Hochschule wird evaluiert und das Feedback ist sehr positiv. Wir haben innerhalb des ersten Jahres das Dreifache angeboten und seit heute ist das Pflicht. Wir haben zu unserem Standard eigentlich damals, glaube ich, nur 300 oder 400 Plätze aufgemacht und haben jetzt 800 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gehabt. Ich glaube, auch, weil das Format einfach interessant ist, weil die Präsenzzeit einerseits deutlich reduziert ist. Und das ist besonders bei uns beim Lehramt, wo Personen natürlich sehr stark in Praktika sind oder in Schulklassen stehen, ein sehr gutes Angebot. Denn man braucht dazu nicht anwesend sein an einer Universität. Es scheint auch funktioniert zu haben, also wir haben jetzt keine negativen Rückmeldungen bekommen, was den Inhalt betrifft. Also auch die Umsetzung war absolut okay. Und wir sind dazu aufgefordert, mehr von diesen Dingen zu machen. Vereinzelte Kritiken gibt es natürlich über den Inhalt, also dass man sagt, gewisse Videos gehören noch nachgebessert, oder gewisse Prüfungsfragen waren nicht so gut. Aber ich glaube, das ist im Rahmen, wie es üblich ist bei normalen Lehrveranstaltungen.

Gab es auch Hürden, die Sie bei der Umsetzung der MOOCs hatten?

Martin Ebner: Ja, das stimmt, die Hürden waren tatsächlich einerseits, das Konzept einmal einem gewissen Gremium zu erklären, weil natürlich jetzt alle Hochschulen das Konzept verstehen müssen. Das ist dann geglückt nach mehreren Anläufen. Die Leute, die das leiten, sind die Profis im Geschäft und die haben schon vorher was mit MOOCs gemacht und wissen dadurch, wie das geht. Aber die größte Herausforderung ist eigentlich die Logistik innerhalb der Hochschule. Also dass es jetzt nicht sein kann, dass eine Übungsgruppe drei Wochen nach der anderen startet oder dass die Prüfungen sehr stark versetzt sind, oder dass die Übungen an der einen Hochschule vielleicht anders abgehalten werden als an der anderen. Damit kann ein Ungleichgewicht unter den Studierenden passieren. Und da haben wir gemerkt, mit der Logistik, es braucht gewisse Termine, Abstimmungstermine mit den Personen, die das Ganze dann vor Ort durchführen, sodass alle Bescheid wissen über das Konzept und dass sich alle im Prinzip an den Rahmen halten, also das würde ich heute als die größte Hürde sehen. Technisch gesehen muss man tatsächlich jetzt mehr Zeit investieren als bei einer normalen Lehrveranstaltung. Aber bei Lehrveranstaltungen mit höherer Zahl von über 1000 würde ich sagen, ist die Logistik wahrscheinlich immer eine Herausforderung.

Ja, das leuchtet auf jeden Fall ein. Vielleicht abschließend: Was würden Sie den Personen raten, die auch MOOCs für die Lehrerbildung einsetzen wollen? Welche Tipps würden Sie denen mit auf den Weg geben?

Martin Ebner: Also grundsätzlich machen wir sehr positive Erfahrungen. Wir haben diese Online-Kurse auch wieder angeboten auf imoxx.at und ich gehe mal davon aus, dass die Inhalte im deutschsprachigen Raum mehr oder weniger ähnlich oder gleich sind und die könnten eigentlich jetzt an beliebig vielen Hochschulen verwendet werden. Das heißt, man hätte eigentlich die Möglichkeit, zu sagen: „Okay, ich habe einen fertigen Kurs. Ich muss vielleicht die Übungen noch ausformulieren, ich muss vielleicht gewisse Dinge ein bisschen ändern, aber eigentlich gibt’s so etwas wie einen Kurs dazu“. Wir haben es auch schon anderen Entwicklungsverbünden in Österreich angeboten und die Herausforderung ist wieder das Gleiche: Es ist eigentlich nicht, dass man sagt, der Inhalt passt nicht, sondern eher die Logistik. Also wie kann ich jetzt als Teilnehmer einer anderen Universität auch an unseren partizipieren? Und da ist der Schritt einfach ein großer, weil es ungewohnt ist, dass man so eng mit anderen Hochschulen kooperiert, dass man selbst die Prüfungsfragen austauscht usw. Aber das wäre eigentlich möglich. Und das ist auch im Angebot von uns. Das heißt, man kann sich bei uns auch sehr gerne melden. Und dann kann man darüber nachdenken, wie auch eine andere Hochschule die Ausarbeitungen und den Kurs bis hin zu der Prüfungsfrage grundsätzlich nutzen könnte. Also das wäre sogar in unserem Sinne, weil das dann natürlich eine gewisse Effizienz hätte, wenn man sagt, der Erstellungsaufwand des MOOCs ist hoch im Vergleich zu anderen Dingen, aber dafür ist vielleicht die Reichweite und die Nutzungsmöglichkeit eine andere.

Also, das waren auf jeden Fall sehr viele Erfahrungen, über die Sie berichtet haben, viele Hürden und auf jeden Fall ein sehr spannendes Konzept, das Sie in Österreich verfolgen. Ich bedanke mich für das Interview.

Martin Ebner: Vielen Dank.

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