Sie möchten digitale Lehr-/Lernmedien konzipieren, die gut strukturiert, leicht und intuitiv begreifbar sind? Gestaltgesetze helfen Ihnen beim Entwurf eines durchdachten Designs. Hierbei handelt es sich nicht um ein Set goldener Regeln für gutes Webdesign – wie man vermuten könnte –, sondern um die Thesen einer speziellen Schule der Wahrnehmungspsychologie: der Gestaltpsychologie.
Gestaltpsychologie
Die Gestaltpsychologie entwickelte sich in den 1920er Jahren zu einer
eigenständigen Theorie und beeinflusste die Forschung in verwandten
Disziplinen wie auch Kunst und Design. Die Gestaltpsychologie widmet sich
dem Bereich der menschlichen Wahrnehmung. Sie untersucht die zugrunde
liegenden kognitiven Mechanismen, die es uns erst ermöglichen, Phänomäne
wahrzunehmen und einzuordnen.
Abb. 1: Summe der Teile
Abb. 2: Quadrate
Ihre Vertreter gehen der Frage nach, warum wir etwas als eine Einheit –
eine Gestalt – wahrnehmen und anderes nicht. Oder plastischer formuliert,
warum wir nebenstehende Grafik als zwei aufeinander liegende Quadrate
interpretieren und nicht als acht Dreiecke, ein Achteck oder ein
unregelmäßiges Vieleck. Den Gestaltpsychologen zufolge funktioniert
Wahrnehmen als Organisation von Einzelteilen zu kohärenten Gestalten: Das
Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Dieser Ablauf unterliegt nach
Auffassung der Gestaltpsychologen gesetzmäßigen Mechanismen. Deshalb
nannten die Forscher ihr Destillat wahrnehmungsorganisatorischer
Prinzipien Gestaltgesetze.
Wahrnehmen ist Grundvoraussetzung für das Lernen. Damit die visuelle
Gestaltung Ihrer Lernmedien die Wahrnehmung der Studierenden und dadurch das
Lernen optimal unterstützt, ist es sinnvoll, diese Prinzipien zu
berücksichtigen. Das steigert die Form-/Inhalt-Beziehung und führt zu einer
leichteren Erschließbarkeit, mehr Lerneffizienz und letztendlich höherer
Motivation.
Die Gestaltgesetze lassen sich in verschiedene Kategorien einordnen (Zimbardo, 1999):
Gliederung in Bereiche
Unterscheidung von Figur und Grund
Geschlossenheit und Gruppierung
Prinzip der guten Gestalt und Gesetz der Prägnanz
Integration in Bezugsrahmen
Die Gliederung in Bereiche ist ein sehr früher Prozess bei der visuellen
Wahrnehmung. Aus dem Wirrwarr der Millionen gleichzeitig wahrgenommenen
Farbflecken (über die Rezeptoren auf der Netzhaut) werden zusammengehörende
Regionen gebildet. Abrupte Wechsel der Farbqualität (Ton, Sättigung,
Helligkeit) oder Veränderungen der
Textur
markieren dabei
Grenzen zwischen zwei Regionen. Die folgenden Prinzipien und Gesetze
versuchen zu erklären, wie unser Gehirn aus den einzelnen Bereichen
Gestalten bildet.
Nach Ansicht der Gestaltpsychologen ordnet die
menschliche Wahrnehmung optische Sinneseindrücke in die Kategorien Figur
und Grund. Nehmen wir an, wir liegen auf einer Waldlichtung und
beobachten ein vorbeifahrendes Auto. In dieser Szenerie bildet die
Landschaft den (Hinter-)Grund. Das vorbeifahrende Auto hebt sich als
Figur von ihr ab.
Zu den Eigenschaften von Figur und Grund gehören (Goldstein, 2002):
Eine Figur wirkt dinghafter. Man behält sie leichter im Gedächtnis als
den Hintergrund.
Die Figur steht vor dem Hintergrund. Der Hintergrund erstreckt sich
hinter der Figur und wird als ungeformtes Material gesehen.
Konturen, die eine Figur vom Hintergrund trennen, werden als Teil der
Figur wahrgenommen.
Kritisch für die Wahrnehmung von Inhalten wird es dann, wenn die
Unterscheidung in Figur und Grund nicht eindeutig funktioniert. Ein
anschauliches Beispiel hierfür sind die so genannten Kippfiguren: Je
nachdem, ob man sich auf die schwarzen oder weißen Farbflächen
konzentriert, erscheint ein anderes Bild. So sehen Sie links entweder
eine Vase oder zwei Gesichter. Die Wahrnehmung oszilliert zwischen diesen
beiden Eindrücken. Für ein gelungenes instruktionales Design ist daher
eine deutliche Trennung von Figur und Grund zu berücksichtigen, damit
funktionale Einheiten von den Studierenden auch als solche wahrgenommen
werden können.
Doch nach welchen Eigenschaften unterscheiden wir zwischen Figur und
Hintergrund? Dies lässt sich nicht pauschal beantworten, da hierbei weitere
Gestaltgesetze eine Rolle spielen können. Allgemein neigen wir dazu,
symmetrisch geformte Bereiche als Figur wahrzunehmen. Auch konvexe (nach
außen gewölbte) Bereiche werden eher als Figur wahrgenommen. Wir tendieren
dazu, kleinere Gestaltkomponenten eher als Figur wahrzunehmen als größere.
Selbst die Orientierung der Komponenten spielt eine Rolle, vertikal oder
horizontal ausgerichtete Flächen werden mit größerer Wahscheinlichkeit als
Figur wahr genommen.
Abb. 4: Kontur-Spiegelungen
Links: Die beiden identischen Konturen verlaufen
parallel.
Mitte: Spiegelt man eine der Konturen symmetrisch wird eher der Eindruck
einer holistischen Figur vermittelt.
Rechts: Hier wird der Eindruck einer Figur noch mehr verstärkt, weil eine
konvexe Gestalt erkannt wird.
Symmetrie
Nach dem Gesetz der Symmetrie ziehen symmetrische Anordnungen die
Aufmerksamkeit des Betrachters spürbar auf sich. Eine symmetrische Anlage
unterstützt demnach die klare Gliederung von Inhalten. Im
gestaltpsychologischen Sinne ist eine wohlgeformte Balance dann erreicht,
wenn die visuellen Elemente gleichmäßig auf den beiden Seiten einer Achse
verteilt sind. Unausgewogene Screen-Designs stören dagegen die Betrachtung
und können zu einer zusätzlichen kognitiven Belastung führen, also von der
eigentlichen Lernaufgabe ablenken.
Chang, Dooley und Touvinen (2002)
wendeten das Gesetz der Symmetrie für
das Redesign einer Multimedia-CD zum Thema Wundversorgung an. Auf der
Einstiegsseite
fungiert eine Illustration als visuelle Achse,
um die sich die einzelnen Menüpunkte symmetrisch gruppieren:
Abb. 5: Beispiel Symmetrie (Quelle: Chang, Dooley & Tuovinen, 2002)
Abgerundet wird die harmonische Gestaltung durch die Platzierung des
Titels und von „HELP/EXIT“ in Flucht der gedachten Achse. Parallel wurden
die einzelnen Elemente in der Mitte nach dem Gesetz der Geschlossenheit
kreisförmig angeordnet, um die Funktionalität zu unterstützen.
Geschlossenheit und Gruppierungen
Die symmetrische Anordnung war bereits ein Beispiel dafür, wie wir einzelne
Teile als zusammengehörig erkennen. Es folgen nun Gesetze, die vor allem
beschreiben, wie in unserer Wahrnehmungsorganisation einzelne Figuren mit
anderen Figuren zusammengeschlossen und gruppiert bzw. welche Figuren
isoliert werden.
Nähe
Nah beieinander liegende Elemente werden als Einheit wahrgenommen. In
Lernanwendungen kann das Gesetz der Nähe genutzt werden, um strukturelle
Zusammenhänge abzubilden und damit die Informationsdichte zu reduzieren.
Zusammengehörende Objekte sollten auch möglichst eng beieinander stehen.
Dies gilt insbesondere bei Grafiken und Beschriftungen. Eine Beschriftung
sollte möglichst nahe an dem Detail stehen, das es erläutert. Eine
Beschriftung innerhalb einer Grafik ist daher oft einer Legende vorzuziehen.
Eine Trennung von zueinandergehörenden Texten und Bildern, insbesondere über
mehrere Bildschirmseiten hinweg, gilt es generell zu vermeiden.
Abb. 6: Gesetz der Nähe
Aufgrund des Gesetz der Nähe gruppieren wir in Bild a die Punkte zu
Zeilen und in Bild b zu Reihen.
Einheit / Harmonie
Abb 7: Gesetz der Einheit / Harmonie
Eine Einheit wird als Einheit rezipiert, wenn die einzelnen Elemente einer
Anordnung den Eindruck erwecken, dass sie über eine visuelle Verbindung
verfügen. Nach dem Gesetz der Einheit / Harmonie arrangierte Objekte werden
– wie in der linken Beispielgrafik – als zusammengehörend wahrgenommen,
gegen das Gesetz arrangierte als getrennte Bereiche. Werden verwandte
Elemente – wie in der linken Beispielgrafik – separiert gruppiert, irritiert
das den Betrachter unbewusst. Für das Design digitaler Lernmedien bedeutet
dies, dass Sie für ein einheitliches, konsistentes Layout und damit eine
harmonische Präsentation der Inhalte sorgen müssen. Im Umkehrschluss
ist ein disharmonisches, uneinheitliches Design ein Störfaktor, der den
Studierenden beim Lernen behindert.
Abb. 8: Beispiel Einheit (Quelle: Chang, Dooley & Tuovinen, 2002)
Das Gesetzt der Einheit / Harmonie diente bei dem
bereits oben erwähnten medizinischen Lernprogramm an vielerlei Stellen
als Richtschnur: Der Wechsel in einen anderen Abschnitt wurde immer
gleich gestaltet, um die verschiedenen Themenbereiche unterscheidbar zu
machen. Der Titel der Lektion erscheint immer in der oberen rechten Ecke,
die Navigationsleiste immer am unteren Bildschirmrand. Untermenüs sind
durchgängig am linken Rand zu finden. Das Schriftbild ist einheitlich.
All dies ermöglicht den Studierenden, aufeinanderbezogene Objekte als
solche zu begreifen, visuell zu einer Einheit zu organisieren und das
Ganze schnell zu überblicken bzw. zu durchblicken.
Ähnlichkeit
Abb. 9: Gesetz der Ähnlichkeit
Das Gesetz der Ähnlichkeit greift die Beobachtung
auf, dass optische Reize mit gleicher oder ähnlicher Struktur als
zusammengehörig eingeordnet werden. Wie die Grafik zeigt, können die
Gesetze der Nähe und Ähnlichkeit durchaus miteinander konkurrieren. Dem
Betrachter fällt es sehr schwer, entweder Quer- oder Längsreihen zu
bilden. Im nachfolgenden Beispiel dagegen gliedern Nähe und Ähnlichkeit
Informationen in einen sinnstiftenden thematischen Zusammenhang.
Abb. 10: Nähe und Ähnlichkeit
Die rechte, neu gestaltete Liste ermöglicht nun den Studierenden
Zusammenhängendes auch zusammen zu sehen: Nach dem Gesetz der Nähe wurde
thematisch Verwandtes nah beieinander gruppiert. Die nach dem Gesetz der
Ähnlichkeit angelegte Struktur unterstützt die unmittelbare visuelle
Orientierung innerhalb der Gruppe. Alle Überschriften erscheinen optisch
gleich, für die Unterpunkte gilt dies ebenso. Die beiden Strukturelemente
unterscheiden sich in Schriftart und -größe sowie der Einrückung.
In statischen Abbildungen lässt sich Ähnlichkeit durch Form, Farbe, Textur,
Position, Orientierung und Größe ausdrücken.Visuelle
Ähnlichkeit lässt auf sachliche Zusammenhänge schließen, daher sollten
gleiche Elemente auch gleich gekennzeichnet sein. Objekte einer Klasse
können innerhalb einer Grafik z.B. in derselben Form erscheinen.
Unterschiedliche Inhaltsbereiche lassen sich durch verschiedene Farbgebung
abgrenzen. Für positive und negative Werte in einer Tabelle können
unterschiedliche Formatierungen verwendet werden.
Fokus
Abb. 11: Fokussierung eines Elementes
Das Gegenteil – der bewusste Bruch mit dem Gesetz der
Ähnlichkeit – kann eingesetzt werden, um die Aufmerksamkeit von Lernenden
gezielt zu lenken. Das Gesetz von der Fokussierung besagt, dass Elemente,
die als visueller Brennpunkt angeordnet werden, im Zentrum der
Wahrnehmung stehen. Die Grafik macht es anschaulich: Der Kreis hebt sich
deutlich von den anderen Figuren ab, weil er so anders ist. Er übernimmt
die Funktion des eye catchers und zieht die Aufmerksamkeit des
Betrachters völlig auf sich. Setzen Sie deshalb in Ihren Präsentationen
klare visuelle Akzente, um erkennbare Lernpfade vorzustrukturieren. Sie
können auch Schlüsselwörter visuell hervorheben oder Ton und Animation
zur Fokussierung einsetzen. Gehen Sie jedoch sparsam damit um. Zu viele
Fokussierungen verwirren die Studierenden und sorgen dafür, dass sich ihr
Interesse durch die Unübersichtlichkeit verliert.
Im einem
Screenshot
der erwähnten Lernanwendung steht das Textfeld durch seine
zentrale Anordnung im Mittelpunkt. Der Benutzer erhält eine Einführung
zum Thema Schürfwunden. Nach dem Klick auf eine der Miniaturgrafiken
rückt nun die Visualisierung des Lernstoffs in den Vordergrund. Der
erklärende Text erscheint am Rand.
Das Gesetz des Gemeinsamen Schicksals befasst sich mit Ähnlichkeiten
in dynamischen Darstellungen. Figuren, die sich in dieselbe Richtung
bewegen, werden als eine Gruppe erkannt, da sie ein gemeinsames Schicksal
teilen. Das gleiche gilt für Figuren, die sich entlang desselben Pfades
bewegen, ähnliche Beschleunigungen teilen oder auf gleichsame Art ihre
Größe änden und pulsieren. Allgemein kann man sagen, dass Figuren mit
ähnlichen Bewegungseigenschaften als eine Einheit erkannt werden. Dies
gilt z.B. auch wenn sich mehrere Figuren ganz unterschiedlich bewegen,
aber gemeinsam starten oder stoppen oder sich um einen Schwerpunkt herum
bewegen. Die Wahrnehmung von Gestalt in dynamischen Darstellungen ist bei
weitem nicht so gut untersucht wie die in statischen Darstellungen (Colin Ware, 2004).
Bei folgender Animation gruppiert man in der Regel die Objekte aufgrund
ihrer Bewegungsrichtung und nicht nach gleichem Aussehen. Beachten Sie auch
die Objekte, die zusätzlich um einen Schwerpunkt rotieren. Sie werden
ebenfalls als zusammengehörig wahrgenommen:
Abb. 14: Dynamische Darstellung von Gruppen
Geschlossenheit
Abb. 15: Unvollständige Formen
Das Gesetz der Geschlossenheit beschreibt die
Organisation von optischen Reizen zu visuell wahrgenommenen Einheiten.
Wie die Grafik zeigt, nehmen wir geschlossene Formen als eigenständige
Objekte wahr. Dieser Eindruck kann durch eine tatsächliche
Geschlossenheit, aber auch nur durch die Andeutung derselben provoziert
werden. Rezeptiv neigen wir dazu, Lücken aufzufüllen und unvollständige
Formen zu komplettieren.
Abb. 16: Geschlossenheit durch Rahmen
In Lernkontexten führen nicht geschlossene Formen und
unvollständige visuelle Muster zu Irritationen bei den Lernenden.
Vermeiden Sie dies, um die kognitiven Kräfte Ihrer Studierenden nicht
unnötig zu strapazieren.
Nutzen Sie das Gesetz der Geschlossenheit, um wichtige Aussagen zu
umranden. Abbildungen können durch einen Rahmen eindeutig voneinander
oder von einem begleitenden Text abgegrenzt werden. Zusammengehörige
Elemente sind in einem geschlossenen Kasten gut aufgehoben.
Abb. 17: Geschlossenheit im Euler-Diagramm
Das Gesetz der Geschlossenheit lässt im nebenstehenden Euler-Diagramm
die vier geschlossenen Flächen A, B, C, D erkennen - obwohl in
Wirklichkeit viel mehr Teilflächen vorhanden sind. Diese Diagramme
eignen sich zur Visualisierung von Mengen. Zum Beispiel sind u.a.
folgende Aussagen leicht sichtbar:
Elemente von A sind niemals Elemente von D.
Elemente, die zu A und C gehören, sind nie Teil von B oder D.
Elemente, die zu B und C gehören, sind auch immer Teil von D.
Verbundenheit
Colin Ware (2004)
weist daraufhin, dass miteinander verbundene Formen
als eine Einheit wahrgenommen werden und unter Umständen andere
Gestaltgesetze - etwa das der Nähe oder Ähnlichkeit - außer Kraft setzen.
Folgende Beispiele illustrieren dies:
Abb. 18: Verbundenheit
a: Die Verbindungslinien wirken stärker als das Gesetz
der Nähe.
b: Die Verbindungslinien wirken stärker als das Gesetz der
Ähnlichkeit.
c,d: Die Verbindungslinien wirken stärker als die Gesetze von Ähnlichkeit
und Nähe.
Prägnanz (gute Gestalt)
Abb. 19: Gesetz der Prägnanz
Häufig lassen sich verschiedene Figuren vom Grund abtrennen und auch
die Gruppierung kann für dieselbe Darstellung auf unterschiedliche Weise
erfolgen. Nach welchen Regeln entscheiden wir nun zwischen alternativ
möglichen Wahrnehmungen? Das Gesetz der Prägnanz – auch Gesetz der guten
Gestalt genannt – verweist auf die Tendenz der menschlichen Wahrnehmung,
optische Reize in möglichst einfachen Gestalten abzubilden. Diesem
Mechanismus zufolge erkennen wir in der Abbildung ein überlappendes
Drei-und Rechteck und kein abstraktes Polygon. Gute Gestalten
berücksichtigen die Wahrnehmung von Einfachheit, Symmetrie,
Regelmässigkeit und Kontinuität. Bekannte, einprägsame Logos entsprechen
in der Regel diesem Bild. Für die Gestaltung visueller Lehrmittel
bedeutet das: Sie sollten über einfache Strukturen und ein symmetrisches
Layout verfügen. Dieser Stil ermöglicht die Konzentration auf die
wesentlichen Inhalte.
Das Gesetz der Einfachheit folgt dem menschlichen
Wahrnehmungsmechanismus, visuelle Eindrücke zu vereinfachen und zwar in
das, was der Betrachter unbewusst verstehen kann. Dieser Mechanismus
funktioniert gut, wenn die grafische Botschaft einfach gehalten wird.
Komplexe und überladene Gestaltungen von Lerninhalten behindern nicht nur
die Konzentration der Studierenden, sondern wirken regelrecht
kontraproduktiv: Mehrdeutige Elemente können im Simplifizierungsprozess
der Wahrnehmung völlig unbeabsichtigte Schlussfolgerungen produzieren.
Deshalb sind „einfache“ Bilder – wie das linke zur Vermittlung der
astronomischen Figur „Kreuz des Südens“ – didaktisch wertvoller als mit
überflüssigen Informationen überladene. Halten Sie sich daher beim Design
ihrer Lernmedien an das schon fast sprichwörtliche KISS: Keep it simple,
stupid!
Kontinuität
Abb. 21: Gesetz der Kontinuität
Einen Weg fortzusetzen, ist die instinktive Reaktion des
Auges, wenn es einen Richtungsimpuls erhält. In der linken Grafik nehmen
wir zwei Kurven wahr: Die eine verläuft von A nach B und die andere von C
nach D. Mit dem Gesetz der Kontinuität eng verbunden ist das Gesetz des
glatten Verlaufs. Wir neigen dazu Konturen „fortzusetzen“, die über
sanfte Übergänge verfügen, d. h. über keine abrupten Richtungsänderungen,
Abknickungen oder Winkel. Weil die Linie von A nach B glatter verläuft
als von A nach C, sehen wir sie als solche. Diese beiden Gesetze helfen
Objekte richtig auseinander bzw. zusammen zu sehen.
Abb. 22: Diagramm mit und ohne Berücksichtigung der Kontinuität
Die beiden links stehenden Diagramme sind identisch in ihrer
Struktur. Bei Diagramm a wurde das Gesetz der Kontinuität beachtet,
dadurch wird schneller sichtbar, welche Kreise miteinander verbunden sind
und welche nicht.
Bedeutung und Vertrautheit
Ob und wie wir am Ende der Wahrnehmungsorganisation die richtige Gestalt
erkennen, hängt auch davon ab, wie vertraut wir mit den dargestellten
Figuren sind und in welcher Umgebung sich diese befinden.
Abb. 23: Startseite- Icons
Bei der Interpretation optischer Eindrücke stützt sich das Gehirn dabei
auf bereits gemachte Erfahrungen. Hierbei gibt es durchaus kulturelle
Unterschiede. Ein plakatives Beispiel sind Verkehrsschilder. Laut dem
Gesetz der isomorphen Übereinstimmung erkennen wir aus jedem der
nebenstehenden Icons, dass es uns zur Startseite bringen wird. Ausgelöst
wird diese Assoziation durch das Symbol „Haus“, das wir auf Basis
bestehender Erfahrungen im PC-Bereich als Indiz für Startseiten und nicht
als schnellen Weg zum Eigenheim interpretieren. Benutzen Sie daher
bekannte Symbole zur visuellen Gestaltung Ihrer Lernmedien: zum
Beispiel
für druckbare Arbeitsblätter,
für einen Mailkontakt oder
zur Markierung eines Hördokuments. Das erleichtert die intuitive
Erschließbarkeit. Grundsätzlich sollte aber bei Symbolen, die nicht
allgemein verständlich sind, auch noch die Funktion als Text erläutert
werden.
Abb. 24: Raute/Quadrat mit und ohne Bezugsrahmen
Figuren können auch verschiedene Bedeutung erhalten,
abhängig davon, in welchem Bezugsrahmen sie integriert werden. Im
nebenstehenden Beispiel sehen Sie in der oberen Reihe (a) einen Rhombus
und daneben ein Quadrat. Verändert man jedoch die Umgebung , indem man
ein gedrehtes Rechteck um die Figuren zeichnet (b), so sieht man ein
gekipptes Quadrat bzw. einen gekippten Rhombus.
Abb. 25: Pfeil mit verschiedenen Bezugsrahmen
Ein weiteres Beispiel ist der runde Knopf mit einem nach
rechts zeigenden Pfeil. In Verbindung mit einem weiteren Pfeil erkennen
wir darin ein Navigationelement. Kombiniert man den Pfeil dagegen mit dem
Pause-Symbol, so denken wir an ein Steuerungselement zur Wiedergabe von
Audio oder Video. Der Bezugsrahmen verändert also die Wahrnehmung. Dies
kann je nach Situation zu Irritationen oder einer deutlicheren
Darstellung führen. Sie sollten es z.B. vermeiden, die gleichen Symbole
in unterschiedlichen Umgebungen für verschiedene Einsatzzwecke zu
verwenden.