Prüfung

Es gibt vielfältige Möglichkeiten, forschendes Lernen zu prüfen. Im Forschungsprozess fallen viele Artefakte an, die man zur Prüfung heranziehen kann. Gleichzeitig ist der Prozess selbst zentral für die Kompetenzentwicklung der Studierenden - daher sind Prüfungsformen, die der Reflexion dienen, ebenfalls besonders geeignet.

Beim forschenden Lernen handelt es sich um ein komplexes Zusammenspiel aus unterschiedlichen Anforderungen, das Studierenden zumeist theoretisches wie auch praktisches Können abverlangt. Es liegt daher nahe, zu fragen, wie zum Ende des Semesters oder der Projektlaufzeit festgestellt werden kann, welche Fähigkeiten Studierende im Rahmen des forschenden Lernens erworben haben. Dazu dienen Prüfungen bzw. Leistungsnachweise, die je nach Fachkultur und Zweck völlig unterschiedlich gestaltet sein können.

Grundsätzlich spielen bei der Gestaltung von Prüfungen viele verschiedene Faktoren eine Rolle. Zentral und rechtlich verbindlich sind zunächst die in der Prüfungsordnung festgelegten Vorgaben. Sofern Spielraum bei der Wahl der Prüfungsform besteht, können folgende Gestaltungskriterien hilfreich bei der Planung sein:

  • Welcher Zweck wird verfolgt? (Wissenswiedergabe, Wissensanwendung, Wissensschaffung)
  • Welche Sozialform ist angemessen? (einzeln, in Gruppen)
  • Welche Form des Medieneinsatzes bietet einen Mehrwert? (mit oder ohne, on- oder offline, Text oder Multimedia)
  • Welche Ressourcen dürfen eingesetzt werden? (ohne, begrenzt, offen)
  • Welche Bedingungen spielen eine Rolle? (z. B. im Feld oder Labor) (nach Huber & Reinmann 2019: S. 234).

Gabi Reinmann schlägt zwei Grundformen akademischer Prüfungen vor – eine Unterscheidung, die auch beim forschenden Lernen eine Hilfe sein kann: Erstens symbolische Prüfungsformen (eher Prüfen des Wissens „on research“) und zweitens enaktive Prüfungsformen (eher Prüfen des Könnens „in research“) (Huber & Reinmann 2019: S. 232). Klassische Hausarbeiten, Klausuren oder auch Vorträge

fallen in die erste Kategorie der symbolischen Prüfungen, während als Beispiele für enaktive Prüfungen Demonstrationen und Produktionen (von Artefakten) zählen.

Bildbeschreibung (1 - 3 Wörter)
Abb. 3: Ordnung hochschulischer Prüfungsformen (Huber/Reinmann 2019: S. 232), © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

 

Während bei symbolischen Prüfungsformen eher Wissen über Forschung geprüft werden kann, stehen bei enaktiven Prüfungsformen die Fertigkeiten bzw. das Können in Bezug auf Forschung im Mittelpunkt (Huber & Reinmann 2019: S. 236 f.). Studierende würden also beispielsweise ihr Können in Forschungssituationen demonstrieren, indem sie Designs entwerfen, Interviews führen oder Artefakte produzieren (ebd.).

Die Orientierung am Forschungsprozess kann bei der Gestaltung der Prüfung hilfreich sein: So kann dabei deutlich werden, dass im Forschungsprozess schon potenzielle Nachweise erarbeitet wurden, die zur Prüfung herangezogen werden können (Huber & Reinmann 2019: S. 242 f.). Das können beispielsweise Forschungsergebnisse wie Modelle, Erhebungsdaten oder technische Konstrukte sein. Hierbei handelt es sich um unmittelbare Nachweise der Forschungsleistung, die im Verlauf des Forschungsprozesses anfallen (ebd.).

In einem ingenieurswissenschaftlichen Seminar, in dem Prototypen entwickelt werden sollen, ist es zum Beispiel naheliegend, zur Prüfung auf die produzierten materiellen Artefakte zurückzugreifen und deren Gestaltung sowie die Qualität des Ergebnisses zur Bewertung der Leistung heranzuziehen. In der sozialwissenschaftlichen Forschung hingegen wird selten Materielles geschaffen, das auf diese Art bewertet werden könnte, was nach der Unterscheidung in Abb. 3 aber keineswegs bedeutet, dass hier kein Prüfen des Könnens („in research“) möglich wäre, da auch Forschungstagebücher oder ähnliche Produkte zur Bewertung herangezogen werden können.

In anderen Fällen kann es sinnvoll sein, vermittelte Nachweise über die Forschungsleistung zum Prüfen heranzuziehen, die wie in der Wissenschaft üblich kommuniziert werden und damit grundsätzlich zum Forschungsprozess gehören (ebd.). Dabei kann es sich zum Beispiel um Präsentationen wie mündliche Konferenzbeiträge, Artikel oder Poster handeln, in denen die Ergebnisse der Forschung dargestellt, mitgeteilt, erklärt und diskutiert werden. So lässt sich die Prüfung mit der dem Forschungsprozess inhärenten Phase der Ergebnispräsentation verbinden.

In Bezug auf den Prüfungsrahmen bietet sich unter Umständen die Mitbestimmung der Studierenden an (Huber & Reinmann 2019: S. 247). Beispielsweise könnte ihnen überlassen werden, über den Zeitpunkt der Prüfung oder Einreichung der Forschungsleistung (innerhalb eines gesetzten Rahmens) mitzuentscheiden, wie es auch beim Einreichen von Hausarbeiten üblich ist. Den Studierenden wird so die Gelegenheit geboten, den Reifegrad ihrer Forschungsleistung selbst einzuschätzen und die anschließende Prüfung als weniger unnatürlichen Prozess zu erleben (ebd.). Es kann sich auch anbieten, mehrere Optionen zur Art der Prüfung anzubieten und die Studierenden auf diese Weise mitentscheiden zu lassen, welche Art des Leistungsnachweises sie einreichen bzw. erbringen möchten (Huber & Reinmann 2019: S. 247).

Die Texte zur Rubrik "Forschendes Lernen" wurden durch das Projektteam von FideS erstellt - herzlichen Dank für diesen Gastbeitrag! Das Verbundprojekt FideS (2015 bis 2018) untersuchte im Rahmen der Begleitforschung zum „Qualitätspakt Lehre“ Umsetzungsformen und Gelingensbedingungen von Forschungsorientierung in der Studieneingangsphase. Im weiterführenden Projekt FideS-Transfer (bis 2020) werden Ergebnisse aus der ersten Projektphase für die Community einfach zugänglich gemacht, u.a. durch die hier bereitgestellten Informationen, die im Dezember 2019 veröffentlicht wurden. Spätere Ergänzungen und Aktualisierungen erfolgen durch das Redaktionsteam von e-teaching.org.
Letzte Änderung: 08.01.2020

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