Ein Chat ist ein synchrones, internetbasiertes und textgebundenes Kommunikationsmedium. Chats ermöglichen, im direkten Austausch mit anderen Chat-Teilnehmern über das Internet in Echtzeit zu kommunizieren. Chat-Dienste sind in erster Linie als Plattformen für den ungezwungenen Online-Austausch populär, sie sind allerdings auch aus hochschuldidaktischer Perspektive interessante Kommunikationsmedien. Wir stellen Einsatzformen dar und geben Gestaltungshinweise.
Chat als Gesprächsform
Der Begriff Chat (engl. für Plauderei) zeigt an, dass diese
internetspezifische Kommunikationsform dem mündlichen Gespräch zugeordnet
wird, auch wenn die Chat-Teilnehmer nicht sprechen, sondern tippen. Ein Chat
ist aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive keine schriftliche
Kommunikationsform, sondern ein getipptes Gespräch (Storrer, 2001).
Zahlreiche Beispiele für Chats in unterschiedlichen Kontexten bietet der
Dortmunder Chat-Korpus. Über diese Webseite stellt der Lehrstuhl für Linguistik der deutschen Sprache und Sprachdidaktik der TU Dortmund verschiedene Chat-Mitschnitte als Datengrundlage für sprachwissenschaftliche Untersuchungen zur Verfügung.
Um im Chat zu kommunizieren müssen sich die Chat-Teilnehmer bei einem
entsprechenden Dienst anmelden. Hierbei wählen sie einen Chat-Namen, der vom
System zur Identifikation der Beiträge benutzt wird. Die Abbildung zeigt
einen Screenshot eines Yahoo-Chats.
Im Folgenden werden einige spezifische Merkmale der Chat-Kommunikation
beschrieben, die sich aus der
synchronen,
textbasierten
und
virtuellen
Kommunikationssituation ergeben.
Chat als synchrones
Medium
Im Chat ist ein nahezu synchroner Austausch von Gesprächsbeiträgen möglich.
Jeder Chatteilnehmer besitzt jederzeit die Möglichkeit, von der Rezipienten-
in die Produzentenrolle zu wechseln, woraus eine dialogische
Kommunikationssituation resultiert. Aus didaktischer Sicht sind diese
Eigenschaften von Vorteil: Durch den Austausch in Echtzeit kann eine
lebhafte Diskussion entstehen. Rückfragen oder Missverständnisse können
sofort geklärt werden. So werden die Lernaktivitäten nicht unterbrochen.
Chat als textbasiertes
Medium
In der Chatkommunikation findet eine Vermischung von Schriftlichkeit und
Mündlichkeit statt: Ein Chat ist ein schriftliches Gespräch, bei dem die
Teilnehmer ihre Beiträge über die Tastatur eingeben (Beißwenger, 2003). Die schriftliche Äußerung ist die Form, in der
diskutiert oder auch geplaudert wird. Dies bietet spezifische Vor- und
Nachteile:
Vorteile
- Der Kommunikationsverlauf bleibt einsehbar, kann also mehrfach gelesen
und bei Bedarf gespeichert und archiviert werden.
- Die Verfügbarkeit des Gesprächsprotokolls bzw. des im Display des
Chatprogramms erscheinenden Ausschnitts, erleichtert es, sich an mehreren
Gesprächssträngen gleichzeitig zu beteiligen.
- Aus einer Chat-Sitzung heraus kann per URL auf im Netz zugängliche
Texte verwiesen werden, z.B. auf das Skript zur Lehrveranstaltung.
Nachteile
- Der Zwang zur Textform wirkt sich leicht zeitverzögernd aus, verhindert
unter Umständen spontane Äußerungen und beschränkt die kommunikativen
Ausdrucksformen (Reinmann-Rothmeier, Nistor & Mandl, 2001).
- Um schnell auf Beiträge reagieren zu können, werden Orthographie und
Grammatik weniger Beachtung geschenkt, als dies normalerweise in der
Schriftsprache der Fall ist. Tippfehler gehören zum Alltag und fallen nicht
negativ auf. Dieser Umstand könnte gegen einen Einsatz von Chats im Kontext
der Fremdsprachenausbildung sprechen. Für Chat-Neulinge unter Ihren
Teilnehmern sollten Sie deutlich machen, dass die korrekte Schreib- und
Ausdrucksweise einen geringeren Stellenwert hat.
Chat als virtuelles
Kommunikationsmedium
Die Koordination des Gesprächsverlaufs ist in einem Chat erschwert. Dies
liegt an speziellen, technologiebedingten Merkmalen und Restriktionen:
Paraverbale Kommunikationsanteile wie Blickkontakt, Prosodie,
Körpersprache oder Wortmeldungen, die in Präsenzsituationen als
Koordinationsmittel dienen, haben in Chatprogrammen keine Entsprechung.
Vielmehr können im Chat Gesprächsbeiträge ("Postings") simultan produziert
und verschickt werden. Die eigene Beitragsproduktion ist für die anderen
Chat-Partner unsichtbar. Zudem werden die einzelnen Gesprächsbeiträge durch
das Chatprogramm nicht in thematischer, sondern in chronologischer
Reihenfolge ausgegeben. Hierbei gilt das "Mühlen-Prinzip" (Wichter, 1991): Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.
Die Abbildung visualisiert die Produktion, Verschickung, Übermittlung und
Darstellung von Chatbeiträgen als zeitlich nacheinander ablaufende
Prozesse:
Kommunikation im Chat - Abbildung entnommen und angepasst aus
Beißwenger (2003)
Aus den genannten Merkmalen des Chat ergeben sich spezifische
Kommunikationsprobleme:
- Mangelhafte Koordination von auf einander bezogenen
Gesprächsbeiträge,
- Verschränkung, Fragmentierung und Überschneidung von Äußerungen und
wechselseitigen Bezugnahmen im Chat-Display,
- gegenseitige Störung mehrerer paralleler Gesprächsstränge.
Hinzu kommt, dass die Beiträge im Chat unter Zeitdruck verfasst werden:
Bei Eintreffen neuer Beiträge werden ältere Äußerungen nach oben bzw. unten
verschoben. Die Reaktion auf einen Beitrag muss also erfolgen, bevor dieser
aus dem Blickfeld des aktuellen Chatfensters verschwunden ist.
In chatbasierten Kommunikationssituationen ist die Koordination also
insgesamt aufwändiger als in Face-to-Face Situationen. Allerdings entwickeln
Nutzer Strategien, um sich an ihre Kommunikationsumgebung anzupassen. Der
Zwang zur Kürze und die fehlenden gestischen und mimischen Informationen
resultieren in neuen Ausdrucksformen: Zeichenkombinationen und Abkürzungen
ersetzen umfangreichere Ausführungen oder körpersprachliche Signale.
Emoticons
oder in Sternchen eingebundene Kommentare werden eingesetzt,
um Emotionen und Stimmungen, des Sprechenden zu untermalen.
Eine besondere Form des Chat sind 3-D Umgebungen und so genannte
Avatar-Chats. Hier kann durch die räumliche Repräsentation die
wechselseitige Ko-Orientierung im Gespräch verbessert werden. Beispiele und
weitere Informationen beinhaltet die Vertiefung
MUD.
Einsatzmöglichkeiten von Chat
Chats ermöglichen ein synchrones Arbeiten in Plenum und Kleingruppe und
eignen sich für die Betreuung von Studierenden sowie für Diskussionen.

Bei einer Online-Sprechstunde führen Sie im Chat zumeist ein
Zweiergespräch mit einem Studierenden, von dem weitere Teilnehmer
ausgeschlossen sind. Sie können aber auch mit einer Gruppe von
Studierenden chatten, zum Beispiel um die Projektarbeit eines Teams zu
betreuen. Ein Beispiel aus unserer Referenzbeispielsammlung ist die
Online Sprechstunde am Institut für
Baustatik der Universität Stuttgart. Die Abbildung zeigt das
Java
-basierte Chattool. Eine Chatsprechstunde bietet sich immer
dann an, wenn der Aufwand für ein reales Treffen (z.B. Anreise,
Wartezeiten) minimiert werden soll.
Metz et al. (2004)
empfehlen Chatsprechstunden nur nach vorheriger
Terminabsprache durchzuführen. Wird die Sprechstunde wie üblich für
einen festen Zeitraum ausgeschrieben, besteht die Gefahr, dass mehrere
Teilnehmende gleichzeitig auftauchen.
Eine Diskussion im Chat kann ergänzend - in vollständig
virtualisierten Szenarien auch ersetzend - zur Präsenzveranstaltung
durchgeführt werden. Die Diskussion kann gleichberechtigt zwischen allen
Teilnehmern stattfinden oder durch einen Moderator gesteuert werden, der
die Reihenfolge der Fragen und Antworten steuert und Fragen zur
Beantwortung auswählt. Einsatzmöglichkeiten sind neben der typischen
Seminardiskussion auch chatbasierte Expertengespräche.
Für eine effiziente chatbasierte Nachbildung von Lehrszenarien wie einer
Seminardiskussion oder einer Sprechstunde reicht es nicht aus, lediglich die
technische Infrastruktur in Form eines Chat-Systems als
Kommunikationsumgebung bereitzustellen. Vielmehr muss die Nachbildung
spezifischer Gesprächssituationen durch eine Kombination aus technischen und
gesprächsstrategischen Hilfestellungen unterstützt werden. So können
technologiebedingte Probleme der Koordination und Planung kommunikativer
Züge ausgeglichen werden (Beißwenger & Storrer, 2005).
Gestaltung
Wenn Sie Chat als Kommunikationsmedium einsetzen wollen, sollten Sie
folgende Fragen klären:
- Welche traditionelle Veranstaltung wird ersetzt oder ergänzt?
- Welche Inhalte sollen behandelt werden?
- An welche Zielgruppe richtet sich das Kommunikationsangebot?
- Welches Chat-Werkzeug ist geeignet, vorhanden oder bereits im
Einsatz?
Bei der Gestaltung von Chatkommunikation ist zunächst zu beachten, dass
es sich um ein synchrones Medium handelt. Für die Chat-Sitzung müssen daher
verbindliche Zeiten festgelegt werden. Außerdem müssen alle Studierenden
Zugang zur Chat-Plattform erhalten, was Anmeldeprozeduren und teilweise die
Installation spezieller Software erfordert. Je nachdem, wie medienkompetent
Ihre Veranstaltungsteilnehmer sind, sollten Sie damit rechnen, bei diesen
Vorgängen Hilfestellungen leisten zu müssen. Die technischen und
organisatorischen Hinweise können Sie auf Ihrer
Homepage
veröffentlichen.
Der Kommunikation via Chat wird eher ein informeller Charakter
zugeschrieben (Draheim, Gaiser & Beuschel, 2001). Dem Gesprächsverlauf im Chat zu
folgen erfordert Konzentration und schnelle Reaktionen seitens der
Teilnehmer, insbesondere wenn mehre Personen chatten und sich an
verschiedenen Gesprächssträngen gleichzeitig beteiligen. Diese Anforderungen
sind bei einem informellen Austausch natürlich leichter zu erfüllen, als bei
einer inhaltlich anspruchsvollen Diskussion. Chats eignen sich allerdings
auch für thematische Diskussionen, wenn der Ablauf der Chat-Sitzung
entsprechend strukturiert und moderiert wird. Beachten Sie dabei, dass
informelle und formelle Aspekte in Kommunikationssituation nicht scharf zu
trennen sind.
Chatiquette
Es ist sinnvoll, Fortsetzungs- und Endsignale für Beiträge, sowie Zeichen
zur Rederechtsbeantragung zu vereinbaren. Auch die Verwendung allgemein
gebräuchlicher Abkürzungen bei der Kommunikation via Chat ist möglicherweise
für einige Studierenden selbstverständlich für andere jedoch Neuland. Damit
sich alle Teilnehmer untereinander verstehen und die Kommunikation
koordiniert abläuft, müssen allgemein akzeptierte Spielregeln - eine
veranstaltungsspezifische
Chatiquette
- entwickelt werden.
Vertiefende Informationen zur Moderation in virtuellen
Kommunikationssettings bietet der Artikel
E-Moderation.
Technische Umsetzung
Die Wahl eines Chat-Programms ist in der Hauptsache von den für Ihren
Einsatzzweck benötigten Funktionen abhängig. Eine spezielle
Moderationsfunktion, bei der Sie die Auswahl und Sequenzierung der
Chatbeiträge manuell steuern, kann zum Beispiel für Experteninterviews oder
komplexe Gesprächssituationen mit vielen Teilnehmern nötig und sinnvoll
sein. Typische Ausstattungsmerkmale eines Chatprogramms sind eine
Benutzergalerie (Buddylist), die Option, alle Nutzer anzusprechen oder mit
einer Person ein Zweier-Gespräch zu führen, sowie die Möglichkeit den
Verlauf der Diskussion in einem Chatprotokoll festzuhalten. Achten Sie
darauf, dass der Zugang zum Chat auf einen bestimmten Personenkreis (in der
Regel die Teilnehmer Ihrer Veranstaltung) begrenzt werden kann. Eine hohe
Verbreitung des gewählten Programms unter den Studierenden und die
Kompatibilität mit anderen Systemen erhöht die Akzeptanz. Beachten Sie
darüber hinaus, dass Chat-Funktionen oftmals in
Lernmanagement-Systemen enthalten sind. Genauere
technische Hinweise zu Chatprogrammen
finden Sie in
der Rubrik Medientechnik.