Gender- und intersektionale Perspektiven für eine diskriminierungssensible Lehrgestaltung

Eine diskriminierungssensible Lehre birgt nicht nur das Potenzial, institutionalisierte Ungleichheitsdynamiken zu unterbrechen, sondern eröffnet auch die Möglichkeit, neue (Selbst-)Erkenntnisse zu gewinnen. Gender- und intersektionale Perspektiven unterstützen Lehrende dabei, ihre Rolle als Lehrperson sowie ihre Lehrpraxis kritisch zu reflektieren, strukturelle Ungleichheiten und Barrieren in Lehr- und Lernprozessen zu erkennen und abzubauen sowie Lernräume so zu gestalten, dass sich alle respektiert und repräsentiert fühlen.

Bunte Spielfiguren stehen durcheinander vor einem hellen Hintergrund.
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Als Bildungsinstitution erfüllen Hochschulen eine Gatekeeping-Funktion: Hier erwerben Studierende Kompetenzen und Fähigkeiten, erhalten Abschlüsse und Zertifikate, die über ihre weitere berufliche Entwicklung und damit verbundene Macht- und Entscheidungspositionen entscheiden. Zugleich legen Hochschulen fest, was als Leistung und Kompetenz gilt und welche Erwartungen zu erfüllen sind, um den Ansprüchen auf einen erfolgreichen Abschluss gerecht zu werden. Vorstellungen von „normalen“ Studierenden sind als kulturelle Erwartungen in formale Regularien wie Studien- und Prüfungsordnungen eingeschriebenen, finden sich aber auch in eingeschliffenen Routinen und Handlungsabläufen im Hochschulalltag. Wer hier nicht ins Bild passt, läuft Gefahr übersehen und im schlimmsten Fall ausgegrenzt zu werden. 

In ihrem Buch „Teaching to Transgress“ von 1994 beschreibt bell hooks den Klassenraum als „the most radical space of possibility in the academy” (hooks, 1994, S. 12). Tatsächlich ist Hochschullehre bzw. der Seminarraum in vielerlei Hinsicht ein Ort der Möglichkeiten: Es ist einerseits ein Raum, in dem Menschen sowohl durch ihre akademische Rolle als auch gesellschaftliche Positionierung unterschiedliche Erfahrungen des Dazugehörens und Ausgeschlossenseins mitbringen und erleben (Auma & Oloff, 2025). Andererseits ist es ein Raum der direkten Begegnung, der die Chance bietet, eben jene unterschiedlichen Erlebniswelten zu benennen und zu reflektieren, wirkliches Zuhören zu üben und Verschiedenheit anzuerkennen. Im Seminarraum entscheidet sich, wessen Perspektive gehört wird und in die Betrachtung des Forschungsgegenstands mit einbezogen wird, ob Wissen von oben verabreicht oder gemeinsam erarbeitet wird, ob Angst oder Neugier die Interaktion bestimmt. 

Während universitäre Gleichstellungs- und Diversitätspolitiken den Abbau von diskriminierenden Strukturen auf der formalen Ebene vorantreiben, erreicht die Hochschullehre Studierende unmittelbar und besetzt somit eine Schlüsselfunktion für die Umsetzung von Antidiskriminierung. Um Lehre diskriminierungssensibel ausrichten zu können, braucht es entsprechendes Wissen und Kompetenzen. Zugleich handelt es sich um einen Prozess, der vor allem Offenheit und Neugier voraussetzt und nie abgeschlossen ist.

Nach einer kurzen Einführung zentraler Begriffe und einer historisch-institutionellen Einordnung, werden im Folgenden daher konkrete Anregungen gegeben, um Lehrende beim Einstieg in diesen Prozess zu unterstützen. 

Was sind Gender- und intersektionale Perspektiven? 

Gender- und intersektionale Perspektiven in die eigene Lehrgestaltung zu integrieren, bedeutet den Blick sowohl auf der fachlich-inhaltlichen als auch auf der didaktisch-praktischen Ebene zu öffnen: Welche Rolle spielen Ungleichheits- und Machtdynamiken in Bezug auf das Lehrthema, aber auch innerhalb des Seminarraums? Was können Lehrende tun, damit Erkenntnisprozesse über Machtverhältnisse in Auseinandersetzung mit dem Lehrthema angeregt werden und zugleich alle Studierende sich gut einbringen und diesen Erkenntnisprozess mitgestalten können? 

Der Begriff Gender bezieht sich auf sozial und kulturell geprägte Vorstellungen von Geschlecht: Rollen, Verhaltensweisen, Eigenschaften und Erwartungen, die einer Gesellschaft als „männlich“, „weiblich“ gelten. Die Geschlechterforschung zeigt: Diese Zuschreibungen sind nicht naturgegeben, sondern historisch gewachsen. Sie sind zudem durch eine dichotome Gegenüberstellung und Hierarchisierung geprägt, die Geschlechterungleichheiten hervorbringt (u. a. de Beauvoir, 1968), Hausen, 2012). Eine Genderperspektive fragt danach, wie hierarchische und ausgrenzende Geschlechterordnungen hergestellt und aufrechterhalten werden und welche Formen der Ungleichheiten diese produzieren. Für jeden Lehr- und Forschungsgegenstand lässt sich somit fragen: Aus wessen Perspektive wurde das Thema bislang erforscht, wem nutzen die Ergebnisse und wie wirken sie auf gesellschaftliche (Macht-)Verhältnisse zurück? Für die praktische Lehrgestaltung bedeutet es, zu reflektieren, ob geschlechterbezogene Erwartungen Einfluss darauf haben, wem welche Kompetenzen zu- oder abgesprochen werden und wer sich in welchen Disziplinen zugehörig oder ausgeschlossen fühlt. 

Dass bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten durch Mechanismen institutioneller Diskriminierung im Hochschulsystem reproduziert werden, zeigen Daten zur leaky pipeline. Besonders gut dokumentiert sind diese „Leckstellen“ im System entlang der Geschlechterdimension: Während Frauen* die Mehrheit von Studienanfänger*innen stellen, sind sie unter den Professor*innen nur zu 29 % vertreten (Löther, 2025). Doch auch für die Gruppe der Erstakademiker*innen und Personen mit Migrationsgeschichte weisen Studien Selektionsmechanismen auf, die sich über den Bildungsverlauf verschärfen (Krempkow, 2022; Konsortium BuWiK, 2025).

Tatsächlich bringen Studierende ganz unterschiedliche Voraussetzungen mit, die eng an gesellschaftliche Strukturen von Privilegierung und Benachteiligung geknüpft sind. Die Geschlechtszuschreibung ist dabei ein zentrales prägendes Merkmal, aber bei weitem nicht das Einzige. Während die meisten sich typische Studierende als jung, gesund, finanziell abgesichert und zeitlich flexibel vorstellen, sieht die Realität anders aus: Laut Studierendenbefragung hatten 2021 8% der Studierenden mindestens ein Kind und 12% übernahmen Pflegeaufgaben, 16 % der Befragten berichteten von einer oder mehreren gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die ihnen das Studium erschwerten und 44% gehörten zu den first generation students, waren also die ersten ihrer Familie, die eine Universität besuchen (Kroher et al., 2023).

Der von Kimberle Crenshaw im Jahr 1989 geprägte Begriff der Intersektionalität zielt darauf ab, die vielfältigen Ausprägungen und Realitäten von Diskriminierung sichtbar zu machen. Intersektionalität verweist darauf, wie sich Machtverhältnisse entlang von Differenzkategorien überschneiden und Ungleichheiten hervorbringen, die sich nicht ausschließlich aus einer (gender-/ class-/ race-)Perspektive verstehen lassen (Crenshaw, 1989). So kann es beispielsweise einen großen Unterschied machen, ob Studierende mit Kind alleinerziehend sind oder nicht, finanziellen Rückhalt haben oder nebenher erwerbstätig sein müssen. 

In Deutschland ist die Beschäftigung mit Intersektionalität eng mit der Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung der Geschlechterforschung verknüpft und geht auf die Erkenntnis zurück, dass Geschlecht immer in Verbindung mit anderen Differenzierungskategorien wirksam wird. Wird von Gender- UND intersektionalen Perspektiven gesprochen, so geht es darum, die zentrale Bedeutung von Geschlecht als Ordnungsprinzip herauszustellen und zugleich die Verschränkung mit weiteren Machtverhältnissen in den Blick zu nehmen. 

Diskriminierungssensible Lehrgestaltung befindet sich somit im Spannungsfeld zwischen der Anerkennung und Thematisierung struktureller Ungleichheiten einerseits und der grundsätzlichen Offenheit gegenüber der Pluralität und Vielschichtigkeit der individuellen Studierenden andererseits.

Gender- und intersektionale Perspektiven können Mechanismen und Dynamiken sichtbar machen und aufzeigen, wie Ungleichheiten in der Lehre wirken. Die Auseinandersetzung mit dahinterstehenden Konzepten und Ansätzen hilft Lehrenden zu verstehen, was warum und wie ist und auch, dass es hätte anders sein können. Sie regt zugleich dazu an, die eigene Rolle als Lehrperson sowie die gewohnte Lehrpraxis zu reflektieren. Diskriminierungssensible Lehrgestaltung birgt somit nicht nur das Potenzial, institutionalisierte Ungleichheitsdynamiken zu unterbrechen, sondern öffnet ebenso die Möglichkeit neue, ungewohnte (Selbst-)Erkenntnisse zu gewinnen. 

Diskriminierungssensible Lehre: Historisch-institutionelle Einordnung

Die feministische Kritik am Wissenschaftssystem zielte seit den 1970er Jahren sowohl auf die fehlende Repräsentation von Frauen in Hörsälen und an Lehrstühlen als auch auf eine männlich dominierte Wissensproduktion, die ihrerseits wichtige Forschungsfragen und Erfahrungswelten ausblendete (Kühn, 2022). Gleichstellung und Geschlechterforschung starteten somit als gemeinsames Projekt, entwickelten sich aber im Verlauf der Institutionalisierung auseinander, so dass Gleichstellungsakteur*innen heute im Bereich der Organisationsentwicklung und die interdisziplinären Gender Studies in Forschung und Lehre in unterschiedlichen Fachbereichen angesiedelt sind.

In ständiger Wechselwirkung mit neuen Forderungen sozialer Bewegungen und Generationen von Aktivist*innen haben sich beide Felder weiter ausdifferenziert und Intersektionalität als Perspektive integriert. Während sich in der Forschung neue Disziplinen wie Queer, Postcolonial oder Disablity Studies zur Analyse weiterer zentraler Ungleichheitsdimensionen herausgebildet haben, sind in vielen Hochschulen auf der Organisationsebene zusätzliche Strukturen für die Durchsetzung von Antidiskriminierung und Diversity geschaffen worden (Meuser & Riegraf, 2010).

Beide Entwicklungen stellen nun die Hochschuldidaktik vor neue Herausforderungen. Aus der Perspektive der Gleichstellung, Diversity und Antidiskriminierung gilt es, einen Lehr-Lernraum zu schaffen, der allen Studierenden mit ihren unterschiedlichen Voraussetzungen und Erfahrungen gleiche Chancen der Partizipation und Mitgestaltung ermöglicht – auch mit Blick auf Barrierefreiheit. Aus Perspektive der Gender- und Diversity-Forschung ist es wesentlich, die Einschreibung von Machtverhältnissen in die Wissensproduktion zu reflektieren und vielfältige, auch ungewohnte Sichtweisen auf die Lehrinhalte anzuregen.

Diskriminierungssensible Lehre verknüpft somit gleichstellungs- und diversitätspolitische Anliegen mit den Erkenntnissen der Gender- und Diversity-Forschung. Dabei werden „traditionelle“ didaktische Konzepte wie die Studierendenorientierung, Aktivierung oder Methodenvielfalt aufgegriffen und durch machtkritische Perspektiven erweitert. 

Mit Gender- und intersektionalen Perspektiven Lehre kritisch-reflektiert gestalten

Diskriminierungssensible Lehre ist ein kritisch-reflektiertes und didaktisches Prinzip, welches Räume schafft, in dem sich alle respektiert und repräsentiert fühlen. Diskriminierungssensible Lehrgestaltung ist dabei weder ein nice-to-have noch eine einmalige Maßnahme. Sie ist ein kontinuierliches Anliegen, sowohl die eigene Haltung als auch die Lehrpraxis zu reflektieren, wahrzunehmen und weiterzuentwickeln. Mit dem Bewusstwerden über strukturelle Ungleichheiten und potenzielle Benachteiligungen in Lehr- und Lernprozessen, stellt sich die Frage, wie diese kontinuierlich im Lehrgestaltungsprozess abgebaut werden können. 

Wenn Perspektiven im Seminarraum fehlen …

Lehrende kennen Seminare, in denen sich nur wenige und immer dieselben Studierenden mit Redebeiträgen beteiligen. Lehrende wissen, wie schwierig es sein kann, eine lebendige und perspektivenreiche Auseinandersetzung mit Seminarthemen zu initiieren. Aus einer (hochschul-)didaktischen Sicht greifen hier Fragen, wie Studierende aktiviert werden können, wie der Lernprozess lernförderlich(er) gestaltet werden kann und wie der vielbesprochene shift from teaching to learning (Barr & Tagg, 1995) umgesetzt werden kann.

Aus einer diskriminierungssensiblen Perspektive bleibt dabei unausgesprochen, aus welchen Gründen sich Studierende besonders viel oder wenig einbringen. Unklar bleibt auch, welche (Macht-) Dynamiken innerhalb und außerhalb des Seminarraums eine Rolle spielen und was im Lehr-Lernraum passiert, wenn diese sich stetig wiederholen. Zudem bleibt der Blick auf das Seminarthema möglicherweise abstrakt und einseitig, wenn dieser nicht durch neue, unerwartete Perspektiven aus der Studierendenschaft herausgefordert wird. Denn geringe und einseitige Beteiligung bedeutet immer zugleich, dass bestimmte Fragen ans Thema NICHT gestellt werden, marginalisierte Sichtweisen NICHT artikuliert werden, wichtige Erkenntnisprozesse – auch auf Seiten der Lehrperson – NICHT stattfinden. 

Diskriminierungssensible Lehrgestaltung als kontinuierlichen Prozess verstehen

Diskriminierungssensibel Lehren bedeutet dabei nicht unbedingt, das Rad neu zu erfinden, sondern vielmehr vorhandene Kriterien für gute Lehre kontinuierlich weiterzudenken und zu entwickeln. Dabei gilt es sowohl die Voraussetzungen als auch die Folgen zu reflektieren und daraus gewonnene Erkenntnisse in den Lernprozess zu integrieren. Lehrinhalte, Methoden und Interaktionen sind so zu gestalten, dass alle am Lernprozess Beteiligten gleichberechtigte Lern- und Teilhabechancen erhalten. Vor allem jedoch sind Lehrende angehalten, die eigene Lehrhaltung sowie Lehrpraxis wahrzunehmen, zu reflektieren und damit die eigene Lehrkompetenz auf fachlicher, sozialer und methodischer Ebene weiterzuentwickeln. Gender- und intersektionale Perspektiven greifen dabei als „didaktisches Prinzip“ (van Riesen, 2006) in jeder Phase des Lehrgestaltungsprozesses. Sie wirken sich auf die Art und Weise aus, wie Lehre konzipiert, vorbereitet, durchgeführt und nachbereitet wird. 

In jeder dieser Phasen ist es wichtig, sich folgende Gestaltungsdimensionen bewusst zu machen:

  • WER sind die Beteiligten am Lehr-/Lernprozess, hat (keinen) Zugang, wird (nicht) wahrgenommen, darf (nicht) mitgestalten?
  • WAS wird (nicht) vermittelt, wird (nicht) als Perspektive integriert?
  • WIE wird (nicht) vermittelt, (nicht) gelernt und (nicht) kommuniziert, wie (ein- und ausschließend) wirken Rahmenbedingungen?

Entlang der Frage, wie Lehre so gestaltet werden kann, dass verschiedene Zugänge ermöglicht und strukturelle Barrieren vermieden werden, bietet die Abb. 1 einen Überblick über beispielhafte Impulse für eine diskriminierungssensible Lehrgestaltung. Vertiefende Informationen zu den Impulsen bieten die Portale Gendering MINT digital (Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt Universität zu Berlin) und die Toolbox Gender und Diversity in der Lehre (Margherita von Brentano-Zentrum für Geschlechterforschung der Freien Universität Berlin). 

Für die Phasen Konzeption, Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung werden verschiedene Anregungen angegeben, markiert in zwei unterschiedlichen Farben: Grün steht für das Portal Gendering MINT digital und Rot für die TOOLBOX Gender und Diversity in der Lehre.
Abb. 1: Impulse für eine diskriminierungssensible Lehrgestaltung, Ressourcen-URL Medienrepositorium HU Berlin, Judith Schütze für Gendering MINT didaktisch-digital (Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien, HU Berlin) und Jana Gerlach für TOOLBOX Gender und Diversity in der Lehre (Margherita-von-Brentano-Zentrum, FU Berlin) | lizenziert unter CC BY-NC-SA 4.0

Die Zusammenstellung in Abb. 1 ist keine abschließende Sammlung. Vielmehr stellt sie einen Auftakt dar, bestehende Ressourcen zu bündeln und die Vielzahl an Möglichkeiten aufzuzeigen, die genutzt werden können. 

Diskriminierungssensible Ansätze in den Phasen der Lehrgestaltung

Die in Abb. 1 genannten Phasen (Konzeption, Vorbereitung, Durchführung, Nachbereitung) der Lehrgestaltung sind wertvolle Anlässe, eine kontinuierliche und kritisch-reflexive Praxis zu etablieren. Die im Folgenden näher beschriebenen Impulse und ihre Zuordnung zu den jeweiligen Phasen sind Vorschläge und beruhen auf Erfahrungen, in denen sie besonders unterstützen. 

Konzeptionsphase: Standpunkte reflektieren und Leerstellen identifizieren

Lehre zu konzeptionieren wird selten als separate Phase der Lehrgestaltung ausgewiesen. Meist werden konzeptionelle Überlegungen als Vorbereitung oder Planung der bevorstehenden Lehrveranstaltung einsortiert. Die Universität Bremen hingegen stellt im Informationsportal Hochschullehre jedoch anschaulich dar, welchen weitaus größeren Bedeutungsumfang die Konzeptionsphase erfährt. Neben der Auseinandersetzung mit institutionellen und curricularen Rahmenbedingungen, wird das kritisch-reflexive Potenzial besonders deutlich bei der Wahrnehmung und Reflexion der eigenen Lehrrolle. Fragen nach Lehrhaltung und Lehrphilosophie adressieren dabei auch die Reflexion eigener Privilegien und Leerstellen (Trautwein, 2025). Die Erweiterung der eigenen fachlichen Expertise durch die Auseinandersetzung mit macht- und gesellschaftskritischen Theorien ist dabei eine wichtige Voraussetzung. Gender- und intersektionales Wissen sensibilisiert für die Auseinandersetzung mit eigenen Vorannahmen, Privilegien, Situierungen und Positionierungen (Ludwig, Hornstein & Krämer, 2016).

Die Impulssammlung in Abb. 1 bietet hier praktische Zugänge für eine (selbst-)kritische Reflexion: angefangen von vorsichtigen „ersten Schritten“, über das Hinterfragen eigener Stereotype, bis hin zu vertiefenden Wissensbausteinen zu Queering und Intersektionalität. 

Vorbereitungsphase: Materialauswahl und Methoden prüfen

In der Vorbereitungsphase beschäftigen sich Lehrende mit der konkreten Semester- bzw. Seminarplanung. Eine diskriminierungssensible Haltung kann hier bereits bei organisatorischen Überlegungen viel bewirken. Wann Lehre stattfinden soll, entscheidet gleichzeitig, wer potenziell bessere bzw. schwierigere Teilhabemöglichkeiten hat. Wie zugänglich physische und digitale Lehr-Lernräume sind, hängt davon ab, welche körperlichen, technischen und finanziellen Anforderungen daran geknüpft sind.

Mit Blick auf die Materialauswahl ist zu fragen, welche Perspektiven in Literatur, Beispielen und Lernmaterialien repräsentiert werden und welche nicht. Inwiefern werden Stereotype reproduziert? Und wie können Gender- und intersektionale Ansätze als Analyseperspektiven integriert werden? Welche didaktischen Ansätze befördern kritisches Denken? Wie können über eine bewusste Methodenauswahl unterschiedliche Lernpräferenzen angesprochen werden? 

Durchführungsphase: Diskriminierungssensibel agieren und kommunizieren

Die Durchführungsphase der Lehrgestaltung umfasst den aktiven Umsetzungszeitraum. Hier finden Interaktionen zwischen Lehrenden und Studierenden statt und es wird bedeutsam, ob z. B. inklusive Sprache genutzt, Namen oder Pronomen respektvoll ausgesprochen, Bildsprache bewusst genutzt und unterschiedliche Beteiligungsmöglichkeiten angeboten werden (Heitzmann & Klein, 2012). Lehrende können wahrnehmen, wer spricht, wer schweigt, auf wessen Beiträge eingegangen und wessen übergangen werden. Sie können Studierende darin begleiten, ihre Argumentationskompetenz zu stärken. Sie können darauf achten, keine stereotypen Zuschreibungen zu reproduzieren (Heitzmann & Klein, 2012). Sie tragen die Verantwortung einen Raum zu schaffen, in dem Diskriminierung nicht toleriert wird. Die Fähigkeit, sensibel auf problematische Äußerungen zu reagieren und gleichzeitig den Lernprozess aufrechtzuerhalten, ist hier von zentraler Bedeutung.

Nachbereitungsphase: Beteiligungsprozesse evaluieren

Die Erkenntnisse aus Studierenden-Feedback und Lehr-Evaluation, ergänzt um die eigene Einschätzung, bieten eine gute Grundlage, um die Beteiligungsprozesse zu evaluieren und so die eigene Lehrpraxis weiterzuentwickeln (Voss, 2025). Welcher Veränderungsbedarf zeigt sich, welche Ansätze waren förderlich? Welche neuen Lernfragen haben sich ergeben – bei Studierenden und Lehrenden? Welche Kompetenzbereiche sind auszubauen – bei Studierenden und Lehrenden? Welche Wissensbestände und Perspektiven fehlen weiterhin? Und inwiefern können vorhandene (digitale) Wissensressourcen für den Lehr- und Lernprozess genutzt werden? 

Mit Fehlerfreundlichkeit dem eigenen Lernprozess begegnen

Festzuhalten ist, dass es für die Gestaltung diskriminierungssensibler Lehre wichtig ist, sich mit Machtverhältnissen und Diskriminierungsdynamiken in Lehr- und Lernräumen auseinanderzusetzen und diese als Prozess zu verstehen. Um diesem Erkenntnisprozess bestenfalls mit Offenheit und Neugier zu begegnen, ist das Konzept der Fehlerfreundlichkeit von Urmila Goel (Goel, 2020) hilfreich. Goel geht von der Prämisse aus, dass es grundsätzlich keine diskriminierungsfreien Bildungsräume, kein Außerhalb von Machtverhältnissen gibt. Dies anzuerkennen und zugleich einen Entwicklungs- und Lernraum für alle Anwesenden zu schaffen, könne über das Prinzip der Fehlerfreundlichkeit realisiert werden. Denn nur wenn alle Beteiligten „Fehlbarkeit als unausweichlichen Teil menschlichen Handels“ (Goel, 2020, S. 155) akzeptieren – bei sich selbst wie beim Gegenüber – wird ein Raum geschaffen, um Verletzungen äußern und Diskriminierungskritik annehmen zu können. Fehlerfreundlichkeit bedeutet zu wissen, dass niemand umhinkann, Machtverhältnisse zu reproduzieren. Es bedeutet gleichzeitig, sich selbst und den gemeinsamen Lernraum dafür zu öffnen, Kritik als wichtigen Impuls zur Bearbeitung jener Machtungleichheiten anzunehmen, vielleicht sogar als Anstoß für einen gemeinsamen Lernprozess zu begrüßen (Goel, 2016).

Weitere Informationen

Verschiedene Portale und Webseiten liefern Wissensressourcen und Anregungen zur Umsetzung diskriminierungssensibler Lehre. Für eine besser Orientierung und als Einstieg für eine vertiefte Beschäftigung mit dem Thema, sind dabei folgende Portale und Glossare besonders zu empfehlen: 

Letzte Änderung: 23.02.2026