Lerngewohnheiten

Studierende besuchen Ihre Veranstaltung aus unterschiedlichen Beweggründen und bringen dabei jeweils individuelle Vorkenntnisse mit. Auch hinsichtlich ihrer Lerngewohnheiten gibt es Unterschiede. Alle Kategorisierungen können dabei nur zur groben Orientierung dienen, denn Reintypen sind die Ausnahme - fast jeder Lernende stellt eine individuelle Mischung von Stilen dar. Zudem verändert sich die Rezeption eines Lernenden auch abhängig von Thema und Kontext.

Lernstile

Kognitive Stile beschreiben die Arten, in der Lernende Informationen sammeln und organisieren. Eine Hauptunterscheidung wird dabei anhand der sinnlichen Informationsgewinnung gemacht, wobei zwischen stärker bildlichen und eher verbalen Rezeptionspräferenzen differenziert wird.

Eine weitere Unterscheidung wird anhand des Grades der Detailorientierung der Lernenden getroffen: Ein Serialist konzentriert sich zunächst Schritt für Schritt auf die Details und baut darauf ein allgemeines Konzept auf; ein Holist orientiert sich dagegen stärker am Gesamtüberblick und schenkt Details weniger Aufmerksamkeit.

Bezogen auf computergestützte Lernumgebungen bietet eine Gestaltung, die das Angebot gut anmoderiert und die einzelnen Informationsbereiche bzw. Lernstufen in einen sinnvollen Zusammenhang stellt, bei beiden Lernstilen die besten Voraussetzungen für den Lernerfolg. Den unterschiedlichen Herangehensweisen kann durch eine differenzierte Navigation entsprochen werden. So können Sitemaps einen Gesamtüberblick geben und Schritt für Schritt Anleitungen und Checklisten Details klären. Weitere Informationen bietet die Vertiefung Navigation.

Lerntypen

Lerntypen werden nach den Präferenzen der Lernenden in Bezug auf bestimmte Lernarten unterschieden. Sie beruhen i.d.R. auf Selbsteinschätzungen. Eines der bekanntesten Modelle, das zudem den Prozesscharakter des Lernens berücksichtigt, stammt von Kolb (1976) . Er unterscheidet vier Lernstile: Zwei geben an, wie Erfahrungen gesammelt werden, die anderen zwei geben an, wie diese anschließend verarbeitet werden. So wird einerseits zwischenkonkretem, praktischen Erfahren und abstraktem, analytischen Begreifen differenziert und andererseits reflektierendes Beobachten und aktives Probieren unterschieden. Je nachdem, wie sich ein Lernender einstuft, lassen sich die vier Lerntypen Divergierer, Konvergierer, Assimilierer und Akkomodierer unterscheiden (Kolb & Fry, 1975).

Divergierer verbinden praktische Erfahrungen mit gedanklicher Beobachtung; sie erkennen Probleme und bearbeiten Alternativen. Konvergierer bilden den Gegenpol zu ihnen, denn sie verbinden aktives Probieren mit abstraktem Begreifen; sie testen Theorien und lösen Probleme. Die Assimilierer formulieren Theorien und definieren Probleme; sie verbinden abstraktes Begreifen mit abstrakter Beobachtung. Ihnen entgegengesetzt schließlich verbinden die Akkomodierer praktische Erfahrungen mit aktivem Probieren.

Kultur

Treisman (1992) weist auf eine weitere Dimension von Lerngewohnheiten hin: die kulturell-ethnische. Nachdem er bei Mathematikkursen in Berkeley beobachtet hatte, dass sich die Ergebnisse von weißen und asiatisch-stämmigen Lernenden von denen mit lateinamerikanischer oder afrikanischer Abstammung unterschieden, brachte eine Interviewserie mit zwei Zielgruppen zutage, dass schwarze Studierende in der Regel alleine lernten, während chinesische Studierende in Gruppenarbeit gegenseitig korrigierten. Nachdem Treisman Gruppenarbeit in den Unterricht eingebaut hatte, glichen sich die Ergebnisse an.

Geschlecht

Hinsichtlich der Lerntyp-Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Lernenden in der Zielgruppe stellt Schulmeister (2004) nach Diskussion zahlreicher diesbezüglicher Studien fest, dass Lernstile nicht Gender-spezifisch sind und räumt lediglich ein, dass "Gender-Unterschiede in besonderen Situationen auftreten, zu denen man didaktische Lernarrangements zählen kann, in denen Männer und Frauen sich unterschiedlich verhalten."

Weitere Informationen bietet die Vertiefung Gender Mainstreaming.

Konsequenzen 

Welche Konsequenzen die Existenz verschiedener Lerntypen auf die Gestaltung computergestützter Lernumgebungen haben, ist eine Abwägung von Aufwand und Ertrag. Der mit der Zahl der Variablen steigende Aufwand seitens des Lehrenden sollte bei der Entwicklung eines Lernangebots im Verhältnis zum Ertrag stehen, Lernenden die bestmöglichen Voraussetzungen für den Wissenserwerb zu bieten (Schulmeister, 2004).

Um eine Orientierung an Aufgaben und Bedürfnissen der Nutzer zu erhöhen, können digitale Lernumgebungen adaptiert bzw. personalisiert werden. Von der Adaptierbarkeit eines Programms wird gesprochen, wenn Einstellungen angepasst werden können oder Lernende selbst Grundeinstellungen ändern können, zum Beispiel beim Schwierigkeitsgrad der gestellten Aufgaben (vgl. Petko & Reusser, 2005).

Zur Personalisierung kann beispielsweise der Grad an Lernerkontrolle modifiziert werden. Viele hypermediale Lernumgebungen gehen mit einer ausgeprägten Lernerkontrolle einher, d.h. die Lernende entscheiden bei der Navigation in der Umgebung, welche Inhalte rezipiert werden sollen. Durch Guided Tours lässt sich die Lernerkontrolle einschränken, was gerade für unerfahrene Nutzer Vorteile mit sich bringen kann.

 

Letzte Änderung: 17.06.2015
Druckansicht