Ein Blick auf Bildung, Hochschullehre und Digitalisierung in Uganda

03.09.2026: Digitalisierung verändert Hochschulen weltweit. Doch wie gestaltet sich Hochschullehre mit digitalen Medien in anderen Ländern? Im Interview mit Dr. Stella Kanyesigye werfen wir einen Blick nach Uganda. Die Physikdidaktikerin und Wissenschaftlerin forscht u. a. zum Einsatz digitaler Technologien in MINT-Studiengängen. Neben ihrer fachlichen Perspektive hat uns auch ihr persönlicher Bildungsweg beeindruckt. Deshalb veröffentlichen wir das Interview in zwei Teilen: Im Video berichtet sie über ihre Erfahrungen als Hochschullehrende in Uganda. Der begleitende Text erzählt von den Herausforderungen ihres außergewöhnlichen Bildungswegs, die aus Sicht des deutschen Bildungssystems kaum vorstellbar sind.

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Dr. Stella Kanyesigye (Valley University of Science and Technology / Kampala International University)

Dr. Stella Teddy Kanyesigye lehrt Mathematik und Physik an zwei Universitäten in Bushenyi, Uganda: an der Valley University of Science and Technology sowie an der Kampala International University. In diesem Sommer war sie für einen dreimonatigen Forschungsaufenthalt zu Gast am Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) in Tübingen, zu dem auch unser Portal e‑teaching.org gehört. Wir haben die Gelegenheit genutzt und uns mit ihr getroffen.

Ursprünglich wollten wir mit Dr. Stella Kanyesigye vor allem über ihre Forschungsarbeit und ihre Erfahrungen als Hochschullehrende in Uganda sprechen. Im Verlauf des Gesprächs wurde jedoch deutlich, dass auch ihre persönliche Geschichte bemerkenswert ist: Während viele Akademikerinnen und Akademiker in Deutschland und anderen westlichen Ländern ihren Bildungsweg unter vergleichsweise günstigen Voraussetzungen absolvieren können, musste Dr. Kanyesigye um jede einzelne Etappe ihrer Ausbildung kämpfen. Deshalb greifen wir im folgenden Beitrag nicht nur ihre Perspektive auf Hochschullehre und Digitalisierung in Uganda auf (mehr dazu im Video-Interview), sondern auch die Stationen ihres Bildungswegs. Da dieser Teil einen sehr persönlichen Einblick in die Lebensgeschichte von Dr. Stella Kanyesigye gibt, haben wir uns entschieden, sie im folgenden Text bei ihrem Vornamen zu nennen.

Vom Leben unter freiem Himmel und dem Traum von der Schule

Aufgewachsen in Uganda, einem Binnenland in Ostafrika, das aufgrund seiner Vielzahl an Naturressourcen und Tierarten auch als „Pearl of Africa“ bezeichnet wird, erlebte Stella ihre Kindheit im Freien. Ihre Eltern konnten sich kein eigenes Zuhause leisten, daher wanderte sie mit ihren neun Schwestern tagsüber durch Büsche und Wälder, ernährte sich von wilden Beeren und schlief nachts mit ihrer Mutter unter freiem Himmel. Wie ihre Geschwister machte auch sie sich, als drittälteste von zehn Mädchen, keine allzu große Hoffnungen auf eine bessere Zukunft. „But by God's grace, I wished to go to school“, erzählt uns Stella im Interview.

Niemand konnte jedoch für ihre Schulgebühren aufkommen, und so schlich sie sich oft an die Fenster der Schulklassen und lauschte – bis sie eines Tages von einer Lehrkraft entdeckt und eingeladen wurde, mitzumachen. Um Stellas Wunsch nach Bildung zu unterstützen, fing ihre Mutter an, mit Sachgegenständen zu handeln und konnte so schließlich ein paar Schulmaterialien besorgen. Obwohl Stella die Schule aufgrund der fehlenden Schulgebühren nur unregelmäßig besuchen konnte (insgesamt fehlten ihr zwei ganze Jahre), schaffte sie schließlich mit der finanziellen Unterstützung der Lehrkräfte den Grundschulabschluss und schnitt in ihrem Bezirk sogar als Beste ab. 

Bildung gegen alle Widerstände

Ob Stella nach der Grundschule weiter zur Schule gehen durfte, war zunächst ungewiss. Mit elf Jahren sah sie sich mit einer Realität konfrontiert, die viele Gleichaltrigen nicht kannten: „When my colleagues continued secondary education, for me, I was just surviving“, erinnert sie sich. Erschwerend kam hinzu, dass ihr Vater und dessen Familie die (Schul-)Bildung von Mädchen strikt ablehnten und bis dahin nicht einmal wussten, dass Stella überhaupt die Grundschule besucht hatte.

Dank ihrer herausragenden Leistungen wurde sie jedoch an die renommierte Maryhill High School empfohlen. Als sie dort nicht zum Schulbeginn erschien, suchte die Schulleitung gemeinsam mit der lokalen (Soldaten-)Schutzgruppe Askari das Gespräch mit Stellas Vater. Im Interview erinnert sich Stella noch gut an den Tag, an dem sie ihren Vater barfuß in die Schule begleitete: „By that time I had never put on shoes. I didn‘t know what shoes looked like“.

Als feststand, dass ihr Vater zwar seine Zustimmung gab, die Schulgebühren jedoch nicht aufbringen konnte, setzte sich die Schulleitung erneut für Stella ein. Mithilfe von Spenden konnte sie so schließlich doch noch die weiterführende Schule besuchen. Trotz großer sozialer Unterschiede zu den anderen, meist wohlhabenden Kindern ließ sie sich nicht entmutigen und schloss als eine der Besten ihren Schulabschluss ab, wobei ihr insbesondere die Fächer Mathematik und Physik lagen. 

Zwei Frauen sitzen sich gegenüber, im Hintergrund ist ein großes Bücherregal sowie ein Scheinwerfer zu sehen, der auf die Frau rechts gerichtet ist.
e-teaching.org-Mitarbeiterin Ceyda Demircan (links) im Interview mit Dr. Stella Kanyesigye (rechts) (Foto: © Natalie John/IWM)

Von geplatzten Träumen und neuen Chancen

Nach ihrem Schulabschluss stand für Stella fest, dass sie studieren wollte. Ihr Traum war es, Bauingenieurin zu werden. Da sie jedoch keine Förderung für ein Ingenieurstudium erhielt, begann sie stattdessen mithilfe eines Stipendiums ein Lehramtsstudium an der Makerere University in der Landeshauptstadt Kampala. Nach ihrem Bachelor-Abschluss 2005 war sie zunächst als Lehrerin an verschiedenen weiterführenden Schulen tätig. Doch ihr Wunsch, Ingenieurin zu werden, blieb: „My zeal for education was so high that I wanted to explore any opportunity that would allow me to advance my career“.

Fasziniert von Energie und Seismologie, der Wissenschaft von Erdbeben und Erschütterungswellen, schrieb sie sich zunächst für ein Masterstudium in Geophysik ein. Da sich das Vollzeitstudium jedoch nicht mit ihrer Arbeit als Lehrerin vereinbaren ließ, gab sie dieses schnell wieder auf. Stattdessen absolvierte sie einen Master in „Educational Planing and Administration“, dessen Lehrveranstaltungen sie während der Schulferien besuchen konnte. Doch auch nach ihrem Abschluss 2009 verfolgte sie ihr Ziel konsequent weiter: „Now my intention was to join higher institutions, to move from secondary to higher institutions of learning“.

Eine passende Arbeitsstelle zu finden, erwies sich jedoch als schwierig. Daher nahm Stella ein zweites Masterstudium in Physik auf und spezialisierte sich auf Solarenergie. Ihr Ziel war es, nachhaltige und erschwingliche Energielösungen für ihre Heimat zu entwickeln: „Most of the energy we have been depending on comes from wood. But now forests are depleted. They are no longer there. So it is a struggle. […] So I wanted to look if I can fabricate solar panels using local materials and then see how much energy they can convert“. Obwohl sie die finanziellen Hürden selbst stemmen musste und zeitweise sogar versucht war, alles hinzuschmeißen, schloss sie das Studium 2015 erfolgreich ab. Ihr Durchhaltevermögen zahlte sich aus: Mit Unterstützung eines Stipendiums konnte sie vier Jahre später ein Promotionsstudium im Fach „Physics Education“ in Ruanda, einem Nachbarstaat von Uganda, aufnehmen.

Plötzlich alles online

Doch schon bald folgte die nächste Herausforderung: Mit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie musste Stella ihr PhD-Studium online fortsetzen. „So many of us had to fidget around because we had no experience with technology. [...] We had studied in an analog era where digital media was very minimal, was not available to me throughout my secondary life. I did not see a computer. We were using typewriters at that time. I first saw a computer when we were at university“. Da sie den Anschluss nicht verlieren wollte, arbeitete sie sich intensiv ein: „I started exploring little by little how to use social media, Google, Zoom, and all that. So, from there, I started slowly by slowly trying to pick up interest in digital media“.

Sie nutzte jede Möglichkeit, von Online-Schulungen bis hin zum Austausch mit anderen. Dabei interessierte sie sich besonders für die Erfahrungen aus anderen Ländern: „I had my friends who have studied in European countries and other continents. So, they would always travel. They would always attend conferences, share their knowledge. They would also learn from others. And I tried to interact with them to see how I could also, you know, connect with the outside world, […]  so that I could get more experience”.

Internationale Erfahrungen

Schon bald erhielt Stella die Chance, selbst internationale Erfahrungen zu machen: Über ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Cooperation Visite Programme führte ihr Weg sie schließlich nach Deutschland, an das Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) in Tübingen. Im Zuge ihres Aufenthalts am IWM fokussierte sich Stella auf die Forschungsfrage, wie digitale Medien in Lehr- und Lernsettings naturwissenschaftlicher Fächer, den sogenannten MINT-Disziplinen, sinnvoll integriert werden können. „I thought that was a new way. And that was actually what I needed to be an effective teacher“, so Stella.

Die Zusammenarbeit mit den Forscherinnen und Forschern in Deutschland habe ihr deutlich gemacht, dass die Unterschiede zwischen den Ländern oft kleiner seien als angenommen: „I was totally contradicted by the experience. […] It has motivated me more to work with others and cooperate. Because I feel that we have similar challenges”. Ähnliche Herausforderungen sehe sie etwa beim Zugang zu stabilem Internet („You may have it, but it is not stable”) sowie beim Erwerb digitaler Kompetenzen: „You may have a laptop, but you cannot prepare a poster. So it means we all still lack the same work skills. We still need more training, all of us."

Ihr Anliegen ist es daher, internationale Zusammenarbeit zu fördern: „My program is to see how all of us worldwide come together. Because we need one another. [...] There is nobody who is super. […] Even you, you have a lot you can learn from us. Likewise, we also have a lot we can learn from you.

Welche weiteren Gemeinsamkeiten Stella während ihres Aufenthalts in Deutschland beobachten konnte, verrät sie uns im Video-Interview

Beitragende

Dr. Stella Teddy Kanyesigye lehrt am Department of Science an der Valley University of Science and Technology sowie am Department of Science Education der Kampala International University in Bushenyi (Uganda). Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf dem Lehren Mehr anzeigen und Lernen in den MINT-Fächern. Dabei interessiert sie sich insbesondere für den Einsatz digitaler Medien in Lehr- und Lernprozessen. Ihren PhD in Physics Education erwarb sie 2023 an der University of Rwanda. Im Rahmen ihrer Promotion untersuchte sie den „Impact of Problem Based Learning on concept understanding, achievement and attitude towards Waves in Physics among Students in Secondary Schools in Uganda and Rwanda”. Davor studierte sie Physik an der Mbarara University of Science and Technology sowie „Educational Planning and Administration“ an der Uganda Christian University in Mukono.