Adaptive Medien im Studium: Lernunterstützung oder Kompetenzverlust?

Bereits seit den 1960er und 1970er Jahren wurden im Kontext der Forschung adaptive Konzepte und Systeme entwickelt, die das Lernen und Lehren (nicht nur) im Hochschulkontext unterstützen sollen. Durchgesetzt haben sie sich allerdings bisher noch nicht. In der abschließenden Podiumsdiskussion zum Themenspecial „Lernen unterstützen durch Adaptivität und Adaptierbarkeit“ geht es deshalb vor allem darum, welche Hürden es zu überwinden gilt, welche Erwartungen realistisch sind – und was eventuell auch gegen den Einsatz adaptiver Systeme spricht.

18.01.2027, 14:00 - 15:00 Uhr

Hauptbild des Beitrags

Sarah Becker (RUB, Foto: Lucas Schulte-Zweckel), Prof. Dr. Hendrik Drachsler (Univ. Frankfurt/DIPF, Foto: Jonathan Vos Photography), Prof. Dr. Peter Gerjets (IWM) und Dr. Niels Seidel (FernUniv. in Hagen, Foto: FernUnivers. in Hagen/Hardy Welsch)

Als Studierende, Lehrende und Forschende bringen die Gäste des Podiums sehr verschiedene Hintergründe in die Diskussion ein. Wie unterschiedlich ihre Erwartungen und Erfahrungen – teilweise auch ihre Befürchtungen – im Zusammenhang mit Adaptivität in der Lehre sind, zeigen die folgenden Statements, in denen sie ihre Positionen kurz zusammengefasst haben:

Sarah Becker (Ruhr-Universität Bochum): „Für mich als Studentin bietet Adaptivität eine Vielzahl von neuen Möglichkeiten. So kann ich zum Beispiel im Kontext von LLMs meine Lernmaterialien anpassen, etwa mir aus Vorlesungsskripten einen Podcast erstellen oder mir für die Klausurvorbereitung Prüfungsfragen generieren lassen. Insgesamt bietet mir das bessere Möglichkeiten, mein Lernen zu personalisieren und basierend auf dem, was ich brauche, zu lernen.“

Prof. Dr. Hendrik Drachsler (Deutsches Leibniz-Institut für Bildungsforschung / studiumdigitale der Universität Frankfurt): „Adaptiv ist nicht gleich wirksam. Studierende schätzen personalisiertes KI-Feedback, doch messbare Lernwirkungen bleiben bisher aus, und wer sich zu sehr auf KI verlässt, lernt womöglich weniger dazu. Adaptive Medien brauchen deshalb drei Dinge: Feedback, das den Weg zum Ziel zeigt, Studierende mit Feedback und KI-Kompetenz und eine Forschung, die Lernerfolg misst statt Zufriedenheit.“ 

Prof. Dr. Peter Gerjets (Leibniz-Institut für Wissensmedien): Interessant ist neben Adaptivität („das System entscheidet was Lernende bekommen“) auch Adaptierbarkeit („Lernende entscheiden, was das System liefern soll“). Hier könnte es mit generativer KI ganz neue Möglichkeiten für den selbstregulierten Umgang mit Lernmaterialien und Lernmethoden geben. Wichtig ist dabei, dass Lernende kompetent unterscheiden können, was tatsächlich beim Lernen hilft und was sich nur gut anfühlt - ohne zu wirken. Ein zweiter Punkt, der mir wichtig ist, wäre die multidimensionale Betrachtung von Adaptivität: Die Anpassungen können die stoffliche oder sprachliche Schwierigkeit betreffen, die motivatonale Einbettung oder auch die eingesetzten Lernstrategien.

Dr. Niels Seidel (Forschungszentrum CATALPA an der FernUniversität in Hagen): „Ich plädiere dafür, Adaptivität nicht als Blackbox zu bauen, sondern Lehrende zu Gestaltenden der Adaptionen zu machen. Sie kennen ihre Lernenden, ihr Fach und ihre didaktischen Ziele und sollten deshalb selbst festlegen können, in welchen Situationen das System eingreift und wie. Adaptivität wird erst dann im Bildungsalltag ankommen, wenn sie adaptierbar ist: offen, erklärbar und in der Hand derer, die Lehre verantworten.“

Beitragende

Sarah Becker studiert aktuell an der Ruhr-Universität Bochum im Master Philosophie mit einem persönlichen Fokus auf Technikphilosophie und Technikethik, und hat an der RUB 7 Jahre als studentische Mitarbeiterin im Zentrum für Wissenschaftsdidaktik im Mehr anzeigen Bereich eLearning digitale Lehr-Lern-Konzepte mit Lehrenden entwickelt und umgesetzt. Seit Winter 2025 ist sie als Werkstudentin im CHE-Team des Hochschulforums Digitalisierung tätig und bringt als DigitalChangeMaker (HFD) und studentisches Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Stiftung Innovation in der Hochschullehre (StIL) studentische Perspektiven in die digitale Transformation und Hochschulentwicklung ein.

Hendrik Drachsler ist Professor für Educational Technologies und Learning Analytics am Deutschen Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformationen (DIPF) und am Fachbereich Informatik der Goethe-Universität Frankfurt. Darüber hinaus ist Mehr anzeigen er Direktor der zentralen Innovationseinheit für technologiegestütztes Lernen (studiumdigitale) an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Learning Analytics, Learning Design, AI in Education, personalisiertes Assessment & Feedback und die Auswirkungen dieser Bereiche auf Lernende, Organisationen und damit einhergehende gesellschaftliche Herausforderungen.

Peter Gerjets ist seit 2002 leitender Wissenschaftler am IWM und seit 2003 Professor für Empirische Lehr-Lernforschung an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Er und seine Arbeitsgruppe „Multimodale Interaktion" erforschen die selbstregulierte Informationserschließung Mehr anzeigen in multimodalen Wissenswelten. Der theoretische Fokus liegt auf dem Zusammenspiel multimodaler Interaktionen mit kognitiven, motivationalen und emotionalen Informationsverarbeitungsprozessen in Wissenskontexten. Die Ergebnisse dieser Forschung bilden die Grundlage für die Entwicklung innovativer digitaler Interaktionsangebote.

Niels Seidel ist Senior Researcher am Forschungszentrum CATALPA an der FernUniversität in Hagen. Als Informatiker gestaltet, baut und untersucht er menschzentrierte Bildungstechnologien. Dabei arbeitet er eng mit Lernenden und Lehrenden zusammen, die Mehr anzeigen diese Technologien im Reallabor ihrer Lehrveranstaltungen einsetzen. Methodisch folgt er dem Learning Engineering: Lernangebote werden datengestützt und iterativ erprobt und verbessert, unterstützt durch Learning Analytics, Educational Data Mining und KI. Er ist Sprecher des Arbeitskreises Learning Analytics der Fachgruppe Bildungstechnologie der Gesellschaft für Informatik.

Weitere Informationen

Die Teilnahme an der kostenfreien Veranstaltung ist ohne Anmeldung möglich.
Der Link zum Veranstaltungsraum wird ca. 15 Minuten vor Beginn einer Veranstaltung hier veröffentlicht. Die Veranstaltung wird mithilfe von Zoom durchgeführt, aufgezeichnet und später frei zugänglich zur Verfügung gestellt.
Die Online-Veranstaltung kann live untertitelt werden. Bitte kontaktieren Sie uns via feedback@e-teaching.org für weitere Unterstützung zu einer barrierearmen Durchführung des Events.
Bei der Veranstaltungen können Badges als Teilnahmebestätigung erworben werden. Für den Erhalt von Badges ist ein Account bei e-teaching.org erforderlich, der kostenfrei angelegt werden kann. Die Badges unterliegen dem offenen Standard Open Badges, sind an keine spezielle Plattform oder ein Produkt gebunden, verifizierbar und können digital weitergegeben werden.