Digitalisierung im Lehralltag – Handlungslogiken Lehrender verstehen

Digitale Hochschullehre zu verstehen und zu gestalten, das ist ein zentraler Anspruch von Hochschulprofessionellen aus Hochschuldidaktik, Bildungstechnologie, Medienpädagogik etc. Doch verstehen wir, was wir gestalten – oder existieren nicht vielmehr parallele Praxiswelten von Lehrenden und Hochschulbildungsentwicklung, die nur punktuell ineinandergreifen? Im Online-Event griff Dr. Aline Bergert (TU Dresden) diese Spannung auf und zeigte anhand empirischer Daten, wie Digitalisierung im Lehralltag entsteht und welche Muster das Handeln von Lehrpersonen prägen.

15.06.2026, 14:00 - 15:00 Uhr

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Dr. Aline Bergert (TU Dresden, Foto: © Franziska Rehde/Institut für Baukonstruktion der TU Dresden)

Die Digitalisierung der Hochschullehre hat in den vergangenen Jahren einen deutlichen Schub erfahren – nicht zuletzt durch die COVID-19-Pandemie und aktuelle Entwicklungen im Bereich Künstlicher Intelligenz. Zugleich zeigt sich im Lehralltag eine latente Eigensinnigkeit der Lehrpraxis: Widersprüche, Reibungen und eigensinnige Aneignungsformen, die sich nicht ohne Weiteres in strategische Zielbilder übersetzen lassen.

Häufig werden solche Phänomene als Hürden der Digitalisierung gedeutet und auf individuelle Faktoren wie vermeintlich mangelnde Motivation, Medienkompetenz oder Interesse einzelner Lehrender zurückgeführt. Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz, da sie Lehrhandeln vereinfacht und dessen Einbettung etwa in bildungsbiografische Erfahrungen, disziplinäre Normen und organisationale Rahmenbedingungen ausblendet.

Der Vortrag nahm einen Perspektivwechsel vor: weg von Digitalisierung als externem Entwicklungsziel – hin zur Frage, wie das Digitale aus Sicht von Hochschullehrenden im Alltag tatsächlich wahrgenommen und ausgehandelt wird. Als Ankerpunkt dienten die in der Dissertation von Aline Bergert rekonstruierten Lehralltagstypologien.

Diese zeigen: Das Digitale bzw. der Umgang mit dem Prozess der Digitalisierung stellt für Hochschullehrende in ihrem Lehralltag meist gar kein eigenständiges Orientierungsproblem dar, sondern wird als Dimension bestehender Lehrlogiken wirksam. Der Erfolg digitaler Hochschullehre hängt damit weniger von Medienkompetenz, Motivation oder Interesse einzelner Lehrender ab, sondern vielmehr von der Passung zwischen externen Digitalisierungsnormen und gewachsenen kollektiven Lehrorientierungen.

Abschließend wurde dies in einem Gedankenexperiment zugespitzt: Was würde es bedeuten, Strategien und Unterstützungsangebote konsequent vom Lehralltag her zu denken?

Beitragende

Dr. Aline Bergert ist seit 2021 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Baukonstruktion der Technische Universität Dresden. Als Koordinatorin für Open Education betreut sie nationale und internationale Bildungsprojekte im Bereich Glasbau, insbesondere Mehr anzeigen im Umfeld der Open GLASSroom education community. Parallel zu ihrer Tätigkeit in den Ingenieurwissenschaften promovierte die studierte Berufspädagogin an der Technische Universität Dresden und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg im Bereich Bildungstechnologie. Ihre 2026 abgeschlossene Dissertation untersucht Digitalisierung im Lehralltag von Hochschullehrenden in klassischen Ingenieurdisziplinen. Methodologisch ist ihre Forschung in rekonstruktiven Ansätzen verankert und zielt darauf, verborgene handlungsleitende Wissensbestände sichtbar zu machen. Sie ist Alumna der Promotionsförderung des Evangelischen Studienwerkes Villigst.

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