Projektlernen
Projektlernen stellt ein dynamisches Lehr-/Lernszenario dar, das das Lernen in und an Projekten in den Vordergrund stellt. Es fokussiert das aktive, soziale und selbstgesteuerte Lernen und befördert den „Shift from Teaching to Learning“. Projektlernen gilt als besonders lernförderlich, steigert in hohem Maße die Motivation Studierender und kann zu tieferen Lernergebnissen führen. Projektlernen adressiert zudem verschiedene Future Skills und das Wichtigste: Es macht Spaß.

Ziel des Projektlernens ist die Erarbeitung konkreter erfahrbarer Ergebnisse in Form von Produkten bzw. Artefakten. Doch was ist eigentlich ein Projekt (in der Hochschullehre), welche Vorteile bietet Projektlernen und was müssen Lehrende alles beachten, wenn sie das Lehr-/Lernszenario in ihrer Lehre einsetzen möchten?
Was ist ein Projekt (in der Hochschullehre)?
Der Begriff „Projekt“ entstammt dem lateinischen prōicere („vorauswerfen“) und kann als eine „sich im Entstehen begriffene Unternehmung“ beschrieben werden. Ein Projekt umfasst einen bestimmten Zeitraum und alle dazugehörigen Phasen. Entwurf und Umsetzung sind ebenso Teil wie der Abschluss. Entsprechend ist ein Projekt eine prozessorientierte Praxis, die erst in ihrem Vollzug entsteht. Diese Praxis zielt auf die Erarbeitung konkreter erfahrbarer Ergebnisse („Produkte“/„Artefakte“), die sich von denen klassischer Lehrveranstaltungen unterscheiden können.
Was ist Projektlernen?
In der Forschungsliteratur findet sich häufig eine synonyme Verwendung der Bezeichnungen und Abkürzungen „Projektorientiertes Lernen“ (POL) und „Projektbasiertes Lernen“ (PBL) oder auch „project based learning“ (PBL). Im Folgenden wird für die Bezeichnung „Projektlernen“ plädiert, die der Perspektivierung auf die Lernenden Rechnung trägt. Insbesondere ist eine Abgrenzung zum Problembasierten Lernen zu erwähnen, oft ebenfalls mit PBL abgekürzt. Projektlernen und Problembasiertes Lernen weisen Ähnlichkeiten auf, jedoch haben beide eine unterschiedliche Entwicklungstradition. Das Problembasierte Lernen entlehnt sich oft künstlich-generierten Problemen, während das Projektlernen authentischere Fragestellungen mit Lebenswelt-, Wissenschafts- oder Berufsbezug verfolgt. Projektlernen, sofern es gut gelingt, dient also der Annäherung an die Berufswirklichkeit und nicht der Simulation (Preußentanz 2023: 10 nach Rummler 2012, S. 19–20). Sofern in der Projektthemenfindung diese Lebensrealität abgebildet wird, kann sich daraus ein Transfer von Hochschule in Wirtschaft und Gesellschaft ergeben. Nicht selten entstehen dabei Gründungsmöglichkeiten.
Projektlernen folgt zudem der Logik von Projektphasen. Je nach Zugang zum Projektlernen finden sich auch hier unterschiedliche Projektphasen und -bezeichnungen, z. B. Projektmanagementphasen nach DIN 69901, Frey (1984) oder Kerres (2018). Um eine Umsetzung zu erleichtern, kann es sinnvoll sein, einer Phasenlogik zu folgen. Zwei Phasenmodelle werden auf der Portalseite „Projektphasen“ ausführlicher beschrieben.
Im Gegensatz zu traditionellen Lehr-/Lernszenarien, wie der klassischen Vorlesung, ist Projektlernen durch Studierendenzentrierung gekennzeichnet. Dies folgt auch der Annahme John Deweys (Philosoph und Vertreter des pädagogischen Pragmatismus Amerikas), dass Lernende durch Lösen von praktischen Problemen in sozialen Situationen Erfahrungen und Erkenntnisse erwerben (Knoll, 1984). Nur wenn es gelingt, Lernende dazu zu bringen, spontanes Handeln aufzugeben und den ganzen Akt des Denkens (von Beginn des Problems bis zur Lösung) zu durchlaufen, kann Erfahrung erweitert und Bildung vertieft werden (Preiß 2023: 25 nach Knoll 1995, S. 33-34)). Damit erfahren Selbstbestimmung und selbstgesteuertes Lernen eine stärkere Bedeutung, da die Partizipation Studierender steigt. Während in einer klassischen Vorlesung Studierende eher passiv zuhören, erfolgt im Projektlernen die Kommunikation wechselseitiger und ggf. interdisziplinärer. Zeithorizonte lösen sich von der starren Zeitstruktur und soziales Lernen in Kleingruppen wird ermöglicht (Holzbauer et al., 2017). So lässt sich zugespitzt formulieren, in einer Vorlesung hören Studierende zu und schreiben mit, während sie im Projektlernen selbst nachdenken und über das passive Agieren hinaus tätig werden (Preiß et al., 2023).
Gelingensbedingungen für Projektlernen
Damit Projektlernen gelingt, sind einige Bedingungen zu beachten:
Haltung
Projektlernen erfordert eine offene Haltung für einen Lernprozess, welchen Studierende und Lehrende auf Augenhöhe gemeinsam verantworten. Dafür unabdingbar ist die Etablierung einer Fehlerkultur, die es ermöglicht Fehler nicht nur zu machen und daraus zu lernen, sondern sie auch wertzuschätzen.
Reflexion
Die gemeinsame Reflexion des gesamten Prozesses und die Selbstreflexion der Lehrperson ist grundlegend für Projektlernen. Es empfiehlt sich, bewusste Selbstreflexionsschleifen mit vorbereiteten Fragen einzubauen.
Kommunikation
Im Vorfeld sollten Erwartungen von Lehrenden, Studierenden, der Hochschule und ggf. externen Stakeholdern transparent kommuniziert werden.
Feedbackkultur
Losgelöst von der Idee, dass nur Lehrpersonen Feedback geben, bietet sich Projektlernen auch an, Studierendenfeedback einzuholen. Ebenso sollte zu Peer-Feedback angeregt werden.
Aushalten von Unsicherheiten
Die Herausforderung, mit einem unbestimmten Projektverlauf und einem offenen Ergebnis umzugehen, ergibt sich zwangsläufig, wenn sich Lehrende darauf einlassen, die Verantwortung mit Studierenden zu teilen.
Ressourcen
Projektlernen zeichnet sich durch eine höhere Flexibilität hinsichtlich der Nutzung der Ressourcen Zeit und Raum aus und es ist wichtig, dass Studierende über beide selbst bestimmen können. So sollte der Zugang zu wichtiger Infrastruktur, Geräten und Räumen so gestaltet sein, dass Studierende selbstbestimmt und nicht in Abhängigkeit anderer darauf zugreifen können.
- Räumliche Ressourcen
Projektlernen benötigt Raum. Besonders wenn Gruppenarbeit genutzt wird, muss es Orte geben, an denen sich die Projektgruppen treffen können. Entstehen während der Arbeit am Projekt physische Artefakte und Prototypen, müssen auch für diese Bearbeitungs- und Aufbewahrungsorte sichergestellt sein. Zur sinnvollen gemeinsamen Nutzung räumlicher Ressourcen ist es ratsam, klare Verabredungen zu treffen. Eine mögliche Verabredung kann sich bspw. an der Nutzung von Co-Working-Spaces orientieren, in denen eine Clean Desk Policy verfolgt wird. Oder es werden Boxen bereitgestellt, welche mit Projektname und Projektdauer markiert werden, in die Artefakte immer wieder aufgeräumt und verstaut werden können. Einige Beispiele für Raumarrangements, die das Projektlernen unterstützen, sind auf e‑teaching.org im Text Makergarage dargestellt. - Zeitliche Ressourcen
Für Lehrende kann es ratsam sein, schon zum Projektstart feste Konsultationszeiten festzulegen und darauf zu achten, das eigentliche Projektmanagement an die Studierenden zu delegieren. Es ist wichtig für Lehrende hier nicht in einen Modus der Überbetreuung zu geraten. Studierenden hilft es einen zeitlichen Rahmen festzulegen und eine verbindliche Rollenklärung zu vereinbaren.

Prozessfokussierung
Die Prüfungsform beim Projektlernen muss von Anfang an prozessbegleitend gedacht werden.
Projektmanagement
Projektlernen erfordert von den Studierenden auch Projektmanagementkompetenzen. Im besten Fall gibt es für Studierende einen Methodenpool, aus dem sie sich bedienen können (z. B. Kanbanboards, Miroboard, Git).
Teamteaching
Projektlernen kann von Teamteaching profitieren. Hier liegt das Potenzial in der Interdisziplinarität. Studierende können dabei auf mehrere Ressourcen zurückgreifen und sich unterschiedliche Unterstützung einfordern. Sofern die interdisziplinäre Zusammenarbeit auf Freiwilligkeit und gegenseitiger Wertschätzung beruht, kann dies die Qualität der Lehre erhöhen (Bauer & Rohr, 2022). Durch die intensivere Betreuung kann Feedback kompetenter, häufiger und breiter stattfinden. Lehrende kombinieren ihre Fachkompetenzen und müssen nicht jeweils Zeit darauf verwenden, sich in fachfremde Inhalte einzuarbeiten.
Praxisnähe
Themen mit hohem Praxisbezug fördern die Motivation bei Studierenden, weil sie erkennen, dass ihre Kompetenzen auch in der Praxis getestet und gebraucht werden. Sie werden auf das spätere Arbeitsleben vorbereitet und im besten Fall mit Problemstellungen der Berufsrealität konfrontiert.
Digitale Hochschulinfrastruktur
Die Verwendung der digitalen Hochschulinfrastruktur ermöglicht es, die Projektergebnisse nachhaltig zu sichern. Arbeitsschritte und Teilergebnisse sollten auf Lern- und Communityplattformen abgelegt werden, damit Studierende partizipieren und in späteren Projekten ggf. weiterarbeiten können. Die Projektergebnisse werden so auch als Good-Practice-Beispiele sichtbar, damit nachfolgende Studierende sich eine Vorstellung machen können.
Strukturelle Verankerung
Lehrformaten wie dem Projektlernen dienlich wäre eine grundsätzliche strukturelle Verankerung von offenen Lehrformen an der Hochschule. Denkbar ist die Aufnahme moderner Lernformen in ein Leitbild, welches zumindest die Schlagworte Selbstverantwortung, Kreativität, Offenheit und Problemlösekompetenz beinhaltet. Dadurch wären Lehrende angehalten, sich auszuprobieren, und legitimiert, neue Pfade zu beschreiten.
Strukturelle Bedingungen
Aus hochschulischer Sicht sind strukturelle Bedingungen für ein Gelingen der Projektlehre zu erfüllen. So ist die zeitliche Planung zu ermöglichen, etwa durch hochschulweite Projektwochen (wie z. B. an der TH Köln). Lehrende müssen unterstützt werden, damit sie Experimente in der Lehre wagen. Außerdem braucht es Räumlichkeiten, die Lernen in Projekten ermöglichen und dazu einladen.
Warum Projektlernen?
Projektlernen ist für Studierende, Lehrende, die Hochschule und externe Stakeholder ein interessanter Ansatz. Im Folgenden wird gezeigt, welche Möglichkeiten und Perspektiven sich für diese vier Gruppen im Projektlernen ergeben.
Studierende
- Für Studierende werden avisierte Lernziele konkret erfahrbar, weil sie diese in der Projektarbeit anwenden müssen.
- Die Motivation ist beim Projektlernen hoch und das Lernen dadurch tief, unter anderem weil ästhetische Artefakte (Produkt, Podcast, Paper, Event, ...) entstehen (z. B. Hmelo-Silver, 2004).
- Das Lehr-/Lernszenario ist gut geeignet, um externe Stakeholder einzubinden. Diese bringen eine Realweltperspektive ein, zudem können Studierende frühzeitig in Kontakt mit Arbeitswelt und Gesellschaft treten.
- Im Sinne der Employability können die Studierenden anhand konkreter Lernbeispiele in ihren Projektportfolios potenziellen Arbeit- bzw. Auftraggebenden ihre erworbenen Kompetenzen aufzeigen.
- Studierende können in der Projektarbeit leicht Selbstwirksamkeit erfahren, da über das Artefakt/Produkt ein innerer Feedbackloop entsteht. Dieser innere Feedbackloop liegt im Artefakt selbst, welches die Studierenden gleichzeitig erzeugen und erfahren. Sie werden dadurch in die Lage versetzt, ihren eigenen Lernstand über das Artefakt zu ermitteln und sind nicht zwangsläufig auf das Feedback einer Lehrperson angewiesen.
- Dadurch, dass Projektlernen meistens in Gruppenarbeit stattfindet, lernen die Studierenden wichtige Sozialkompetenzen wie verbindliche Absprachen, Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse anderer, Kollaboration, die eigenen Stärken und Schwächen einzuschätzen, Feedbackkultur oder Diskurskultur (Ehlers, 2020).
- Peer Learning wird durch Gruppenarbeit gefördert.
- Ein wichtiges Merkmal des Projektlernens liegt darin, dass das Projektergebnis zu Anfang des Projekts noch unbekannt ist. Dies ermöglicht den Studierenden, Problemlösungsstrategien und Kreativität anzuwenden und zu erlernen.
- Projektlernen eignet sich dazu, kritisches Denken und kontinuierliches Hinterfragen einzuüben.
Lehrende
- Über das Projektlernen können Lehrende zur Erreichung der festgelegten Kompetenzziele eigene Themen, auch Forschungsthemen, einbringen und aktuelle Themen aufgreifen.
- Es entstehen vorzeigbare Ergebnisse, welche als Beispiele für folgende Studierendengenerationen dienen können.
- Praxiserfahrungen zeigen, dass Lehrende durch Projektlernen oftmals motivierter und die eigene Lehre als sinnhafter erfahren.
- Eine höhere Motivation der Studierenden und Lehrenden kann eine freudvollere Lehre und eine gelungene Beziehungsgestaltung zwischen Lehrenden und Studierenden fördern.
- Im Projektlernen ändert sich das Rollenverständnis der Lehrenden, weg vom Dozieren hin zur Lernbegleitung, zur Moderation und zum akademischen Mentorat.
- Durch die verstärkte Einbindung von Studierenden in die Projektarbeit bleiben die Lehrenden näher an der Lebenswelt der Studierenden und erfahren durch sie aktuelle gesellschaftliche oder technologische Entwicklungen. Somit öffnet sich auch für Lehrende ein neuer Lernraum.
- Die Strukturierung der Betreuungszeiten ist sehr viel flexibler und kann gemeinsam mit den Bedürfnissen der Studierenden abgestimmt werden.
- Projektlernen bietet die Möglichkeit für Kollaboration mit externen Stakeholdern und eignet sich auch hervorragend für Teamteaching.
Hochschule
- Projektlernen bringt strategische Vorteile, weil dadurch wichtige Beiträge zur interdisziplinären Kooperation und zum Transfer zwischen Hochschule, Berufspraxis und Gesellschaft möglich werden. Die Hochschule bleibt „am Puls der Zeit“ und die soziale und technologische Innovationsfähigkeit wird ausgebaut.
- Durch Prüfungsformate wie Präsentation und Dokumentation werden Projektergebnisse für die Hochschulöffentlichkeit sichtbar und können somit zur Profilbildung beitragen.
- Das Einbeziehen externer Stakeholder kann sich positiv auf die regionale Verankerung der Hochschule auswirken. Die Hochschule fungiert hier als Hub bzw. Drehscheibe und bietet Studierenden und potenziellen Arbeitgebenden die Möglichkeit, sich schon im Studium kennenzulernen.
Externe Stakeholder
- Für externe Stakeholder bietet Projektlernen die Möglichkeit, Ansätze und Methoden zu testen, die im Normalbetrieb mit eigenem Personal zu riskant und zu kostspielig sind.
- Durch Projektlernen kommen externe Stakeholder in Kontakt mit der nächsten Generation potenzieller Mitarbeitenden.
- Der Austausch mit Lehrenden gibt Zugang zu aktueller Forschung.
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