Kontext / Rahmenbedingungen
Alle Lernszenarien, die nicht ausschließlich face-to-face oder ausschließlich online stattfinden, können als Blended Learning oder hybrides Lernen bezeichnet werden, also als Mix von digitalen und nicht-digitalen Lernsettings und Methoden. Unterscheidet man verschiedene Stufen von E-Learning nach ihrem Virtualisierungsgrad
(vgl. Bachmann et al., 2002), so nimmt Blended Learning eine Position zwischen medial angereichertem Präsenzunterricht und reiner Online-Lehre ein
(vgl. Garrison & Kanuka, 2004). Auch wenn nach Ansicht von Kritikern mit dem Begriff nichts Neues ausgedrückt wird, lenkt er doch „die Aufmerksamkeit stärker auf die Zusammenstellung derartiger Elemente und erreicht so eine entsprechende Sensibilität bei Wissenschaft und Praxis bei einem alten und sicher nicht überforschten Problem“
(Wilbers, 2003).
Kernproblem
Sowohl reine Präsenz als auch reine Online-Veranstaltungen bringen spezifische Probleme mit sich: Beispielsweise können Studierende an regelmäßig stattfindenden Präsenzveranstaltung nicht immer teilnehmen, sodass es gerade in Veranstaltungen mit großen Teilnehmerzahlen nicht möglich ist, heterogene Wissensstände oder Wissenslücken auszugleichen. Problemfelder reiner Online-Veranstaltungen sind u.a. das Selbst- und Zeitmanagement sowie fehlender sozialer Austausch.
Lösung
Die Kombination unterschiedlicher nicht-digitaler und digitaler Elemente in Blended Leanrning-Szenarien ermöglicht es, die Vorteile der jeweiligen Settings und Methoden zu nutzen bzw. deren Nachteile zu vermeiden. Wickelt man die Prüfung über eine Klausur-/Prüfungssoftware ab, kann auch die Auswertung der Prüfung elektronisch erfolgen. Die elektronischen Prüfungen werden an Rechnern durchgeführt. Je nach System kann die Prüfung am eigenen Rechner erfolgen oder einem Rechner, der von der Hochschule zur Verfügung gestellt wird. Die Ergebnisse können unmittelbar elektronisch ausgewertet und rückgemeldet werden.
Details
In Blended Learning-Szenarien können drei Aktivitätsformen unterschieden bzw. miteinander kombiniert werden
(vgl. Alonso, López, Manrique & Viñes, 2007)
:
- Selbstgesteuertes E-Learning: Hierbei können die Lernenden Zeitpunkt, Intervalle, Tempo und Ort ihrer Lernaktivitäten selbst festlegen („Learning anytime and anywhere“).
- Live E-Learning: Synchrone Formen des E-Learning in einem virtuellen Klassenraum zu einem festgesetzten Termin ermöglichen den Lernenden, in Echtzeit Fragen an die Dozierenden zu richten oder sich mit anderen Kursteilnehmern auszutauschen.
- Traditionelle und mit digitalen Medien angereicherte Präsenzlehre: Vorlesung, Seminar, Übung, Diskussion und Austausch finden im Hörsaal, Labor oder Seminarraum statt und eröffnen face-to-face-Interaktionen mit Lehrenden und Kommilitonen.
Uneinigkeit besteht darüber, wie viel oder wie wenig Online-Lehre in den Blend gehört. Dabei stimmen verschiedene Autoren darin überein, dass der Prozentsatz der Online-Offline-Anteile nicht so wichtig ist, wie die pädagogische Gestaltung, sowie Taktung und Sequenzierung von Aktivitäten mit dem Ziel, ein zusammenhängendes Lernerlebnis zu schaffen
(Dziuban, Moskal & Hartman, 2005). Dabei sollten berücksichtigt werden
(vgl. Arnold, Kilian, Thillosen & Zimmer, 2004, S. 94f.)
:
- Elemente klassischer Phasenbildung für Lehr-/Lernprozesse,
- unterschiedliche Sozialformen (verschiedenen Formen von Einzel- und Gruppenarbeiten),
- Abstimmung von Lernzielen und zu erwerbenden Kompetenzen auf bestimmte Methoden (dazu z.B.
Reinmann-Rothmeier u.a., 2003).
Verschiedene Fallstudien dokumentieren außerdem positive Effekte auf Lernklima und Lernerfolg durch die Integration von Social Software in Blended Learning-Szenarien (Hall & Davidson, 2007
;
Nückles, Schwonke, Berthold, & Renkl, 2004).
Vorteile
Auf der Basis einer Zusammenfassung verschiedener Berichte und Fallstudien unterschiedlicher Hochschulen unterscheidet
Vaughan (2007)
bezüglich der Vorteile von Blended Learning zwischen den Perspektiven von Studierenden, Lehrenden und Hochschulleitung.
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Aus Sicht der Studierenden
lassen sich die Vorteile eines Blended Learning-Arrangements in die zwei Kategorien Flexibilität und Lernerfahrung einteilen. Studierende schätzen an den virtuellen Lernanteilen die Möglichkeit, Lernort und -zeit selbst zu bestimmen. Besonders vorteilhaft wird das Lernen von zu Hause aus beurteilt, das gegenüber anderen Lernorten wie der Bibliothek oder hochschulinternen Internetarbeitsplätzen präferiert wird – oft aus sehr pragmatischen Erwägungen wie dem Zeit- und Kostenaufwand für Fahrten zur Hochschule. Mehrere Fallstudien zeigen zudem positive Effekte auf den Lernerfolg, sowohl im Vergleich zu rein virtuellen Settings
(Rovai & Jordan, 2004)
als auch zu traditionellen Massenvorlesungen
(Graves & Twigg, 2006). Positive Lerneffekte können außerdem aus der Textorientierung asynchroner Diskussionsumgebungen bzw. aus einem schreibintensiven Lernumfeld resultieren
(Sands, 2002).
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Lehrenden
bietet Blended Learning eine Gelegenheit zur Exploration neuer Interaktionsformen mit den Veranstaltungsteilnehmern. Es wird dann als gewinnbringend erlebt, wenn sich Effekte auf den Lernprozess zeigen, zum Beispiel, dass die Lernenden eine Online-Community bilden, im face-to-face Unterricht besser argumentieren und diskutieren sowie tiefer in die Kursmaterie eintauchen. Zudem wird die Flexibilität in der zeitlichen Taktung als positiv erlebt.
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Auf
Ebene der Hochschulleitung
werden positive Auswirkungen von Blended Learning-Szenarien erwartet, die von der Positionierung als innovative Bildungseinrichtung über die Adressierung neuer Zielgruppen, speziell in der beruflichen Weiterbildung bis hin zu effektiverer Ressourcenauslastung und Kostenersparnissen reichen.
Nachteile
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Für
Studierende
liegen die Hauptprobleme mit Blended Learning-Kursen in der Erwartung, dass weniger Präsenztermine auch einen geringeren Arbeitsaufwand erfordern, Defiziten beim Zeit- und Selbstmanagement, Schwierigkeiten in der Akzeptanz der eigenen Verantwortung für den Lernerfolg sowie technischen Problemen insbesondere im Umgang mit ungewohnten Kommunikations- und Kooperationswerkzeugen.
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Lehrende
benötigen bei der Remodellierung ihres didaktischen Designs sowohl methodische als auch technische Unterstützung und Beratung. Risiken liegen im Kontrollverlust und der potentiell schlechteren Bewertung durch die Studierenden. Die Erfahrung zeigt überdies, dass eine Veranstaltung, die Online-Komponenten einschließt, deutlich mehr Zeitaufwand für die Vorbereitung und Durchführung erfordert; dieser kann sich noch erhöhen, wenn multimediale Lerninhalte erstellt werden müssen. Damit können zusätzliche Kosten und ein hoher Entwicklungsaufwand von der Konzeption über die Einarbeitung in Autorensysteme oder andere Programme bis zur konkreten Erstellung verbunden sein. Zudem besteht immer noch Unklarheit darüber, inwieweit die Online-Aktivitäten in den klassischen Lehrdeputatsregelungen anerkannt werden.
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Auf Ebene der Hochschulorganisation
muss der Technikeinsatz zu den übergreifenden und langfristigen Zielen der Institution in Beziehung gesetzt werden. Notwendig sind eine entsprechende Ressourcenverteilung und Investitionen in Infrastruktur und Supporteinheiten. Auch gibt es oftmals Widerstände gegenüber Änderungen und Neuerungen. Der Wandel von curricularen Strukturen ist zeitaufwändig und bedarf organisationsinterner Abstimmungsprozesse.
Gegenanzeigen
Eigentlich keine – grundsätzlich lässt sich der Stand der Forschung mit der Formel zusammenfassen: „Blended ist besser als rein virtuell und nicht schlechter (und oft besser) als nur face-to-face.“
Beispiele
- Im e-teaching.org Interview gibt die Psychologieprofessorin Sara Dixon Auskunft über ihre Erfahrungen mit einem Blended Learning Kurs, der zeitgleich auch als reine Präsenzveranstaltung angeboten wurde. [Interview folgt]