Digitale Tutorien im SoSe 2020 – Studierende der Universität Hamburg schildern didaktische und persönliche Herausforderungen

Viele Studierende, die im Sommersemester 2020 ein Tutorium anboten, standen zu Semesterbeginn vor einer nie dagewesenen Herausforderung: nämlich ein Tutorium statt in Präsenzform komplett digital abzuhalten. Nadia Blüthmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg, organisierte deshalb zu Beginn des Semesters ein digitales Tutorienseminar, in dem sich die Tutorinnen und Tutoren austauschen und gegenseitig helfen konnten. Wie sie das digitale Sommersemester in ihrer Funktion als betreuende Dozentin bzw. E-Tutor/in wahrgenommen haben, schildern Frau Blüthmann sowie drei Studierende der Universität Hamburg auf e-teaching.org.

Das Sommersemester 2020 hat in der Hochschullandschaft alle kalt erwischt: Die Umstellung des Lehrbetriebs auf das „emergency remote teaching“ stellte Lehrende wie Studierende vor große – technische, didaktische und persönliche – Herausforderungen. Eine Personengruppe wurde und wird dabei allerdings nur selten erwähnt und mitgedacht: die zahlreichen studentischen Tutorinnen und Tutoren, die Studierende in ihren ersten Semestern eine wichtige Hilfestellung sind. Und zwar sowohl in inhaltlicher Sicht (bei der Vertiefung und Einübung der Fachgrundlagen) als auch beim „Ankommen“ im Kosmos Universität.

Digitaler Austausch mit den Tutorinnen und Tutoren

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Nadia Blüthmann begleitete die Tutorinnen und Tutoren während des Semesters. (Foto: UHH/Dingler)

Als die Tutorien ab Beginn des Sommersemesters komplett digital abgehalten werden mussten, waren die Tutorinnen und Tutoren weder technisch noch didaktisch darauf vorbereitet. Im Rahmen ihrer Lehre in den Geisteswissenschaften an der Universität Hamburg setzte sich Nadia Blüthmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsstelle Studium und Beruf der Universität Hamburg, mit dieser Problematik auseinander. Um den Studierenden bei Unsicherheiten zur Seite zu stehen und einen Austausch unter den Teilnehmenden anzuregen, rief sie deshalb zu Beginn des Semesters einen digitalen „Tutorienzirkel“ ins Leben. Studentische Tutorinnen und Tutoren konnten sich dort per Zoom über ihre Erfahrungen austauschen und Fragen besprechen. Das Ziel: Gemeinsam didaktische Werkzeuge für E-Tutorien erarbeiten.

Frau Blüthmann, wie haben Sie den Austausch mit den studentischen Tutorinnen und Tutoren in Ihrem digitalen Tutorienseminar erlebt?

Nadia Blüthmann: Aus der Not – auch ich als Dozentin hatte bislang so gut wie keine Erfahrungen mit digitaler Lehre – wurde in diesem Fall eine Tugend: Auf Augenhöhe und sehr motiviert (Tutor/in wird man nur mit einer großen Portion intrinsischer Motivation) lernten wir von- und miteinander, testeten und evaluierten digitale Tools und konnten uns auch bei Schwierigkeiten gegenseitig Rat geben. Am Ende weiß ich gar nicht, wer von dem Austausch mehr profitierte. Ich als Dozentin konnte die hochschuldidaktischen Grundlagen beisteuern, die für Präsenz- wie auch für E-Lehre gleichermaßen gelten. Die Tutorinnen und Tutoren halfen mir ihrerseits dabei, die Perspektive der Studierenden (die sie ja gleichzeitig waren) viel besser nachzuvollziehen und auf diese Weise meine anderen digitalen Seminare zielgruppengerechter zu gestalten. Ganz abgesehen davon, dass die Tutorinnen und Tutoren technische Tools kannten und Umsetzungsideen hatten, auf die ich selbst nie gekommen wäre. Ich selbst kann nur den Hut ziehen vor dem Engagement der studentischen Tutorinnen und Tutoren, die sich neben dem Studium und anderen Verpflichtungen auch noch der Herausforderung stellten, Studienanfängerinnen und -anfängern gut durch dieses denkwürdige Semester zu begleiten. Und ich würde allen Lehrenden den Tipp geben, den Erfahrungsschatz von Tutorinnen und Tutoren ihres Fachbereichs zu nutzen und ihre Stimmen zu hören. Von Studierenden, die gleichzeitig die Perspektive der Lehrenden einnehmen, können wir alle lernen – und das nicht nur im digitalen Semester.

Die Perspektive der Studierenden: Erfahrungen als E-Tutor/in

Angelina Bürth, Gert Henry Hagemann und Manuel Bolz studieren an der Universität Hamburg. Alle drei leiteten im Sommersemester 2020 ein Tutorium, welches sie aufgrund der Corona-bedingten Situation digital durchführen mussten. Ihre jeweiligen Erfahrungen hielten sie am Ende des Semesters individuell in einem Reflexionsbericht fest. Darauf aufbauend geben sie nun im Folgenden einen Einblick in persönliche Herausforderungen, technische und didaktische Schwierigkeiten, aber auch in Erfolgserlebnisse.

Wie haben Sie sich auf das digitale Tutorium vorbereitet?

Angelina Bürth: Gemeinsam mit einer Kommilitonin unterrichtete ich das Tutorium zum Seminar „Methoden der Kommunikationsforschung“. Unsere Vorstellungen beschränkten sich bislang nur auf die Präsenzlehre, physische Anwesenheit und den direkten Austausch. Kurz vor dem Semesterstart machte sich bei uns deshalb erst einmal Ratlosigkeit und Überforderung breit. Selbst zwei Wochen vor unserer ersten Stunde gab es keine offiziellen Informationen, wie, wann und wo unser Tutorium stattfinden wird. Dies empfanden wir nicht nur aufgrund der besonderen Situation als schwierig, schließlich waren meine Kommilitonin und ich Neulinge und wir wussten weder, welche Strukturen existieren noch welche Anforderungen allgemein und speziell in diesem Semester an uns gestellt wurden. Eine Woche vor dem Start dann der Lichtblick – ein Skype Gespräch mit allen beteiligten Dozierenden, Tutorinnen und Tutoren und dem leitenden Professor. Danach kehrte jedoch wieder Ernüchterung ein. Wir waren anscheinend nicht die Einzigen, die planlos waren. Außer die Einigung auf Teams als favorisiertes Medium für die Veranstaltungen, von dem wir uns aufgrund der vielen fehlenden Funktionalitäten dann genauso schnell wieder verabschiedeten, gab es nur ein paar aufmunternde Worte: „Das wird schon, ihr kriegt das sicher super hin.“ Nicht wirklich das, was wir hören wollten. Also begannen wir einfach. Zoomten uns zusammen und entwickelten uns unseren eigenen Plan und eine Struktur für das gesamte Semester sowie für jede einzelne Stunde. Wir starteten, probierten aus und merkten, dass unser Plan von Anfang überraschend gut funktionierte und das ganz ohne großartige Anpassungen.

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Gert Henry Hagemann studiert im achten Bachelor-Semester Empirische Kulturwissenschaft und Geschichte an der Universität Hamburg. (Foto: UHH/Hagemann)

Gert Henry Hagemann: Ich leitete im Sommersemester 2020 als Tutor das studentische Projektseminar „In Vino Veritas? Wissensraum Wein zwischen Rausch, sozialer Distinktion und Geschmackslandschaft“, in dem eine kulturanthropologische Auseinandersetzung mit dem Wein im Fokus steht. Ursprünglich war dafür sogar eine Exkursion in die Weinbauregion Mainz geplant, um den Wein auch mit allen Sinnen zu erleben. Im Wintersemester 2019/2020 liefen bereits die Vorbereitungen für das Seminar. Als kurz vor Beginn des Sommersemesters schlussendlich der Seminarplan im eingerichteten agora-Raum hochgeladen wurde und wir uns schon Gedanken über die Sitzordnung machten, machte die Covid-19 Pandemie jegliche weitere physisch-räumliche Überlegungen obsolet. Unbeholfen und überrumpelt (wie der gesamte Uniapparat) musste nun das gesamte Konzept überdacht werden. In zahlreichen Skype-Calls und Zoom-Meetings besprachen wir unsere Möglichkeiten. Zwischenzeitlich hieß es, dass das gesamte Semester ausfallen und unsere ausführliche Vorbereitung umsonst gewesen sein könnte. Schlussendlich wurde das Semester jedoch drei Wochen später ins Digitale verschoben. In dieser Zeit diskutierten wir Zweifel und Unsicherheiten, inwiefern der Wein, mit all seiner geschmacklichen und körperlichen Ebene, überhaupt digital erfahrbar gemacht werden kann. An eine Exkursion war während des Lockdowns natürlich nicht zu denken. Wir entschieden uns dennoch, es zu versuchen. Also richteten wir einen festen Zoom-Raum ein und überlegten uns, wie wir das Seminar nun didaktisch gestalten können.

Manuel Bolz: Ich bot ein BA-Tutorium zum Thema „Kulturtheorien“ sowie ebenfalls das selbstorganisiertes studentisches Projektseminar „In Vino Veritas? Wissensraum Wein zwischen Rausch, sozialer Distinktion und Geschmackslandschaft“ an. Vorbereitet habe ich mich ähnlich wie in der Präsenzlehre. Neben der wöchentlichen Lektüre der 1-2 Texte arbeitete ich Kernthesen und Sinnabschnitte heraus und formulierte Diskussionsfragen, damit die Studierenden ein Basiswissen erhalten konnten. Darüber hinaus sammelte ich Ideen für potenzielle Forschungen und versuchte, einen Praxisbezug herzustellen. Mit der Kommilitonin, die das gleiche Tutorium anbot, traf ich mich außerdem wöchentlich via Videokonferenz, um den Unterricht gemeinsam vorzubereiten.

Ablauf und Durchführung des digitalen Tutoriums

Wie lief Ihre Arbeit als E-Tutor/in konkret ab?

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Angelina Bürth studiert Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Hamburg.

Angelina Bürth: Unsere Stunde bestand immer aus einem Teil Klausurvorbereitung, einer interaktiven Phase, für die wir verschiedenste digitale Tools und Kreativitätstechniken einsetzten und eine Gruppenarbeitsphase, für die wir virtuell von Gruppe zu Gruppe wechselten und individuelle Hilfestellungen leisteten. Vor dem Start jedes Tutoriums stimmte ich den Ablauf mit meiner Kommilitonin ab. Schnell lernten wir, wann es Zeit für uns war, uns zurückzuhalten und wann wir die Hauptmoderation übernehmen sollten. Nach jedem Tutorium verteilten wir außerdem Aufgaben.

Gert Henry Hagemann: In unserer Gruppe vereinbarten wir für jede Sitzung eine Moderation, welche die begleitende PowerPoint gestaltete und sich für die Konzeption verantwortlich fühlte. Dabei erarbeiteten wir einen roten Faden, der sich durch all unsere Sitzungen zog. So gaben wir zur Orientierung im Seminarverlauf nach der Hinführung zum jeweiligen Thema zunächst einen Rückblick auf die letzte Sitzung. Eine Person aus der Seminargruppe bereitete einen Exkurs vor und führte das jeweilige Thema mithilfe von vertonten PowerPoints, Podcasts und Schaubildern weiter. Danach gab es meist einen Input, welcher von der Moderation vorbereitet wurde. In anschließenden Gruppendiskussionen (in sogenannten Breakout-Rooms) wurde die Lektüre im kleinen Rahmen besprochen. Dabei bereiteten die jeweiligen Gruppenmitglieder/innen jeweils andere Texte vor, sodass jede/r etwas beitragen konnte bzw. sollte. In der darauffolgenden Diskussion im Plenum bestand die Transferleistung darin, die teils theoretische oder journalistische Literatur mit kulturanthropologischen Deutungen und Konzepten zu verbinden. Überlegungen zu Anwendungsmöglichkeiten in der Forschung fanden neben Alltagserfahrungen und Anekdoten Platz. Dabei stand die Bedeutung der kulturanthropologischen Forscher/innenperspektive im Vordergrund. Im abschließenden Ausblick klärten wir noch organisatorische Aspekte und kündigten mit zwei Sätzen die nächste Sitzung an. Den beschriebenen Seminarablauf passten wir jeweils an die Themenanforderungen an. So fanden sich in besonderen Sitzungen auch Quellenanalysen oder Diskussionen mit Gästen, welche manche Punkte ersetzten.

Mit welchen konkreten Herausforderungen waren Sie als E-Tutor/in konfrontiert?

Gert Henry Hagemann: Die erste Lehrerfahrung war in vielerlei Hinsicht eine Besondere. Neben dem generellen Respekt vor der Aufgabe und den Erwartungen, die durch das Seminar an einen gestellt werden (und welche man selbst an sich hat), herrschten bei der (für uns) unbekannten digitalen Lehre tatsächlich andere Gesetze. Während einem beim analogen Vortrag die Luft wegbleiben kann, flog man bei „In Vino Veritas?“ zwischenzeitlich mangels stabiler Internetverbindung unangekündigt aus dem Zoom-Raum. Selbstverständlich hatten die Teilnehmenden dafür Verständnis, doch gilt es festzuhalten, dass die Lehre darunter leidet. Die zwischenmenschliche Kommunikation verliert an Qualität und macht seminarinterne Entscheidungsprozesse schwierig und langatmig.

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Manuel Bolz ist Masterstudent im Fach Empirische Kulturwissenschaft der Universität Hamburg. (Foto: UHH/Ohme)

Manuel Bolz: Während des digitalen Semesters gab es einige Schwierigkeiten. Zum einen beeinflusste die Internetverbindung die aktive und passive Teilnahme an Seminaren. So kam es häufig vor, dass Studierende ohne Ton oder ohne Kamera teilnahmen, weil dies ihre Internetverbindung nicht erlaubte. Darüber hinaus können und sollten Studierende nicht gezwungen werden, die Kameras anzuschalten, jedoch war es in meiner Rolle als Tutor komisch, gegen einen Bildschirm und schwarze Fenster zu sprechen. Eine geeignete Lösung wäre vielleicht das Hochladen eines Fotos o. Ä., damit die persönliche Nähe wenigstens ein bisschen hergestellt werden kann. Auch Diskussionen via Liveschaltungen und in Kleingruppen waren schwierig, da die Kommunikation im digitalen Raum länger dauerte als in einer Präsenzsitzung. Ich hatte jedoch manchmal das Gefühl, dass die Ausnahmesituation der Corona-Lage ausgenutzt wurde, um sich nicht am Unterricht zu beteiligen, nicht anwesend zu sein oder die schlechte Vorbereitung auf die Sitzung zu rechtfertigen.

Gab es auch Erfolgserlebnisse?

Gert Henry Hagemann: Man merkte, dass die Seminargruppe sich mit der Zeit der gegebenen Situation anpasste. Im späteren Verlauf machten die Studierenden immer öfter die Kameras an und beteiligten sich rege an der Diskussion. Auch führte das Konzept der Kleingruppen zu einer Vertrauensbasis zwischen den Teilnehmenden.

Manuel Bolz: Ohne die Pandemie romantisieren zu wollen, hatte ich während des digitalen Semesters mehr Zeit für einzelne Aufgaben, da kein ständiger Raumwechsel zwischen den Seminaren stattfand. Außerdem beteiligten sich die Studierenden des Projektseminars aktiv an Diskussionen, schalteten die Kamera an und hielte ihre Ergebnisse auf der Plattform Agora fest. Das Seminar zeigte mir, dass digitale Lehre möglich ist und die Situation produktiv genutzt werden kann.

Kompetenzerwerb und Unterschiede

Welche Kompetenzen waren Ihrer Meinung durch die E-Lehre besonders gefordert?

Angelina Bürth: Dieses Semester in seinem digitalen Mantel forderte von Tutorinnen und Tutoren meines Erachtens zuallererst Mut. Mut, sich auf eine völlig neue Situation ohne Vorerfahrungen und Vorbilder einzulassen. Mut, seinen eigenen Weg zu suchen und zu finden. Mindestens genauso wichtig scheint mir die Fähigkeit zur Transparenz. Wir sind von Anfang an gut damit gefahren, Unsicherheiten und Misserfolge offen zum Thema zu machen, die Teilnehmer/innen durchaus auch um Hilfe zu bitten bzw. sie nach ihren eigenen Erfahrungen zu fragen und uns immer wieder Feedback einzuholen. Die Offenheit mit eigenen Fehlern und Unsicherheiten zählt für mich zu den wesentlichsten Kompetenzen, die ich durch das digitale Tutorium erwerben konnte. Hinzu kommt eine gute Portion digitales Know-how, eine Reihe neuer Tools und deren Einsatzmöglichkeiten und die Kommunikation ohne nonverbale Reaktionen. Jedes Mal aufs Neue forderten und verunsicherten mich die vielen schwarzen Kacheln auf meinem Bildschirm. Was denken die Teilnehmenden wohl in diesem Moment? Bin ich zu schnell, zu langsam, zu unverständlich? Hört mir überhaupt jemand zu? Erst als ich mir für mich selbst wohlwollende Erklärungen für die ausgeschalteten Kameras suchte (schlechte Internetverbindungen, keinen Kamerazugang, Schüchternheit) wurde die Unsicherheit weniger und die Kacheln nicht mehr ganz so schwarz. Gleichzeitig ermöglichte das digitale Umfeld den Einsatz neuer kreativer Wege, Stoff und Inhalte zu vermitteln und diese auszuprobieren. Ich arbeitete das erste Mal mit Mind-Mapping-Softwareprogrammen, setzte unterschiedliche Umfragetools ein, arbeitete interaktiv über PowerPoint und Zoom und lernte Inhalte rein über die Stimme zu vermitteln, ohne auf wirklich viel Interaktion und Reaktion hoffen zu können.

Was sind für Sie die zentralen Unterschiede von E-Lehre und Präsenzlehre?

Manuel Bolz: Unterschiede zwischen digitaler Lehre und Präsenzlehre ergaben sich in der Vorbereitung des Tutoriums, da einzelne Sitzungsabschnitte im Digitalen strenger getaktet waren, während in einem Präsenztutorium mehr Raum für studentische Anliegen freigehalten werden. Auch wenn das Tutorium im digitalen Raum ein Safe Space für Studierende und ihre Anliegen sein soll, ist die Hemmschwelle, über Verständnisprobleme oder andere Schwierigkeiten zu sprechen, höher. Des Weiteren ergaben sich Fragen nach Datensicherheit und Datenschutz, sodass viele Studierende abgeschreckt waren, persönliche Informationen zu teilen.

Gert Henry Hagemann: Die Kommunikation läuft im Digitalen anders. Zum einen zeigte sich dies durch das ungewohnte Setting und die resultierende Unsicherheit und zum anderen durch die technischen Herausforderungen, welche es zu meistern galt. Wer spricht wann und wie kann man einen flüssigen Ablauf gestalten? Wie lässt sich die zwischenmenschliche, persönliche Ebene im Ansatz retten?

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Statt in Präsenzform mit direktem Austausch trafen sich die Tutorinnen und Tutoren mit den teilnehmenden Studierenden im digitalen Raum. (Foto: Pixabay)

Rückblick und Fazit

Wenn Sie auf das vergangene Sommersemester und ihre Arbeit als E-Tutor/in zurückblicken, wie lautet Ihr Fazit?

Angelina Bürth: Ich empfand das Tutorium als eine wunderbare neue Herausforderung, sah jedoch genauso meine Priorität auf meinem eigenen Studium und meiner Tätigkeit im Rahmen meines Stipendiums. Für mich wurde das Tutorium zum Experimentierfeld, um meinen Perfektionismus, meinen Wunsch, es immer allen recht und am besten auch alles ganz besonders machen zu wollen, ins time-off zu schicken. Die begrenzte Zeit half mir sehr, mein Investment in einem angemessenen Rahmen zu halten und dennoch genug Zeit zu finden, meinen Ansprüchen zumindest übergeordnet gerecht werden zu können. Alles in allem hätte ich mir schon an der ein oder anderen Stelle eine lebhaftere Interaktion, Diskussion und persönliche Note gewünscht, sehe jedoch viel mehr die vielen Vorteile und Errungenschaften dieser Zeit. Ja, ich bin froh, die Krise im universitären Kontext aus beiden Perspektiven erlebt zu haben. Und ja, ich bin auch ein bisschen stolz, ein Teil dieser ersten explorativen digitalen Tutorienarbeit gewesen zu sein. Ich denke, die Vorteile der „alten“ und „neuen“ Welt ergänzen sich optimal. Demzufolge halte ich eine absolute Rückkehr in die bekannte Präsenzlehre für falsch. Vielmehr bedarf es jetzt der Reflexion und die Zusammenführung aller Vorteile, um nach dieser Zeit in eine gestärkte Blended Learning-Lehre zu wechseln.

Gert Henry Hagemann: Ich komme über meinen persönlichen Eindruck nicht drum herum, das digitale Seminar „In Vino Veritas?“ lediglich als Ersatzveranstaltung für das analoge Seminar „In Vino Veritas?“ zu sehen. Es gibt schließlich Themen in der kulturwissenschaftlichen Forschung, welche von solch einer Materialität durchdrungen sind und sich durch eine enorme Handlungsmacht und Wirkungskraft auszeichnen, dass es unvollständig erscheint, wenn man sich nicht physisch-räumlich damit auseinandersetzt. Natürlich lassen sich auch Veränderungen feststellen. Die gemeinsame, traditionelle Praktik des Weintrinkens verschiebt sich ins Digitale: Neben digitalen Wine-Tastings treffen sich Menschen auf Zoom-Partys und stoßen miteinander an. Diese Phänomene wurden auch eifrig im Seminar diskutiert. Dabei wünschte man sich jedoch sehnsüchtig, die Geschmacksebene mit den dazugehörigen Praktiken analog mit der Gruppe zu erleben.

Manuel Bolz: Bereits in der Vergangenheit durfte ich zwei BA-Tutorien sowie ein weiteres Projektseminar durchführen, planen und evaluieren, sodass ich dem digitalen Semester und seinen Lehr- und Lernformen zwar kritisch, jedoch nicht abgeneigt gegenüberstand. Obwohl die Umstellung durch die Corona-Pandemie eine neue Methodenauswahl bedingte, empfand ich das digitale Sommersemester nicht als eine Vergeudung. Im Gegenteil, vielleicht werden wir durch die Corona-Situation feststellen, dass digitale Lehre eine geeignete Alternative darstellt, um über große Distanzen hinweg Universitätslehre zu betreiben und vielleicht auch internationaler zu werden. Natürlich sollten Präsenzsitzungen und Liveschaltungen in einer geeigneten Balance zueinanderstehen. Wie dies aussehen wird, erfahren wir im Wintersemester 2020/2021. Dann werde auch ich wieder ein BA- und MA-Tutorium für Erstsemester anbieten. Ich bin gespannt, wie das Hybridsemester, also die Mischung zwischen digitalen und analogen Lehr- und Lernformen, aussehen und von den Studierenden angenommen wird. Meiner Meinung nach ist es nicht selbstverständlich und sogar ein Privileg, während einer weltweiten Pandemie studieren zu können. So konnten fast alle Lehr- und Lernangebote umgeplant und digital durchgeführt werden. Dies könnten wir beim nächsten Mal, wenn wir uns über die schlechte Internetverbindung, die störenden Hintergrundgeräusche oder die Plattform ärgern, wieder ins Gedächtnis rufen.

Über die Autorinnen und Autoren

Nadia Blüthmann
Nadia Blüthmann ist seit 2008 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsstelle Studium und Beruf der Universität Hamburg. Zu ihren Schwerpunkten gehören Seminarangebote zu geisteswissenschaftlichen Schlüsselkompetenzen (Hochschuldidaktik für Geisteswissenschaftler/-innen, selbstorganisiertes Lernen, Erkunden von Berufsfeldern) sowie Beratungen rund um die Themen studentische Projekte, Praktika und Bewerbungen und studentische Lehrveranstaltungen/Tutorien. Neben ihrer Tätigkeit an der Universitä [...]
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Manuel Bolz
Manuel Bolz befindet sich im Masterstudium (Fach: Empirische Kulturwissenschaft) an der Universität Hamburg. Als studentischer Angestellter in der Stabsstelle Gleichstellung sowie als studentische Hilfskraft am Institut konnte er bereits erste Arbeitserfahrungen im Universitätskontext sammeln. Als Tutor durfte er bereits zwei BA-Tutorien durchführen und auch im Wintersemester 2020/2021 wird er wieder ein BA- und MA-Tutorium leiten.
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Angelina Bürth
Angelina Bürth studiert Medien- und Kommunikationswissenschaften mit Nebenfach BWL an der Universität Hamburg. Vor ihrem Studium absolvierte sie eine Ausbildung zur Medienkauffrau bei Gruner & Jahr. Als Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes engagiert sie sich außerdem dort als Botschafterin.
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Gert Henry Hagemann
Gert Henry Hagemann studiert im achten Bachelor-Semester Empirische Kulturwissenschaft und Geschichte an der Universität Hamburg. Zur Zeit arbeitet er an seiner Bachelor-Arbeit zu sozialen Raumkonstruktionen im Kontext von Cruising-Praktiken im Hamburger Stadtraum.
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