E-Learning mit Qualität: Das TU Label der Universität Darmstadt.

Dr. Julia Sonnberger hat im Rahmen ihrer Dissertation an der TU Darmstadt die Einführung des TU Labels wissenschaftlich begleitet. Im Interview gibt sie einen Einblick in das Konzept und die Erfahrungen an der TU Darmstadt.

An der TU Darmstadt gibt es seit dem WS 2005/2006 ein E-Learning-Label. Wie kam die Idee zustande?

Die TU Darmstadt verfolgt die Strategie DualMode-University, das heißt, dass bis zum Jahre 2010-2012 30 Prozent der Veranstaltungen als E-Learning-Veranstaltungen angeboten werden sollen - die Prozentzahl stellt dabei eine Richtzahl dar. Aber natürlich ist nicht alles was digital ist, gut. Mit dem E-Learning-Label haben wir Qualitätsstandards für E-Learning gesetzt, die sicherstellen, dass die Umstellung auf E-Learning auch der Verbesserung der Lehre dient.

Wo wird das E-Learning-Label sichtbar?

Wenn eine Veranstaltung das Label erhalten hat, dann wird das im Online-Vorlesungsverzeichnis als Icon angezeigt. In der Legende wird der Studierende darauf hingewiesen, dass mit E-Learning eine bestimmte Lehrform und didaktische Ziele unterstützt und angestrebt werden. Das Label gibt also keinen Hinweis über die Quantität an E-Learning oder darüber, wie viel Zeit am Rechner verbracht wird. Aussagen über E-Learning sind schwierig zu treffen, da es ja ganz unterschiedliche Formen gibt. Auch Präsenzveranstaltungen können ja E-Learning beinhalten. Deswegen haben wir es nicht als nötig angesehen, hier Kategorisierungen in Bezug auf die Quantität vorzunehmen. Wenn ich die Qualität der Lehre evaluiere, dann bekomme ich mit quantitativen Daten zu E-Learning zu keinen Aussagen. Wenn ich bei 50% E-Learning zu schlechten Werten komme, gibt mir das keinen Hinweis darüber, wo ich was an meinem Konzept verbessern kann. Es geht bei dem TU Label also vielmehr um didaktische Ziele: der Zugang zu Lerninhalten soll erleichtert werden, die Interaktion vereinfacht, Kollaboration und Kooperation gefördert und die Lernwege flexibilisiert werden.

Welche Kriterien muss eine Lehrveranstaltung erfüllen, damit sie das Label erhält?

Im Label haben wir 11 Kernkriterien mit 35 Unterkriterien definiert. Aus den 11 Kriterien sucht sich der Lehrende sechs Kriterien heraus, von denen er meint, dass sie auf seine Veranstaltung zutreffen. Das Label ist so offen angelegt, da ja verschiedene Lernkulturen und E-Learning-Szenarien andere Standards benötigen und andere Qualitätsmerkmale haben. Wir schauen uns an, ob die verwendeten Tools und die Kriterien zusammen passen. Wenn Kooperation gefördert werden soll, dann müssen auch Kooperationstools eingesetzt werden. Grundsätzlich vertrauen wir darauf, dass der Dozierende sein Konzept richtig beurteilt hat. Wenn er die Kriterien erfüllt, dann bekommt der Dozierende das Label. Dieses wird dann vor der Veranstaltung in das Online-Verzeichnis gestellt.

Nach der Veranstaltung wird dann die Veranstaltung genau zu diesen Kriterien aus Sicht der Studenten noch einmal evaluiert und der Lehrende bekommt detailliertes Feedback. Die Beurteilung kommt also erst hinterher und nur aus Sicht der Studierenden und niemals aus unserer Sicht. Wir interpretieren dann die Daten und die Aussagen und fassen zusammen, welche Qualitätsziele eben nicht erreicht wurden und wo es noch Verbesserungspotenzial gibt. Das geben wir dann an die Dozierenden weiter. 75% der Veranstaltungen bekommen von den Studierenden eine positive Beurteilung.

Welche Unterstützung erhalten die Lehrenden in der Vor- und Nachbereitung?

Zur Vorbereitung der Veranstaltung bieten das E-Learning-Center und die Hochschuldidaktische Arbeitsstelle Beratung an. Wir bieten Beratung an, nachdem die Evaluationsergebnisse raus gegangen sind, nur wird das sehr selten angenommen. Da liegen sicher die bekannten Probleme zu Grunde, zum Beispiel dass die wissenschaftlichen Mitarbeiter, die die Veranstaltung durchführen, die Veranstaltung nur einmal anbieten und dann schon wieder wechseln. Das stellt ein Grundproblem dar, wenn es darum geht, die Lehre zu verbessern oder die Mitarbeiter zu motivieren, eine Beratung anzunehmen.

Was sagen die Studierenden zum Label?

Wie Studierende das Label lesen und was sie sich darunter versprechen haben wir bisher nicht konkret erhoben. Wir haben nur Feedback zu den Lehrveranstaltungen eingeholt. Dort zeigt sich z.B. die Unzufriedenheit, wenn es aus Sicht der Studierenden zu wenige E-Learning-Angebote gab, wenn ein Lehrender zum Beispiel nur Materialien auf einem Server abgelegt hatte. Darüber erfahren wir, was sich Studierende wünschen. Es scheint, dass viele Lehrende die E-Learning-Anteile noch zu wenig transparent machen. Manche Studierende erfahren erst während der Evaluation, was es alles für E-Learning-Angebote zum Beispiel auf der Lernplattform gegeben hätte.

Bleibt einer Veranstaltung das Label für die nächsten Jahre erhalten?

Da die Beantragung des Labels Zeit und Aufwand kostet, war es so gedacht, dass die Dozierenden nicht jedes Mal den aufwändigen Label-Prozess durchlaufen müssen. Nur mit einem Klick sollten die zuvor positiv evaluierten Veranstaltungen das Label wiederholt anmelden können. Auf Wunsch können sie eine ausführliche Evaluation erhalten, ansonsten werden nur Standardevaluationsfragen zur grundsätzlichen Akzeptanz an die Studierenden gestellt.

Da das TU Label an den Verwaltungsprozess der Hochschule gebunden ist, traten jedoch bei der Umstellung der Verwaltung (u.a. Einführung der TUD-ID) Probleme auf. Mitarbeiter mussten daraufhin noch einmal den kompletten Labelprozess durchlaufen. Das kann sich dann natürlich negativ auf die Akzeptanz auswirken. Da haben wir direkt erfahren, wie sensibel solche Qualitätsmodelle sind. Man muss also immer die ganze Universität mit ihren Prozessen im Blick behalten.

Wie haben Sie das Label an der Hochschule bekannt gemacht?

Zur Bekanntmachung des Labels haben wir verschiedene Kommunikationskanäle genutzt. Schon in der Phase der Konzeption und Entwicklung haben wir versucht, die Dozierenden zu beteiligen. Wir haben mit den Pädagogen und Informatikern aus den Fachbereichen zusammen gearbeitet, um die Kriterien so formulieren zu können, dass sie auch für Nichtdidaktiker verständlich sind. Außerdem haben wir Workshops, Vorträge und Beratungen zum E-Learning-Label durchgeführt. Wir haben das Label an existierende strategische Elemente angedockt, zum Beispiel den E-Teaching-Award der TU Darmstadt. Hierfür ist das E-Learning-Label nun eine Voraussetzung für die Beteiligung und Bewerbung.

Wie haben die Lehrenden auf die Einführung des Labels reagiert? Wollten alle sofort die Auszeichnung für ihre Lehrveranstaltung haben oder war da eher Skepsis zu spüren?

Da gibt es beide Reaktionenn. Im WS 2005/2006 hatten wir 17 Veranstaltungen, die das Label beantragt haben, jetzt im WS 2008/2009 sind es 43 Veranstaltungen – das entspricht natürlich noch lange nicht der Prozentzahl, die wir erreichen wollen.
Mit dieser Form der Qualitätssicherung sind die Lehrenden schon zufrieden. Einige sehen es als wertvollen Ansatz ein detailliertes Feedback zu bekommen. Gerade im E-Learning muss man ja viel ausprobieren und weiß nicht, ob es funktioniert. Große Skepsis und Kritik erreichte uns nicht, da diese kritischen Dozenten sich auch nicht an den Evaluationen beteiligen. Qualitätssicherung ist grundsätzlich ein sensibles Thema. Offensichtlich scheuen sich viele davor, dass die Qualität ihrer Veranstaltung begutachtet wird. Es ist noch viel zu tun, damit Qualitätssicherung frei von Ängsten und als etwas Selbstverständliches angesehen wird.

Hat das Label die Wahrnehmung von E-Learning an der Hochschule verändert?

Ja, das denke ich auf alle Fälle. Das Label ist Teil der Zielvereinbarungen zwischen dem Präsidium und den einzelnen Fachbereichen geworden. Unter dem Punkt zu E-Learning formulieren die Fachbereiche zum Beispiel, dass sie die Zahl der E-Learning-Label in ihrem Fachbereich steigern wollen. Sie nutzen das E-Learning-Label also als Kennzahl. Dadurch, dass im Online-Vorlesungsverzeichnis sichtbar wird, wer alles das Label erhalten hat, ist das alleine eine Motivation für die Fachbereiche, das Label zu beantragen.