Wikiade – interdisziplinärer Austausch und Wettkampf über eine Wiki-Plattform

Im Interview spricht e-teaching.org mit Jana Hochberg M.A. über ein Projekt, bei dem Studierende der FernUniversität in Hagen an einem interdisziplinären und fakultätsübergreifenden Wettbewerb auf einer Wiki-Plattform teilnahmen.

Im Wintersemester 2014/2015 bildete eine Wiki-Plattform an der FernUniversität in Hagen die Grundlage für einen interdisziplinären Austausch in Form eines fakultätsübergreifenden Wettkampfes. Die vier Fakultäten der FernUniversität standen dabei in einem qualitativen, wie auch quantitativen Wettbewerb. Ziel war es, den Studierenden einen Kommunikations- und Reflexionsraum anzubieten, in dem sie sich über die Inhalte ihres Studiums austauschen können. Die Inhalte der Studienbriefe (Grundlage des Studiums), wie auch die einzelnen Fachtermini, wurden gemeinsam analysiert und verständlich erklärt – im besten Fall sogar gemeinsam entwickelt.

Das Projekt fand im Rahmen des Social Software-Projekts statt, das vom Rektorat der FernUniversität gefördert wird, und dient der Erforschung und Implementierung verschiedener didaktischer Modelle zum praktischen Einsatz innovativer Social Software in der Hochschul- und Fernlehre. Durchgeführt wurde es vom Lehrgebiet Mediendidaktik unter der Leitung von Prof. Dr. Theo J. Bastiaens.

Das Interview ist Teil des Themenspecials Social Media – Social Learning

Interview

e-teaching.org: Das Studium an einer Fernuniversität bringt ja einige Besonderheiten mit sich. So sind die Studierenden in der Regel räumlich voneinander getrennt. Gerade kollaboratives Arbeiten ist auf traditionelle Weise kaum möglich. War dies der Grund das Projekt zu initiieren? Gab es andere Gründe? Wie entstand die Idee zur Wikiade?

Jana Hochberg: Genau, aufgrund der besonderen Voraussetzungen eines Fernstudiums stellen wir immer wieder fest, dass unsere Studierenden der FernUniversität in Hagen schwieriger mit ihren Kommilitonen und den Lehrenden in einen kommunikativen Austausch kommen. Unsere Studierenden sind weltweit vertreten und können leider nicht mal eben so bei uns, den Betreuern, vorbeikommen oder ihre Kommilitonen treffen, um sich über die Inhalte des Studiums auszutauschen.

Ein weiteres Merkmal, das für die Studierenden der FernUniversität in Hagen typisch ist, darf bei der Umsetzung der uniinternern Projekte nicht vernachlässigt werden. Ein Großteil unserer Studierenden befindet sich im Berufsleben und hat mittlerweile eine eigene Familie gegründet. Um sich neben der Arbeit und der Familie jedoch weiter zu qualifizieren oder auch umzuschulen, nutzen sie die Möglichkeiten, die ihnen das Fernstudium bietet. Aufgrund dieser besonderen Bedingungen, befinden sich viele unserer Studierenden in der Altersspanne zwischen 30 und 50 Jahren. Für digitale Projekte, wie das der Wikiade bedeutet das auch, dass wir bei der Konzeption viel Unterstützung bereitstellen müssen, wie man sich auf den jeweiligen digitalen Plattformen bewegt. Anders als bei jüngeren Generationen sind unsere Studierenden nicht wie selbstverständlich mit den digitalen Möglichkeiten aufgewachsen.

Mit der Wikiade haben wir an der FernUniversität in Hagen das Ziel verbunden, unseren Studierenden und Lehrenden eine Plattform anzubieten, auf der sie sich über Studieninhalte austauschen und diese mit eigenen Fragen, Perspektiven und Erfahrungen anreichern können. Die Wikiade setzt daher beim kleinsten gemeinsamen Nenner, den Inhalten der Studienbriefe, an. Im besten Fall bleibt der Austausch nicht nur fachintern, sondern wird fach-bzw. fakultätsübergreifend fortgeführt. Auf der Wikiade kann man sich zu Lehrinhalten austauschen, Begrifflichkeiten aus der Lehre diskutieren, Interpretationsvorschläge zu den wissenschaftlichen Grundlagen des Studiums sammeln oder Sie lernen einfach nur Kommilitonen aus ihrer oder anderen Fachrichtungen kennen und erweitern somit ihr eigenes persönliches Netzwerk. Gerade als Fernstudierender ist man auf der ständigen Suche nach Lerngruppen oder auch einfach dem persönlichen Austausch an Erfahrungen über ein Fernstudium. Und vielleicht wohnt ein Wikionike ja gleich in der nächsten Straße des Wohnortes.

e-teaching.org: Wikis werden immer wieder als herausragendes Instrument für kollaborative Zusammenarbeit angeführt, wobei besonders die Wikipedia als Beispiel für ein gelungenes Gemeinschaftsprojekt auf Wiki-Basis gilt. Allerdings: Aller Anfang ist schwer. Wer schon einmal einen Wiki aufgesetzt hat, wird festgestellt haben, dass eine leere Plattform nicht zum bearbeiten einlädt und gerade der Anfang eines Wiki-Projekts kein Selbstläufer ist. Ist man dann einmal erfolgreich gestartet und die ersten Beträge wurden geschrieben, kann es passieren, dass die Beteiligung schnell wieder nachlässt. Wie habt ihr angefangen? Habt ihr Strukturen im Wiki vorgegeben oder im Vorfeld für das Projekt bei den Studierenden geworben? Gab es während der Laufzeit ein didaktisches Konzept, um den Prozess der Reflexion und des Erarbeitens von Inhalten aktiv zu unterstützen? Was hab ihr getan um die Motivation aufrecht und die Studierenden „bei der Stange“ zu halten?  War die Teilnahme verpflichtend?

Jana Hochberg: Aus anderen Projekten, in denen Wikis bei uns an der FernUniversität für die Lehre eingesetzt werden, konnten wir schon Erfahrungen im Umgang mit solchen Systemen sammeln, die in die Umsetzung der Wikiade mit eingeflossen sind. Um die Hürde des Mitmachens so niedrig, wie möglich zu halten, haben wir versucht an mehreren Stellen anzusetzen. Die Teilnahme an der Wikiade erfolgte dabei grundsätzlich freiwillig. Hier unsere Maßnahmen:

  1. Transfer des olympischen Gedankens: Erstens gestalteten wir diesen Austausch als Wettkampf, der an die Olympischen Spiele erinnern sollte. So traten die Fakultäten gegeneinander an. Des Weiteren konnten sich die Teilnehmer, also die Wikioniken, individuell oder im Team in die Wikiade einbringen.
  2. Einzelwettkämpfe: Wöchentliche, spielerisch stattfindende Wettkämpfe in Form der Wiki-Wars wurden aufgezeichnet und anschließend veröffentlicht. Mit den Wiki-Wars sollten die Wikioniken ein Verständnis von der Bedeutung von Verlinkungen und Kategorien in einem Wiki erwerben. Aufgezeichnet wurden beide Bildschirme der teilnehmenden Wikioniken. Ziel bei den Wiki-Wars ist es, schneller als der Gegner von einem Wiki-Artikel zu einem thematisch weit entfernten anderen Artikel zu gelangen. Dabei erlernen die Teilnehmer spielerisch den Zusammenhang zwischen den unterschiedlichen Wissensgebieten und die Organisation von Wissen.
  3. Anmeldeunterstützung: Der Anmeldeprozess wurde userfreundlich gestaltet, um interessierte Studierende und Lehrende zu einer Teilnahme an der Wikiade zu motivieren. Studierende konnten sich mit ihrem FernUni-Account anmelden. Aus diesem Prozedere heraus entwickelte sich eine geschlossene Plattform, welche die Teilnehmenden zusätzlich motivieren sollte, sich in diesem Rahmen auszuprobieren.
  4. Hilfeseiten: Zur Orientierung wurden konkrete Hilfeseiten in das Wiki integriert, um die Wikioniken zur Teilnahme zu motivieren und das Handwerkszeug zur Verfügung zu stellen. Zur weiteren Unterstützung wurde ein Handbuch, ein Spickzettel und ein spezieller Übungsbereich angeboten.
  5. Infotainment: Tutorial-Videos wurden mit Infotainment-Elementen kombiniert. In Kooperation mit der Wikimedia Foundation haben einzelne Wikipedianer in Videos ihre Arbeitsweise und ihre Erfahrungen mit der Wiki-Software vorgestellt. Diese Tutorial/Motivations-Videos wurden über das Wintersemester verteilt veröffentlicht.
  6. Herausforderungen: Einfache Herausforderungen, die in regelmäßigen Abständen in der Wikiade bekannt gegeben wurden, sollte die Wikioniken dazu bewegen, sich anderen Wikioniken vorzustellen, Kontakt herzustellen und einen Austausch anzufangen.
  7. Struktur der Wikiade: Um die Einstiegshürde so gering wie möglich zu halten, wurde die zu Anfangs leere Wikiade im bekannten Muster der Fakultäten und Studienbriefzuordnungen vorstrukturiert.
  8. Preise: Zudem wurden Sachpreise für quantitative und qualitative Zusammenarbeit vergeben.

Jeder Wikionike konnte sich aus diesem Angebot aussuchen woran er teilnehmen wollte.

e-teaching.org: Was hat funktioniert und was nicht?

Jana Hochberg: Studierende und Mitarbeitende der FernUni zur Mitarbeit in einem Wiki zu motivieren – so zeigen die bisherigen Wiki-Projekte an der FernUni wie auch an anderen Hochschulen auf – ist herausforderungsvoll. Erst recht, wenn sie auf freiwilliger Basis geführt werden und der Teilnehmende nur durch einen selbstgegebenen Sinn von dieser Mitarbeit profitiert. Kleinere Gamification-Elemente und Preise haben vor allem Bachelorstudierende motiviert, sich an der Wikiade zu beteiligen und die Hürde des Mitmachens zu überwinden. Wobei bei zukünftigen Projekten dieser Art darauf geachtet werden sollte, kleinere Gamification-Einheiten zu bilden, an denen sich der Wikionike im Laufe der Zeit hocharbeiten kann. Des Weiteren wurde von den Wikioniken über den Zeitraum in dem die Wikiade stattfand, ein Ansprechpartner der jeweiligen Fakultät gewünscht. Im ersten Durchlauf der Wikiade wurde diese vom Lehrgebiet der Mediendidaktik alleine geleitet. Ebenso stellten wir in der Auswertung fest, dass selbst unsere ersten Strukturierungsvorgaben für die Teilnehmenden der Wikiade noch immer als zu offen verstanden wurden und die aktive Mitarbeit im ersten Impuls negativ beeinflusste. Der Transfer des olympischen Gedankens und somit der fakultätsübergreifende Wettkampf wurde von allen Teilnehmern begrüßt. Die offene Struktur ermöglichte es Teilnehmenden in Interessensgebieten, die nicht zu ihrem Studium oder ihrer Lehre gehörten, quer zulesen und sich auszutauschen. Zudem fühlten sich alle Wikioniken vom Anmeldeprozess positiv angesprochen.

e-teaching.org: Auf der Plattform haben Studierende verschiedener Fakultäten gearbeitet. Teilnehmende kamen aus unterschiedlichen Fachbereichen. In welcher Form haben sie sich beteiligt? Ließen sich fachspezifische Unterschiede feststellen?

Jana Hochberg: Die FernUniversität in Hagen hat vier verschiedene Fakultäten: die Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften, die Fakultät für Mathematik und Informatik, die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften und die Rechtswissenschaftliche Fakultät. Die Statistik zeigt deutlich, dass die Wikiade eher von Teilnehmenden angenommen wurde, die im Studium bzw. in der Kursgestaltung digitale Medien bereits einsetzen. Die Fakultät der Kultur- und Sozialwissenschaften ist an der FernUniversität für den Einsatz digitaler Medien aufgeschlossener, was sich in der Teilnehmerstatistik widerspiegelt. Auch Teilnehmende aus anderen Fakultäten konnten oft auf Erfahrungen mit Wikis oder weiteren digitalen Projekten zurückgreifen. Bei entsprechenden Personen war die Berührungsangst wesentlich geringer ausgeprägt, als bei einem großen Teil der Wikioniken, die an der Wikiade teilnahmen und über keine Erfahrungen mit Wikis verfügten. Letztere sahen aus dem Hintergrund zu (Lurker) und nahmen nur vereinzelt an den Wiki-Wars beziehungsweise anderen Gamification- und Infotainment-Elementen teil. Das war auch unser Ziel: sowohl Neueinsteigern, als auch Wiki-Experten eine Plattform anzubieten, auf der sie miteinander in Kontakt kommen konnten.

Zur Interviewpartnerin

Jana Hochberg
Jana Hochberg M.A. (Fernuni Hagen)

Jana Hochberg M.A. ist seit Juni 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrgebiet der Mediendidaktik der FernUniversität in Hagen. Sie arbeitet an einem vom Rektorat finanzierten Social-Software-Projekt, in dem für die verschiedenen Zielgruppen der FernUni, die Studierenden in Bachelor-Programmen, die Masterstudierenden und die Lehrenden, Social-Software-unterstützte Lernszenarien für den praktischen Einsatz in der Fernlehre entwickelt werden, um damit den Herausforderungen der Fernlehre begegnen zu können.