Chatprotokoll "Gibt es eine Net-Generation?" mit Prof. Dr. Rolf Schulmeister

Prof. Dr. Rolf Schulmeister, Gründer des Interdisziplinären Zentrums für Hochschuldidaktik der Universität Hamburg und Initiator des Studiengangs „Master of Higher Education“, hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder über die Diversität der Studierenden geforscht und sich nun die Netzgeneration gründlicher unter die Lupe genommen.
Festgehalten hat er seine Überlegungen in dem Aufsatz „ Gibt es eine »Net Generation «?“ (Work in Progress. Hamburg 2008, 106 Seiten) Am 30. Juni 2008 war er zu Gast im e-teaching.org-Expertenchat. Lesen Sie im Protokoll die interessante Diskussion nach.

Die Themen im Schnellzugriff
Moderator: Hallo und herzlich willkommen zum e-teaching.org Expertenchat. Heute können Sie Prof. Schulmeister von der Uni Hamburg Ihre Fragen zum Thema "Gibt es eine Net-Generation" stellen. Hier ist es jetzt 14 Uhr. Herr Schulmeister, können wir starten?

Rolf Schulmeister: Ja gerne.

Gibt es Ihrer Ansicht nach eine Net-Generation?

Moderator: Zum Einstieg die ganz allgemeine Frage, die auch die Überschrift für den heutigen Chat ergab: Gibt es Ihrer Ansicht nach eine Net-Generation?

Rolf Schulmeister:
Nein, es gibt viele verschiedene Menschen, aber keine einheitliche Generation, die man mit einem einheitlichen Merkmal beschreiben kann.

Silf: Sie scheinen ja nicht der These anzuhängen, dass die Net-Generation anders lernt als vorangegangene Studentengenerationen. Woran machen Sie das fest?

Rolf Schulmeister:
Ich habe in dem Aufsatz etwa 45 empirische Untersuchungen analysiert und festgestellt – es kommen immer mehr Untersuchungen zu tage – ich habe dabei festgestellt, dass die neuen Medien bei den Kindern dem Spiel dienen, den Jugendlichen zur Kommunikation, und bei den Erwachsenen der Übergang vom Kommunizieren zum Lernen schwierig ist. Dies ist offenbar auch ganz verständlich, da das Hauptziel der Jugendlichen die Kommunikation mit den Peers ist. Das ist uns allen bekannt. Weniger bekannt war, dass sie ihre vielen Erfahrungen im Umgang mit dem Computer nicht auf das Lernen übertragen.

mehmann:
Dass die Net-Generation existiert, hat aber doch durchaus auch empirischen Bestand, oder? Wenn man an die ARD-ZDF-Online-Studien denkt, so wird ein starker Zuwachs der Nutzung multimedialer Inhalte klar. Das gesamte Freizeitverhalten ändert sich. Das muss doch Auswirkungen auf das Lernen haben.

Rolf Schulmeister:
Diese These wird immer wieder vertreten. Es ist aber ein Denkfehler enthalten. Die Tatsache, dass Jugendliche und Kinder heute viel mehr mit Medien zu tun haben, bedeutet nicht, dass sie dadurch geprägt sind. Es kommt auf das Motiv an, mit dem sie dieses Medium nutzen. Und sie nutzen diese Medien durchaus mit der gleichen Motivation, mit der Jugendliche früher die Kontakte mit Gleichaltrigen wahrgenommen haben. Wir sind ja auch nicht, nur weil wir mit dem HiFi aufgewachsen sind, eine HiFi -Generation, oder diejenigen, die mit dem Kofferradio aufgewachsen sind, eine Kofferradio-Generation.

mehmann: Nachfrage: Glauben Sie, dass Jugendliche nicht durch die Nutzung neuer Medien geprägt sind? Ernsthaft?

Rolf Schulmeister:
Glaube ich ernsthaft. Ich glaube, die Jugend nutzt die Medien mit ihren Lebenseinstellungen. Und nur die Wenigsten sind ernsthaft der Sucht verfallen. Die Meisten nutzen die Medien mit ihren eigenen Lebensmotiven, zu den Zwecken, die sie auch ohne Medien haben, also Freundschaft oder Kontakt.

RUBeL: Sicher müssen Studierende spezielle Studien-Kompetenzen mit Medien erwerben, ebenso wie wissenschaftliches Schreiben. Aber sie tun sich leichter, sind unbefangener als Ältere bei der Einarbeitung in ein LCMS [Anm. der Redaktion: Learning Content Management System] usw. M.E. doch eine Generationenfrage!

Rolf Schulmeister:
Das ist vollkommen richtig. Das betrifft aber nicht nur die Jüngeren, sondern auch die Älteren, die schon länger mit Computern arbeiten, insbesondere wenn sie mit Computern aufgewachsen sind. Ich benutze Computer seit 1976. Es ist richtig, dass, wer längere Zeit mit Geräten umgeht, diese auch besser beherrscht. Dies ist allerdings eine triviale Erkenntnis, die dummerweise nicht bedeutet, dass die Kompetenz zur Nutzung der Funktionen dieser Medien damit wirklich gewachsen ist. Es lässt sich feststellen, dass selbst bei Jugendlichen, die häufig mit Computern arbeiten, die Kompetenz zur Beurteilung ihrer Suchergebnisse oder der Information nicht gestiegen ist. Im Gegenteil, es gibt Gruppen, die die Glaubwürdigkeit des Wissens, das aus dem Internet kommt, zu hoch einschätzen.

supporter: Es gibt natürlich auch schon viele ältere Menschen, die das Netz nutzen. Aber die Nutzung ist doch ganz schön unterschiedlich: Die Senioren mailen und halten Kontakt zur Familie, junge Menschen versuchen im Netz neue Leute kennen zu lernen.

Rolf Schulmeister: Das ist richtig, es ist immer wieder feststellbar. Noch gibt es Unterschiede zwischen den Altersstufen. Aber es ist in den letzten fünf Jahren offensichtlich geworden, dass die Unterschiede zu den Älteren nivelliert werden. Also, die etwas leichtere Zugangsweise führt dazu, dass sich auch die Älteren an die Medien wagen, mit denen sie nicht aufgewachsen sind.

Uuf: Müsste man nicht, anstatt über ganze Generationen zu diskutieren, die Zielgruppenfrage wieder in den Vordergrund stellen? Ist diese Zielgruppe nicht in jedem Studiengang grundverschieden und durch Kriterien wie Sozialisation geprägt?

Rolf Schulmeister:
Völlig richtig. Genau das ist die Hauptthese meiner Entgegnung auf die Thematik der Net-Generation. Das ist die Frage, die wir uns immer wieder stellen: Das ist die Diversität. Es wird brisant werden dadurch, dass wir in allen Bereichen feststellen, dass die sozialen Unterschiede die Chancen determinieren, also auch die Bildungschancen. D.h. die so genannte soziale Kluft, die digitial divide, ist eines der wichtigsten Themen, wenn wir über Verschiedenheit reden. Das hat PISA gezeigt, das zeigt auch die Diskussion der Hochschulpolitik nach Bologna und das zeigt auch die Diskussion des Themas „Gibt es eine Net- Generation?“

Lara: Wird sich nicht erst später zeigen, ob es eine Net-Generation gibt? Z.B. weil die jetzige Studi-Generation ein ganz anderes Verhältnis zur Informationsverfügbarkeit entwickelt?

Rolf Schulmeister: Die Grundthese ist doch, dass es eine Generation in diesem Sinne gar nicht geben kann, sondern nur verschiedene Gruppen. Darum wird sich die Gruppe der nächsten Generation auch nicht als geschlossene Gruppe empfinden. Eine zweite These ist die, dass es immer selbstverständlich und alltäglich ist, wie man in der Umgebung lebt, in der man aufwächst. Währenddessen besagt die These der Net-Generation das Gegenteil, dass sie etwas anderes seien, beispielsweise veränderte Hirne hätten, eine andere Kultur, eine andere Psyche usw. Und das ist widerlegt worden. Ich habe in meinem Aufsatz auch deutlich gemacht, dass auch Versuche, bspw. Multitasking als Merkmal einer Generation zu bezeichnen, verkehrt wären, weil es einfach ein Gewöhnungsprozess ist. Ebenso kann man nicht sagen, dass die Ungeduld im Umgang mit diesen Geräten nur einer Generation zukommt. Jedem Benutzer erscheint ein älteres Gerät als langsam.
Über den Begriff der Generation allgemein

Moderator:
Noch zweimal generell zu Generationenfrage:

lenzen: Glauben Sie denn, dass es überhaupt schon eine "Generation" gegeben hat, die als solche gelabelt wurde? Es ist ja auch schwer, von der „68er Generation“ oder der „89er Generation“ oder von der „Generation Golf“ zu reden.

Lou: Gibt es dann auch keine 68er Generation, keine Baby Boomer usw.? Generation bedeutet ja nicht, dass alle gleich sind.

Rolf Schulmeister: Generation als Metapher ist etwas anderes, als eine Behauptung über eine Kohorte von Menschen, die einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren abdecken. Ich habe auch die Kohorte geschichtswissenschaftlich untersucht und festgestellt, dass die 68er-Generation immer eine Minderheit gewesen ist.

joker: Ok, es gibt nicht die Net-Generation. Treumann (2007) hat sieben Nutzertypen, was die Diversität bestätigt. Trotzdem scheint dies eine andere Diversität zu sein, als vor zehn Jahren. Und wie kann diese Diversität beim Lehren/Lernen aufgenommen werden?

Rolf Schulmeister: Es ist eigentlich ein uraltes Problem der Pädagogik. Seit der Zwergschule redet die Pädagogik über innere Differenzierung im Unterricht. Das Hauptthema, über das wir heute diskutieren, ist nicht die Generation, sondern die Verschiedenheit. Man stellt immer wieder fest, dass alle Benutzer der Neuen Medien in verschiedene Gruppen zerfallen. Aus Gründen der Motivation, der Sozialisation, der Kognition, des Lernstils, der interkulturellen Herkunft, der ethnischen Herkunft usw. Die Pädagogik reagiert darauf mit innerer Differenzierung. In der Hochschule reden wir vom offenen Lernen und von offenen Lernsituationen, um dieser Verschiedenheit gerecht zu werden. Leider fehlen in vielen Bereichen die Mittel, dies auch umzusetzen.

Nutzug von Medien und Diensten durch Studierende
mhz: Mehrere hunderttausend Studis sind bei StudiVZ aktiv. Was machen die da eigentlich? Gibt es da empirische Daten? Meine Vermutung: StudiVZ ist eine riesige Partnerbörse.

Rolf Schulmeister:
Ich habe dazu keine Daten und würde auch nicht gerne Vermutungen dazu anstellen. Das sollte vielleicht Psychologen vorbehalten bleiben. Aber Sie haben einen richtigen Hinweis gemacht, dass deutlich wird, dass nach wie vor die Kommunikation auch für über Zwanzigjährige ein wichtiges Thema ist. Und dass auch für diese Gruppe von Menschen die Kommunikation mit den neuen Medien wichtiger ist als das Lernen.

Lou: Spricht nicht für die Net-Generation, dass heute auf sozialen Plattformen die Art von virtuellen Lerngemeinschaften entstehen, die man früher vergeblich versucht hat künstlich zu initiieren? Rolf

Schulmeister: Es spricht nicht für die Net-Generation, es spricht für einige wenige Studierende, die erkannt haben, dass man in diesen Gemeinschaften sinnvoll miteinander umgehen, Informationen austauschen kann, vielleicht auch lernen kann. Aber auch nur vielleicht. Denn viele dieser Gemeinschaften bestehen nur im Austausch. Der größte Teil, von denen, die sich daran beteiligen, entspricht dem Typ des LURKERs. Also die Leute, die von dem Wissen anderer profitieren, aber nicht dazu beitragen wollen.

Lou: Anmerkung zu den LURKERn: Profitieren nicht am Ende doch jene, die Wissen aufarbeiten und bereitstellen mehr als die passiven Konsumenten?

Rolf Schulmeister:
Das ist völlig klar. Diejenigen, die Wissen konstruieren, haben natürlich die Nase vorn. Diejenigen, die Wissen nur rezipieren, da bleibt unklar, was sie davon rezipieren. Aber für manche Zwecke der Kommunikation und der Kooperation beim Lernen ist es ausgesprochen unglücklich, wenn einige Lernende nicht zu den Lernprozessen beitragen, weil dann die Last nur bei den Wenigen liegt, die diesen Vorgang aktiv tragen.

Moderator:
Ein Kommentar:

Lara: Meine wenig computeraffine Schwester organisiert zu meiner Verwunderung in einem Lehramtsstudium viel über StudiVZ. Da geht es um Inhalte, nicht (nur) um Geschwätz.

Rolf Schulmeister:
Ja. Es gibt in StudiVZ die Möglichkeit, geschlossene Gruppen zu organisieren, die sich mit Lerninhalten auseinandersetzen. Das ist aber noch selten der Fall. Man sieht aber auch, dass andere Medien, in denen aktive Teilhabe gefördert wird, wenig genutzt werden, zum Beispiel die Möglichkeit für Kommentare in Weblogs.

heikoidensen:
Wie ist die Rolle der Lehrenden in den vernetzten Lernprozessen? Moderator? Coach? Lernbegleiter?

Rolf Schulmeister: Ich weiß ja nicht, was die drei Begriffe alles konnotieren. Ich verstehe Moderator und Lernbegleiter als das Gleiche. Ich kenne Leute, die unter Coach nichts anderes verstehen als Lernbegleiter. Um es konkret zu beschreiben: Ich verstehe meine Rolle als Moderator so, dass ich die Entstehung der selbstständigen Lernprozesse der Studierenden von vorne bis hinten erkennen und damit auch begleiten kann. So kann ich am Ende der Arbeit genau wissen, wie die Studierenden zu ihren Ergebnissen gekommen sind, welche Schritte sie gemacht haben und dass ich ihnen in allen Stufen dieses Prozesses geholfen habe.

heikoidensen: Hat sich die Art und Weise des Diskurses durch die vernetzten Lern- und Kommunikationsweisen fundamental geändert - Stichwort Diskurskritik? Nicht nur über die neuen Medien, sondern mittels der neuen Medien als Werkzeuge: Wer spricht? Was ist eine Quelle? Wahrheit? Oder: Schwarmdenken? Kollaborative Wissens- und Diskursnetzwerke? Autorenschaften?

Rolf Schulmeister: Ich halte das zum jetzigen Zeitpunkt eher für eine Hoffnung, denn eine Realität. Die Chancen für Diskurse sind durch die Vernetzung gestiegen, einfach weil es mehr Kontakte dadurch gibt. Aber die Qualität der Diskurse ist durch das Medium bis heute noch behindert. Man kann in Präsenzsituationen einmal durch die zusätzlichen nonverbalen und paralinguistischen Signale, die man erhält, intensiver aufeinander eingehen und feststellen, an welchen Stellen Diskurse notwendig sind. Und man kann im unmittelbaren Umgang auch besser prüfen, wann man in den Diskurs einsteigen und wie lange man ihn durchhalten muss. Andererseits hat das Medium durch die Persistenz der Kommunikation die Chance, im asynchronen Modus einen langfristig wertvollen Diskurs zu fördern.

Einsatz von Medien in der Lehre

phlo: Wie sieht für Sie eine ideale Verknüpfung von Internet, Lehrenden und Lernenden aus?

Rolf Schulmeister:
Diese Frage führt wieder zurück auf die Frage der Diversität. Es gibt keine ideale Lösung. Es gibt Situationen, in denen die Medien nur im Präsenzunterricht auftreten, und es gibt Situationen, in denen die Medien den Präsenzunterricht ersetzen. Die Verschiedenheit der unterschiedlichen didaktischen Szenarien begründet sich auch durch unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen, unterschiedliche Inhalte, und es begründet sich durch die unterschiedliche Position im Curriculum. Es gibt also verschiedene Szenarien. Jedes Szenario braucht eine andere Konstellation für das Verhältnis von Präsenz und virtuellem Lernen.

phlo:
Während wir darüber diskutieren, ob es möglich ist Laptopklassen einzurichten, gibt es sie durch Initiativen, wie OLPC (Anm. der Redaktion: One Laptop per Child) oder Intel's Classmate doch schon in Entwicklungs- und Schwellenländern. Werden wir überholt?

Rolf Schulmeister:
Wenn wir die Kritik in den USA an No Child Left Behind sehen, haben wir noch viel zu tun. Das Echo ist nicht durchweg positiv. Es war ein Propagandaplan, der nur wenigen Schulen geholfen hat. Dasselbe gilt für die Versuche, die von Microsoft oder Intel usw. gemacht wurden. Das sind Experimente. Die, wenn sie gut wissenschaftlich untersucht werden, sicherlich interessante Ergebnisse erbringen können, aber für die Breite nichts erbracht haben.

Moderator:
Nun die Frage, die in unserer Vorab-Phase die meisten Stimmen bekam:

Ich:
Ist es nicht ganz normal, dass Computer für Schule und Uni nur als Mittel zum Zweck genutzt werden? Ein Buch lese ich ja privat auch anders und aus anderen Gründen als für den Unterricht.

Rolf Schulmeister:
Genau, das hatten wir aber schon so ähnlich beantwortet. Kinder, die mit Geräten aufwachsen, werden diese auch benutzen. Für meine Generation war der Fernseher neu. Da haben wir über den Nutzen des Schulfernsehens diskutiert. Natürlich gab es Kinder, die exzessiv Fernsehen nutzten. Es muss sich in jeder Epoche wieder eine Ethik entwickeln, der Umgang mit Innovation herauszubilden. Und wir sind gerade dabei, dieses bezogen auf die Medien zu tun. Aber wie ich feststelle, werden diese Medien für die Zwecke genutzt, die dem Entwicklungsstand der Kinder und Jugendlichen entsprechen. Insofern kann man von einer Alltäglichkeit und Selbstverständlichkeit im Umgang mit diesen Medien ausgehen.

Gast 22:
In welchen Bereichen soll man denn Computer in der Schule / in der Uni benutzen? Wo ist der von Ihnen gesehene Mehrwert?

Rolf Schulmeister:
Mehrwert ist eine andere Frage, die wiederum differenziert beantwortet werden muss: Ökonomisch, Zeitersparnis, mehr Information. Es gibt aber auch Mehrwert durch Multimedia und es gibt einen Mehrwert, den man als didaktisch bezeichnet, wenn er für das Lernen Vorteile bietet. Solche Vorteile sehe ich beispielsweise in dem Bereich, in dem ich arbeite, der Gebärdensprache. Ich habe willkürlichen Zugriff auf Filme, eine visuelle Sprache. Naturwissenschaftler sehen einen Mehrwert darin, dass es Experimente in anderen Ländern gibt, auf die sie über das Internet zugreifen können, so genannte entfernte Labore. Andere wiederum, wie die Sprachwissenschaftler, holen sich einen Mehrwert daraus, dass sie auf Originalsprachdaten jederzeit Zugriff haben. Der Mehrwert ist also nach der Art der Inhalte, der Lernziele und dem Anlass des Lernens zu differenzieren.
Medienkompetenz als Voraussetzung für Lehren und Lernen

Toschko:
Sind Sie der Meinung, dass schon in den Grundschulen Umgang mit den Internet gelernt werden muss?

Rolf Schulmeister: Da die Sechsjährigen bereits zu Hause mit Computern umgehen, sollte der Computer auch bereits in der 1. Klasse einen Platz finden. Ob das in einer so genannten Computerecke oder Laptopklasse stattfindet, das muss noch herausgefunden werden.

Soma: Was muss sich an den Schulen und Unis verändern, damit der Transfer von Medienkompetenz gelingt?

Rolf Schulmeister:
Man kann feststellen, dass wir für unsere zukünftigen Hochschullehrer eine wichtige Aufgabe haben. Sie müssen von vornherein in Lehre und Lernen die neuen Medien einbeziehen. Sie müssen selber Kompetenz im Umgang mit diesen Medien demonstrieren. Dies gilt insbesondere für die Lehre in den Schulen - nicht nur in Informatik - weil wir feststellen, dass die Schüler aus den Schulen - wenn sie in die Hochschule kommen - kein Verlangen danach haben, die Medien für das Lernen einzusetzen. Diese Voraussetzung ist aber bereits in der Schule zu legen.

AlexaHof: Also zählt es für die Medienkompetenz einer Person nicht nur, mit den neuen Medien umgehen zu können? Man muss also noch ein tieferes Verständnis dafür entwickeln?

Rolf Schulmeister: Die Neuen Medien sind ja nur Träger von Information und Wissen, das, worauf es eigentlich ankommt, sind eben Wissen und Information. Und da haben wir ein semantisches Problem. Wie beurteilen wir dieses Wissen und was fangen wir damit an? Dasselbe gilt für die Kommunikation. Wir können diese Geräte für die eingelebte Kommunikation nutzen. Aber wenn wir einen Diskurs führen, müssen wir Information und Kommunikation bewerten und beurteilen.

sabbatical08:
Der zentrale Lernstoff, der vermittelt werden muss, um junge Menschen den Computer sinnbringend einsetzen zu lassen, ist nicht Medienkompetenz, sondern Quellenkompetenz - wie ist die Qualität einer Quelle zu beurteilen. Sehen Sie das auch so?

Rolf Schulmeister: Das ist richtig, das ist die Definition, die Dieter Baacke aus Bielefeld mal formuliert hat und die heute noch in der Untersuchung der Bielefelder in dem Buch von Treumann und Meister et al. veröffentlicht wurde.

Moderator: Wie ist es denn Ihrer Erfahrung nach um die Quellenkompetenz der Studierenden bestellt? Rolf Schulmeister: Es hat eine sehr umfassende Untersuchung des University College London zusammen mit der British Library gegeben, die dieses Problem sehr gründlich untersucht hat. Danach sieht es nicht gut aus mit der Beurteilungskompetenz der Studierenden. Ich selbst kann nur über meine Studierende reden. Ich habe jetzt eine größere Untersuchung vor. Mich wundert aber, dass die Studierenden einem Menschen, der offensichtlich kompetent ist, Plagiate vorlegen.

Moderator: Ein Kommentar zur Quellenkompetenz:

freakofhouse: Also ich hab zu Beginn des Studiums einen Quellen-Kurs belegt, das war es. Da ging es den Lehrenden eher um die korinthenkackerisch richtige Zitierweise als um die Einschätzung der Qualität einer Quelle. Dann darf man sich doch nicht wundern.

Rolf Schulmeister: Völlig richtig, natürlich.

Moderator: Noch einmal zurück zur Diversität und Quellenkompetenz:

AlexaHof:
Aber basiert nicht jeder Studiengang - so verschieden diese auch sind - auf gewissen Grundkompetenzen? Ob ich nun Informatik, Biologie oder Germanistik studiere - die Kompetenz der Quellenkritik oder Quellenbewertung/ Recherche gehört doch unabhängig vom Fach zur Grundausstattung eines Studierenden. Ihre Meinung?

Rolf Schulmeister:
Ja und Nein. Einerseits kann man von so genannten heuristischen/methodischen Kompetenzen reden, die in allen Studiengängen gleich sind. Andererseits muss man in den Fächern mit unterschiedlich methodologisch strukturierten Inhalten umgehen. Und diese bedingen natürlich, dass man die Grundfertigkeiten auch variieren muss. Die neuen Studiengänge nach Bologna sehen ja hier einen Teil vor, den wir als Schlüsselkompetenzen oder Berufskompetenzen bezeichnen. Diese sollen in Zukunft verstärkt ausgebildet werden. Dafür sollen etwa 15 Prozent des ECTS vorgesehen werden.

Moderator:
Ist denn die Mehrheit der Lehrenden von der Medienkompetenz schon weit genug, um Computer-Unterricht anzubieten?

Rolf Schulmeister:
Nein, also wir reden ja heute noch davon, dass wir noch immer die Fünf-Prozent-Hürde überspringen wollen. Ich denke, dass es wohl keinen Professor gibt, der nicht mit dem Computer umgehen kann. Aber ob er/sie sinnvolle Möglichkeiten erkannt hat, im Unterricht die Medien zu nutzen, das ist eine andere Frage.

derkieler: Was sind denn die wichtigsten (neuen) Schlüsselkompetenzen jetziger Studienanfänger? Rolf Schulmeister: Wie bereits gesagt, sollen ja jetzt die Schlüsselkompetenzen gefördert werden in der Annahme, das Studenten mit wenig Kompetenzen aus der Schule kommen. Ich hätte gerne Schlüsselkompetenzen wie Neugierde, Skepsis, forschendes Verhalten, mehr Geduld mit Ungewissheiten oder Unsicherheiten, das Warten auf die Wahrheit, da hätte ich gerne mehr davon.
Zur Institution Hochschule allgemein

phlo: Können die Universitäten denn mit der rasanten technischen Entwicklung überhaupt mithalten und somit gewährleisten, immer adäquate Lehrmittel zu Verfügung zu stellen.

Rolf Schulmeister:
Das war vor zwanzig Jahren - aus Preisgründen - viel schwieriger als heute. Heute ist in den Hochschulen die Offenheit gegenüber den Medien groß und die Preise sind günstig. Ich denke, es gibt keine Schwierigkeiten in dieser Hinsicht. Das Thema hat einen weiteren Aspekt: Es geht um Geräte und um Software. In dem Bereich, über den wir reden, also Web2.0, ist ja die Software kostenlos. Das Problem ist eher die Software, die wir für die Forschung brauchen. Da gibt es sehr spezielle und sehr teure Software.

s.thurner:
Ist nicht ein zentrales Problem, dass Hochschulen eher innovationsfeindlich sind, wenn es um die Reform der inneren Strukturen geht ("der Muff von 1000 Jahren unter den Talaren") ;-) Rolf

Schulmeister:
Zu dem letzten Spruch habe ich eine sehr enge Verbindung; ich war anwesend, als das geschah. Aber: Hochschulen sind aus verschiedenen Gründen sehr träge Institutionen. Sie haben es einerseits mit Studiengängen zu tun, die über Jahrzehnte laufen sollen, zweitens haben sie einen verbeamteten Lehrkörper, drittens weil wir kein Evaluationssystem haben, viertens weil es keine Leistungsbelohnungssysteme gibt. Von daher ist verständlich, dass die Hochschulen ihre Innovation im Wesentlichen durch den immer wieder rein kommenden Nachwuchs beziehen.
Zum E-Learning Markt allgemein

lottad: Der E-Learning Markt und der ganze Werkzeug-Instrumentarienkasten des E-Learnings ist total unübersichtlich. Ist eine Marktklärung und auch eine Etablierung von Standards in dem Bereich zu erwarten? Wünschen Sie das?

Rolf Schulmeister: Ich glaube nicht Letzteres. Es haben sich schon Marktführer herausgebildet. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, um die Übersichtlichkeit zu erhöhen, z.B. die von Baumgartner und meine. Es gibt auch Versuche, Standards zu entwickeln, beispielsweise die von IMS und IEEE. Und die meisten Produzenten von Software orientieren sich auch an diesen Standards. Es gibt zwar auch Bereiche ohne Standards. Aber es ist davon auszugehen, dass auch diese bald geschlossen werden.

Moderator:
Das waren gut 70 Minuten e-teaching.org-Expertenchat. Vielen Dank an Herrn Schulmeister für seine Antworten und natürlich vielen Dank an unsere Nutzer für die vielen Fragen, die wir aus Zeitgründen leider nicht alle stellen konnten.
Letzte Änderung: 08.04.2015
Druckansicht