Mustersprachen - Pattern Languages

So wie sich aus den Vokabeln einer natürlichen Sprache unendlich viele bedeutungsvolle Sätze generieren lassen, sind Patterns dazu geeignet, durch Variation und Kombination beliebig viele unterschiedliche Produkte zu erschaffen.

Ein Muster existiert also nicht isoliert, sondern steht in einem Netzwerk von Beziehungen mit anderen Mustern. Ein Curriculum besteht etwa nicht nur aus einer Veranstaltungsart, sondern aus verschiedenen Formen, die miteinander verknüpft sind. Und auch während einer Vorlesung können unterschiedliche Methoden zur Wissensvermittlung eingesetzt und miteinander kombiniert werden. Jedes Muster ist also Teil übergeordneter Muster (das Seminar ist Teil eines Curriculums) und baut gleichzeitig auf untergeordneten Mustern auf (das Seminar kann z.B. aus Vortrag und Hausarbeit bestehen). Dieses Netzwerk aus Beziehungen wird als Mustersprache bezeichnet. Die einzelnen Muster bilden das Vokabular, die Beziehungen zwischen den Mustern die Grammatik. Wie bei einer natürlichen Sprache sind nicht alle Kombinationen sinnvoll; daher werden in Pattern-Beschreibungen häufig die Querverweise explizit dargestellt. Neben einer hierarchischen Teil-Ganzes-Beziehung gibt es auch noch Verfeinerungen, Variationen und konkurrierende Muster.

Der Sprachumfang bestimmt dabei die Ausdrucksstärke bei der Generierung gültiger Sätze. In gleicher Weise erweitert das Pattern-Vokabular die Gestaltungsmöglichkeiten. Um die Methode „Brainstorming“ in einem Seminar einzusetzen, muss diese offensichtlich bekannt sein. Je begrenzter die Methoden- und Werkzeugkenntnisse sind, umso begrenzter sind die Möglichkeiten bei der angemessenen didaktischen Gestaltung. Der Ausbau der eigenen Mustersprache ist also ein wichtiger Beitrag zur didaktischen Kompetenz.

Expertenwissen
Erfahrene Pädagogen verfügen selbstverständlich bereits implizit über ein umfangreiches Repertoire erfolgreicher Praktiken. Jede Expertin setzt Patterns ein – dies ist ja gerade, was sie zur Expertin macht. Doch häufig sind erfolgreiche Praktiken unbenannt, nicht dokumentiert und nur schwer in der Ausbildung zu vermitteln. Muster geben diesen wiederkehrenden Strukturen Namen und Beschreibungen. Auf diese Weise wird ein gemeinsames Vokabular aufgebaut, welches nicht nur für die Methodenausbildung, sondern auch für die Kommunikation unter Designern wichtig ist, da so ein einheitliches Verständnis der Begriffe erreicht wird. In diesem Sinne bilden Mustersprachen auch eine Taxonomie, in der die einzelnen Muster klassifiziert und deren Relationen erfasst werden. Eine solche Taxonomie erlaubt die präzise Beschreibung umfangreicher Lehr-/Lernszenarien. Zudem lassen sich, wie bei einer biologischen Klassifikation, aufgrund der Einteilungen gemeinsame Eigenschaften von Unterrichtsformen einer Art ableiten (z.B. adressiertes Problem, Anwendbarkeit, Vor- und Nachteile).

Ganzheitlichkeit

Mustersprachen zerlegen umfangreiche Designs in ihre einzelnen wiederkehrenden Bestandteile, um so die Komplexität zu reduzieren und einen überschaubaren Baukasten (z.B. Methodenbaukasten) zu erhalten. Muster auf höherer Ebene (z.B. Gestaltung eines Vortrags) setzen sich aus Mustern unterer Ebenen (z.B. Gestaltung der Vortragsfolien) zusammen. Dabei müssen die Lösungsansätze der einzelnen Muster ebenso wie die Bestandteile eines zusammengesetzten Musters in der Gesamtheit harmonieren, d.h. die Lösungen müssen zusammenspielen. Der Nutzen der einzelnen Lösungsansätze addiert sich nicht auf, sondern ergibt sich emergent aus ihrer Kombination: Das Ganze ist mehr als die Summe der einzelnen Teile. Diese Betonung der Ganzheitlichkeit zieht sich durch den gesamten Muster-Ansatz. Ein Lösungsweg führt nur dann zum Ziel, wenn er in seiner Gesamtheit passierbar ist. Da sich der erzielte Nutzen vollkommener Lösungen – und dieses Ideal wird zumindest angestrebt – nicht wie bei einer mechanistischen Weltanschauung einzelnen Faktoren zuordnen lässt, spricht Alexander auch von „the quality without a name“. Übertragen auf die didaktische Gestaltung heißt dies, gelungene und lebendige Lehre lässt sich nicht an einer einzelnen Dimension festmachen. Berücksichtigt werden müssen u.a. menschliche, soziale, organisatorische, politische und technische Faktoren.

Letzte Änderung: 01.07.2015
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