Gender Mainstreaming und Diversity im E-Learning

Digitale Medien – insbesondere das Internet – gelten gemeinhin als offen, demokratisch und unkompliziert in Bezug auf Zugang und Handhabung. Dennoch zeigen sich bei genauer Betrachtung teilweise auffällige Unterschiede zwischen verschiedenen Nutzergruppen. Dabei spielen Faktoren wie Geschlecht, Alter, Nationalität, wirtschaftliche Verhältnisse, sozialer und kultureller Hintergrund u.a.m. eine zentrale Rolle. Bei der Konzeption von E-Learning sollte deshalb darauf geachtet werden, dass unterschiedlichen Gruppen gleiche Teilhabe ermöglicht wird. Mögliche Benachteiligungen und Ungleichheiten sollten ausgeglichen und Stärken gefördert werden. Hierbei sind Ergebnisse und Verfahrensweisen des Gender Mainstreaming sowie des Diversity Managements hilfreich. Auf dieser Seite stellen wir Ihnen Hintergrundinformationen zum Thema und Anwendungsvorschläge für die Praxis vor.

In Deutschland hat die Nutzung des Internet in den letzten Jahren stetig zugenommen. Laut ARD/ZDF-Onlinestudie 2011 sind inzwischen 73,3% der Deutschen online (bei der ersten Erhebung im Jahr 1997 waren es 6,5%). Dabei liegen die höchsten Steigerungsraten bei der Internetnutzung in den vergangenen Jahren bei Gruppen, die bis dahin deutlich zurücklagen. Unter anderem sind die Anteile der Frauen, der Personen mit geringerem formalen Bildungsabschluss sowie der über 60-jährigen deutlich gestiegen. Jedoch bestehen weiterhin Unterschiede in Bezug auf Merkmale wie Geschlecht, Alter, Bildungsgrad, sozio-kultureller Hintergrund oder auch die (Fremd-)Sprachkompetenz. Gerade beim Einsatz neuer Medien im Bildungsbereich sollte darauf geachtet werden, diese unterschiedlichen Voraussetzungen der Lernenden zu berücksichtigen.

Gender Mainstreaming im E-Learning

Ziele von Gender Mainstreaming sind die Sicherstellung von Chancengleichheit, die Erhöhung des Anteils von Frauen bzw. Männern in Bereichen, in denen sie unterrepräsentiert sind sowie die optimale Nutzung weiblicher und männlicher Besonderheiten. Bereits in frühen E-Learning-Förderprogrammen war die Berücksichtigung der Geschlechterperspektive Förderkriterium und richtete sich z.B. auf eine zielgruppenorientierte Konzeption, die Erhöhung des Anteils von Studienanfängerinnen und die Verminderung der hohen Quote von Studienabbrecherinnen (Jelitto 2004, 1; Schinzel & Ruiz Ben 2002). Trotz der sukzessiven Angleichung zwischen den Geschlechtern bei der Häufigkeit der Internetnutzung bleibt es wichtig, alle Maßnahmen und Programme im Bereich des E-Learning weiterhin auf ihre potentielle Wirkung für beide Geschlechter zu überprüfen und so zu realisieren, dass sie zur gleichen Teilhabe beitragen – denn Unterschiede gibt es weiterhin.

Neuere Studien zufolge bestehen zwar in der Regel keine geschlechtsspezifischen Differenzen in Bezug auf die individuelle Nutzung, Akzeptanz und Häufigkeit der Anwendung von E-Learning-Angeboten an Hochschulen (Kleinmann & Wannemacher 2005). In anderen Bereichen gibt es jedoch durchaus Unterschiede. So haben Untersuchungen gezeigt, dass Frauen ihre eigene Medienkompetenz immer geringer einschätzen als Männer (Haubner u.a. 2009, 47 f., Pannerale & Kammerl 2007, 70 f.). Auch bestehen unterschiedliche Vorlieben in Bezug auf Lernwege, Aufgabentypen, Gestaltung von Lernmaterialien, Kommunikationsformen u.a.m. Eine weitere Benachteiligung ist dadurch gegeben, dass Frauen einen eingeschränkteren Internetzugang haben als Männer. Nach wie vor besitzen Frauen seltener einen eigenen Computer und haben seltener Zugang zu einem Rechner sowie zu einem eigenen Internetanschluss (Arrenberg & Kowalski 2007, 23; Pannerale & Kammerl 2007, 33).

Gender Mainstreaming im E-Learning bezieht sich vor diesem Hintergrund auf das Projekt- und Hochschulmanagement ebenso wie auf die Nutzung und Gestaltung der Technik(-kultur), die didaktische Konzeption von Lernszenarien, die Aufbereitung von Inhalten, den Sprachgebrauch, die Durchführung, die Betreuung und die Kommunikation zwischen Lehrenden und Studierenden sowie die Evaluation. Praktische Gestaltungshinweise sind unten auf dieser Seite zusammengestellt.

Diversität im E-Learning

Das Bewusstsein dafür, dass das Lernverhalten und der Lernerfolg, außer durch den Faktor Geschlecht, durch weitere relevante Unterschiede zwischen Lernenden beeinflusst werden, wächst erst seit wenigen Jahren. Zugleich nimmt die Heterogenität der Studierenden zu. Inzwischen studieren an deutschsprachigen Hochschulen immer mehr Arbeiterkinder, Migranten, Studierende aus anderen Ländern, Studierende mit Familienverpflichtungen sowie ein großer Teil von (teilzeit-) berufstätigen Studierenden. Vor diesem Hintergrund entstand auch das Förderprogramm "Ungleich besser! Verschiedenheit als Chance". Ziel dieses vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft gemeinsam mit der CHE Consult getragenen, seit 2010 geförderten Programms ist es, gemeinsam mit ausgewählten Hochschulen Strategien und konkrete Maßnahmen zu entwickeln, wie mit Diversität im Alltag produktiv umgegangen werden kann.

Auch bei der Konzeption und Durchführung von E-Learning sollte die Heterogenität der Studierenden berücksichtigt und Faktoren wie Nationalität, wirtschaftliche Verhältnisse, kulturelle und soziale Herkunft ebenso wie Motivation, Lernstile oder Lernstrategien u.a.m. einbezogen werden (Schulmeister, 2004, 133). Im Diversity-Management geht es nicht nur um die Vermeidung von Diskriminierung, den Ausgleich von Nachteilen oder eine "Vereinheitlichung" von unterschiedlichen Voraussetzungen. Ein wichtiges Ziel ist auch, die Vielfalt der Lernenden als wichtige Ressource anzuerkennen und zu bewahren.

Maßnahmen

Keine Lehr- bzw. Lernmethode eignet sich für alle Stoffe und alle Lernenden gleichermaßen. Mit E-Learning wurde zunächst die Hoffnung verbunden, durch adaptive Lernsysteme Möglichkeiten zur Anpassung der Lernumgebung bzw. Lernmaterialien an die Bedürfnisse der jeweiligen Nutzenden zu schaffen. Die bisherigen Erfahrungen zeigen jedoch, dass dies eher kritisch einzuschätzen ist: Die Zahl der Variablen sei zu hoch, als dass diese wirklich erfasst werden könnten und die Passung von Lernmethoden und Lernstilen entbehre "einer vernünftigen Grundlage" (Schulmeister, 2004, 141).

Eine Alternative dazu sind interaktive Lernumgebungen, die keinen bestimmten methodischen Stil erzwingen, sondern dem Lernenden hohe Freiheitsgrade einräumen. Dafür bieten sich auch Web 2.0-Technologien an. So bieten etwa Wikis die Möglichkeit, unterschiedliche Stärken von Lernenden zu unterstützen. Denn in einem Wiki ist es nicht nur möglich zu sehen, wer einen Beitrag verfasst hat, auch sonst "unsichtbare" Tätigkeiten, wie die Korrektur oder Bearbeitung bestehender Beiträge oder die Koordination der Zusammenarbeit in einer Gruppe, können über die Versionsgeschichte erkennbar gemacht werden (Wiesner, 2008).

Allgemein können bei der Planung von E-Learning-Angeboten, wie Studienaufgaben oder Lernszenarien, einige Aspekte beachtet werden, um die Diversität der Lernenden zu berücksichtigen (weiterführende Hinweise und Links auf die Leitfäden, die den folgenden Vorschlägen zugrunde liegen, finden Sie am Ende dieser Seite). Gender- und Diversitätsaspekte sollten außerdem auch im Qualitätsmanagement und bei der Evaluation von E-Learning-Angeboten berücksichtigt werden:

Genderspezifisches Lernverhalten:

  • Untersuchungen haben gezeigt, dass Männer eher experimentell, spielerisch und lösungsorientiert vorgehen, Frauen arbeiten dagegen eher planerisch, mit Bezug auf den Gesamtkontext und setzen Werkzeuge stärker zielgerichtet ein.
  • Frauen nutzen in Hypertexten eher eine freie Navigation, während Männer hierarchische Navigationssysteme bevorzugen. Dies sollte bei der Auswahl von Software sowie der Gestaltung von Inhalten und Materialien berücksichtigt werden.
  • Kursbetreuer können solche geschlechterspezifischen Nutzungsverhalten thematisieren, Diskussionen darüber anregen und eine kritische (Selbst-)Reflexion fördern. Hilfreich ist es, wenn – auch im Bereich der technischen Unterstützung – dazu weibliche und männliche Betreuungspersonen zur Verfügung stehen.

Geschlechts- und diversitätssensible Aufbereitung von multimedialen Lernmaterialien:

  • Stereotype sollten vermieden werden, Fallbeispiele sollten unterschiedliche Lebenskontexte berücksichtigen. Vorbilder sollten sowohl die unterschiedlichen Geschlechter als auch Altersstufen, soziale und kulturelle Herkunft etc. widerspiegeln.
  • In Audiobeiträgen sollten Männer- und Frauenstimmen verwendet werden, auf statischen und bewegten Bildern sollte ein ausgewogenes Verhältnis unterschiedlicher Personen gegeben sein (z.B. auch Männer als "dekorative" Elemente und Frauen in Videos, da die Aktivität und Dynamik von Personen in Videos positiver bewertet werden als die in statischen Bildern).
  • Angebote sollten immer barrierefrei nutzbar sein.

Nicht-diskriminierender, gender- und diversitygerechter Sprachgebrauch:

  • Die Nutzung ausschließlich männlicher Formen sollte vermieden werden, da hierdurch weniger Frauen als Männer assoziiert werden. Neutrale Formen ("Studierende", "Lehrende" usw.) sind geeigneter.
  • Formulierungen und Generalisierungen sollten keine negativen Bewertungen enthalten, wie etwa Behinderungen als Außenseiterperspektive oder Alter als gesellschaftliches Problem. Repräsentationen von Personen können in den von ihnen bevorzugten Bezeichnungen verwendet werden, z.B. Menschen mit Assistenzbedarf, Muslim und Muslimin etc.

Methoden, Kommunikationsformen und Support:

  • Die zeitliche und inhaltliche Struktur von Kursen sollte transparent und übersichtlich gestaltet sein und eine gute Anfangsorientierung bieten.
  • Supportangebote sollten auf unterschiedliche Lebensumstände und Bedürfnisse der Nutzenden abgestimmt werden (etwa berufstätige Studierende, Eltern usw.).
  • E-Learning ermöglicht bei unterschiedlichen technischen und inhaltlichen Kenntnisständen der Lernenden eine stärkere Individualisierung. So kann bei der Wahl von Methoden und Kommunikationsformen auf Stärkenorientierung, Eigenverantwortung sowie Abwechslung und Vielfalt geachtet werden. Beispielsweise bevorzugen Frauen eher Aufgabentypen mit frei zu formulierendem Text und Kooperationsaufgaben, Männer geben lieber konkrete Ergebniswerte ein und bearbeiten Aufgaben im Wettbewerb mit Anderen (Jelitto 2004, 13-15).
  • Hinsichtlich der eingesetzten Kommunikationswerkzeuge und -regeln sollten die individuellen Kompetenzen und Ressourcen der Lernenden berücksichtigt werden.
  • Unterschiedliche Diskussionsstile sollten berücksichtigt bzw. bewusst gemacht werden. So sind Beiträge von Männern oft sachorientierter und länger, Frauen argumentieren eher kommunikationsorientiert und nehmen die eigene Person zurück. Auch Personen aus anderen Kulturkreisen können spezifische Kommunikationsstile haben. So sollte bei Gruppenarbeiten geplant werden, ob möglichst gemischte Gruppen gebildet werden oder ob ggf. homogene Gruppen lernförderlich sein können (Jelitto 2004, 15).

Berücksichtung von Gender Mainstreaming und Diversität als bleibende Anforderung

Auch wenn sich in der Internetnutzung eine sukzessive Angleichung zwischen den Geschlechtern abzeichnet, bleibt es eine dauerhafte Aufgabe bei der Konzeption und Durchführung von Bildungsangeboten, Aspekte des Gender Mainstreaming zu berücksichtigen: Alle Maßnahmen und Programme sollten auf ihre potentielle Wirkung für beide Geschlechter überprüft und so realisiert werden, dass sie zur gleichen Teilhabe beitragen. Gleiches gilt für die Diversität der Lernenden, deren Vielfalt in Bezug auf unterschiedlichste Merkmale erkannt und berücksichtigt sowie in ihrer Heterogenität anerkannt und erhalten werden sollte.

Weitere Informationen:

  • Einen Praxisleitfaden mit konkreten Tipps für die Umsetzung von Gender Mainstreaming im Bereich E-Learning brachte 2009 die Stabsstelle Gender & Diversity Management der FH Campus Wien heraus. Die Broschüre "Impulse zu Gender und Diversity im e-Learning" ist kostenlos abrufbar.
  • Unsere Partnerhochschule Universität Duisburg-Essen bietet auf ihrem Gender-Portal vielseitige Informationen zum Thema digitales Gender Mainstreaming: Hier finden Sie u.a. Praxisbeispiele, Erfahrungsberichte und eine ausführliche Literaturliste zum Thema Gender und E-Learning.
  • Im Rahmen des Programms "Neue Medien in der Bildung – Förderbereich Hochschule" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) lief 2003 das Kooperationsprojekt "Gender Mainstreaming–Medial (GM)" an den Universitäten Dortmund und Bremen. Eine gekürzte und überarbeitete Fassung des Abschlussberichts ist online verfügbar ( Teil I & Teil II ).
  • Informationen zu dem von Stifterverband und CHE Consult seit 2010 geförderten Hochschul-Förderprogramm "Ungleich besser! Verschiedenheit als Chance" finden sie hier.
  • Grundsätzliche Informationen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) zum Thema Gender Mainstreaming finden sich hier.
Letzte Änderung: 01.07.2015
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