Rezension zu „Die digitale Bildungsrevolution“

In der jüngst erschienenen Publikation „Die digitale Bildungsrevolution“ leiten Jörg Dräger und Ralph Müller Eiselt aus einem internationalen Überblick über aktuelle Projekte und Trends Forderungen für die Entwicklung in Deutschland ab. Dr. Burkhard Lehmann, Geschäftsführer des Zentrums für Fernstudien und universitäre Weiterbildung (ZFHW) der Universität Koblenz-Landau, hat es für e-teaching.org gelesen.
456.png

Jörg Dräger & Ralph Müller-Eiselt: Die digitale Bildungsrevolution. Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2015

Rezension von Dr. Burkhard Lehmann, Geschäftsführer des Zentrums für Fernstudien und universitäre Weiterbildung (ZFHW) der Universität Koblenz-Landau

Bei dem von Dräger und Müller-Eiselt vorgelegten Buch handelt es sich um eine wissenschaftsjournalistische Arbeit, die eine leicht eingängige und durchaus kurzweilige Lektüre bietet. Profundes fachliches Vorwissen benötigt man zum Verständnis nicht. Auf rund 240 Seiten entfalten die Autoren ihre These, dass die Digitalisierung, die inzwischen fast alle Nischen des gesellschaftlichen Lebens durchdrungen hat, sich dazu eignet, den gesamten Bildungsbereich grundlegend umzugestalten. Es wird nicht mehr oder weniger behauptet als dies: Was den unzähligen Reformern bisher nicht oder nur unzureichend gelungen ist, können prinzipiell digitale Technologien und die auf sie gestützten Praktiken schaffen, nämlich die Lösung fast aller drängender Bildungsprobleme. Die Welt des binären Codes, Algorithmen, Daten, Netzwerke oder Computerleistungen machen nach Überzeugung der Autoren inzwischen einen nahezu unbegrenzten Zugang zur Bildung und deren Demokratisierung möglich.

Gerade die unter dem Namen „MOOCs“ bekannt gewordenen Massenkurse, die eine Form von „Video based education“ sind, demonstrieren aus Sicht von Dräger und Müller-Eiselt, wie die weithin verschlossenen Tore der Elitebildungseinrichtungen weit aufgestoßen werden können und damit Bildung für alle, und zwar unabhängig von Einkommen und Schichtzugehörigkeit, möglich wird. Bildungstechnologie bietet nach Auffassung der Autoren aber noch mehr: Sie führt das Potenzial mit sich, das Lernen im Gleichschritt durch eine Individualisierung zu ersetzen. Softwareprogramme übernehmen die Funktion, die Lehrinhalte und Lektionen an die jeweiligen Lernstände und Bildungsbedürfnisse der Lernenden anzupassen. Selbst die Steigerung und Aufrechterhaltung der Lernmotivation liegt im Ermöglichungsbereich digitaler Technologien. Mit Konzepten wie „Game Based Learning“, die an der Welt der Computerspiele anknüpfen, lässt sich Lernen in ein fesselndes Abenteuer verwandeln, von dem heutiger Unterricht zumeist weit entfernt ist.

Das alles überragende Werkzeug der neuen Bildungswelt heißt allerdings „Big Data“. Die massenhafte Erhebung und Auswertung von elektronisch erzeugten Daten, vor allem durch die Bewegungen im Internet, bilden geradezu eine Art von „Schweizer Offiziersmesser“ der Bildungsproblemlösung. Daten ermöglichen den Abgleich von Wissen und NichtWissen, von Fähigkeiten und Bildungslücken; sie ermöglichen die Berechnung von Lernpfaden oder das Matching von Qualifikations- mit Stellenprofilen. Sogar die Prognostik des Bildungserfolgs wird digital möglich. Schließlich hilft Vernetzung, als eine Art von universalem Zusatztool, der Bildungsrevolution den Weg zu bereiten.

Dräger und Müller-Eiselt ist es durchaus bewusst, dass die heute bereits vielfach praktizierte Datensammelleidenschaft, die sich hinter einem Etikett wie „Big Data“ verbirgt, zum gläsernen Bürger führt oder führen kann, wenn ihr nicht Grenzen gesetzt und Einhalt geboten wird. Insofern warnen die Autoren durchaus auch vor den Gefahren, die mit der Digitalisierung verbunden sind. Blauäugigkeit kann man ihnen bei allem Enthusiasmus, den sie dem Digitalen gegenüber zum Ausdruck bringen, nicht vorhalten. Grenzsetzungen und Regulationshilfen versprechen sie sich vom Gesetzgeber. An ihn appellieren sie, Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass jeder Bürger selbstbestimmt über seine Daten verfügen kann.

Die ausgelobte Revolution, so scheint es jedenfalls, ist möglich, kommt offenbar aber nicht von allein. Vermutlich schließt deshalb das Buch mit einem zehn Punkte umfassenden Aktionsplan. Er beinhaltet u.a. die Forderung nach mehr Medienkompetenz, ein schnelles WLAN, die Bereitstellung digitalisierter Lerninhalte oder den Abbau bürokratischer Hürden.

Die Stärke des Buches besteht ganz zweifellos darin, dass es nicht von fiktionalen Vorstellungen ausgeht, sondern seine Thesen an real existierenden Beispielen der Digitalisierung entwickelt und demonstriert, von denen sich die Autoren haben inspirieren lassen.

Das Buch verbreitet ausgeprägten Optimismus. Dennoch ist gegenüber den aufgestellten Thesen auch eine gehörige Portion von Skepsis angebracht. Ein geradezu trivialer Einwand besteht darin, dass das als Demokratisierung gefeierte „Harvard für alle“, sobald es in Kraft tritt, kein Harvard mehr ist, sondern nur noch ein Muster ohne Wert. Bildung, das zeigt sich an diesem Beispiel sehr deutlich, ist der zentrale Schlüssel zur Legitimation gesellschaftlicher Ungleichheit. Themenstellungen dieser Art lassen sich sicher nicht auf der Basis des Einsatzes von Technik bearbeiten, es sei denn um den Preis einer Sozialtechnologie. Der Eindruck, einem solchen Ansatz bei der Lektüre des Buches blindlings gefolgt zu sein, könnte das insgesamt positive Leseerlebnis erheblich trüben. Gerade deshalb sollte das Buch eine Pflichtlektüre für alle sein, die sich mit Themen der Bildung und hier insbesondere dem Einsatz digitaler Bildungsmedien beschäftigen. Ein Buch, das auch die angeht, die nicht zur eLearning-Community gehören. – Noch eine Schlussbemerkung: Die Chance, mit der Veröffentlichung des Buchs im Open Access-Format selbst ein revolutionäres Signal zur Öffnung des Bildungsmarkts zu setzen, haben die Wegweiser der „digitalen Bildungsrevolution“ leider verpasst … 

Die Rezension von Dr. Burkhard Lehmann wurde erstmals im e-teaching.org-Newsletter Nr. 38 veröffentlicht, der Ende Oktober 2015 erschien. 

Letzte Änderung: 10.11.2015
Druckansicht