Bildungsräume 2017 – ein Tagungsbericht aus der Perspektive eines Medienwissenschaftlers

Vom 05.-08.09. richteten die Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft (GMW) und die Fachgruppe E-Learning der Gesellschaft für Informatik (GI) zum fünften Mal eine gemeinsame Jahrestagung aus. Unter dem Motto „Bildungsräume“ thematisierte die trinationale Konferenz in Chemnitz die Frage, wie sich traditionelle Lehr-/Lernszenarien an Hochschulen durch die zunehmende Integration virtueller und „analoger“ räumlicher Lernsettings verändern und was solche Verschiebungen für die Vermittlung und Aneignung – und für das Verständnis – von Wissen und Bildung bedeuten.
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Ein Bericht von Dr. Michael Hellermann, Leibniz-Institut für Wissensmedien

In den 1960er Jahren nahm der Medientheoretiker Marshall McLuhan mit seinem Diktum von der Entstehung des globalen Dorfes gegenwärtige Prozesse medialer Vernetzung scheinbar prophetisch vorweg. Er prognostizierte die technische Verschmelzung sozialer Räume durch den flächendeckenden Ausbau medialer (damals noch elektronischer) Infrastrukturen. Dass der „reale“, geografische Raum aber auch in der heutigen Gegenwart – der damaligen Zukunft – seine Bedeutung keineswegs verloren hat, erlebten alle, die nicht aus der näheren sächsischen Umgebung nach Chemnitz anreisten und so ausreichend Gelegenheit hatten, sich über Unterschiede von physischen, virtuellen und sozialen Räumen Gedanken zu machen. Während der Tagung rückte die programmatische Beschäftigung mit dem „Ort“ des Lernens jene durch die Digitalisierung verstärkte Wahrnehmung für den Unterschied von Präsenz und Partizipation ins Blickfeld, der mediale Räume den physikalischen als Alternative menschlicher Begegnungsmöglichkeit gegenüberstellt und die Frage nach der sinnvollen Verschränkung beider aufwirft. Dabei fokussierte die Tagung insbesondere den Lernkontext als ein spezifisches, traditionell eben räumlich codiertes Bedingungsgefüge, in das Prozesse des Lernens stets eingebettet sind. Der Lernkontext zeigt sich, der Erfahrung der Anreise nicht ganz unähnlich, häufig als widerständig und wie im frei zugänglichen Tagungsband, aber auch schon andernorts betont, damit als durchaus forschungswürdig.

Bildungsraum: Implikationen einer Metapher

Die Metaphorik des Raumes mit ihrer Logik situativer Ein- und Ausgrenzung von Menschen, Objekten und Verhältnissen scheint in besonderem Maße geeignet, sehr unterschiedliche Faktoren zusammenzudenken: Lehrende und Lernende, Verwaltungen und Institutionen, digitale Medien und Anwendungen, didaktische Modelle, Fachdisziplinen und Gebäude. Geht es um den Einsatz digitaler Medien in der Hochschullehre, das machte die Tagung deutlich, bestätigt sich die in der Forschung häufig erhobene, aber selten verwirklichte Forderung nach Interdisziplinarität als unverzichtbarer Bestandteil der praktischen Arbeit – wie sie in den beiden Fachgesellschaften GMW und GI seit langem praktiziert wird. Ohne eine solche kontinuierliche, multiperspektivische und forschend begleitete Umsetzung droht Bildung mit digitalen Medien leicht zu einer wohlfeilen Forderung zu verkommen, die schnell wieder vergessen ist, sobald die letzten Reden aktueller Wahlkampfveranstaltungen verklungen sind.

Unterschiedliche Bewertungen, was erfolgreiche Lehre bedeutet, führen zu Verständigungsschwierigkeiten über den richtigen Weg

Die Kombination der informatiknahen GI und der eher mediendidaktisch orientierten GMW, deren Mitgliederzusammensetzung in sich selbst schon sehr uneinheitlich ausfällt, erwies sich als besonders geeignet, diese Vielfalt des „Feldes“ abzubilden. Die unterschiedlichen Sessions und Themen der Tagung machten eindrucksvoll die inhaltlichen Bandbreite des Themas digitale Lehre deutlich und führten vor Augen, welche unterschiedlichen Ebenen es bei der Gestaltung von Hochschullehre mit digitalen Medien zu berücksichtigen gilt – eine Vielfalt, die eben zunächst einmal als Herausforderung zu begreifen ist, wie Prof. Dr. Johannes Moskaliuk (Leibniz-Institut für Wissensmedien, Tübingen) notierte. So begann er seinen Beitrag mit der Bemerkung, dass bereits die differenten Vorverständnisse der beteiligten Akteure von „guter Lehre“ – zwischen pädagogisch-didaktischer, instruktionaler, konstruktivistischer und konnektivistischer Perspektive – zu ganz unterschiedlichen impliziten Maßstäbe für die Bewertung des Erfolgs von Lehre mit digitalen Medien führen können.

Der situative Kontext spielt eine große Rolle für den Erfolg eingesetzter digitaler Lehr- Lernelemente

Das Spektrum der Beiträge war dementsprechend groß. Es reichte von Überlegungen zur Konzeption eines Arbeitsraums an der TH Köln, der durch seine Einrichtung kreatives Denken unterstützen soll (Prof. Dr. Christian Kohls), der Vorstellung informatischer Systemarchitekturen mit ihren unterschiedlichen Bedingungen für die Skalierbarkeit von digitalen Bildungsangeboten bis hin zu begrifflichen Überlegungen zur Renaissance von raumbezogenen Metaphern, wie der des Labors – ein Ausdruck, der inzwischen, wie JProf. Dr. Mandy Schiefner und JProf. Dr. Sandra Hofhues in ihrem Beitrag kritisch anmerkten, zunehmend und zugleich oft unreflektiert genutzt wird. Den meisten Beiträgen gemeinsam war dabei eine verhältnismäßig praxisnahe Perspektive auf den Gegenstandsbereich mit informatischen, mediendidaktischen oder sozialpsychologischen Fragestellungen, die auf einzelne anwendungsrelevante Parameter der Gestaltung digitaler Lehre fokussierten. „Welche Wirkung haben welche Elemente in welchem Kontext“, fragte etwa Isabel Slawik von der LMU München, die sich kritisch mit der Möglichkeit einer Generalisierung von Gamification-Ansätzen im E-Learning beschäftigte. Die Ergebnisse der von ihr vorgestellten explorativen Studie bestätigten die These von der Kontextabhängigkeit von E-Learning-Maßnahmen. Gamification erzielt demnach nicht generell positive Effekte auf die Lernmotivation. Vielmehr hängt es von vielen einzelnen Aspekten wie etwa dem Verlauf eines Spiels ab, welche Wirkung ein Spiel im Lernkontext entfaltet. Nach Slawik ist die motivationale Wirkung von Wettbewerbsspielen eben nicht statisch, sondern kann in Demotivation umschlagen, etwa wenn für einzelne Spieler oder Teams absehbar wird, dass das Ziel des Spiels – der Sieg – ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr erreichbar ist.

Zunehmende Heterogenität in Lerngruppen mit neuen didaktischen Modellen in den Griff bekommen.

Überlegungen zur didaktischen Gestaltung von Lernprozessen unter Zuhilfenahme digitaler und analoger Medien stellte auch Prof. Dr. Wolfgang Golubski (HS Zwickau) vor. Sein gemeinsam mit seinen Kollegen Oliver Arnold und Prof. Dr. Frank Grimm entwickeltes Modell zur Optimierung der eigenen Lehrpraxis basiert auf der kritischen Beobachtung der eigenen Lehre und funktioniert nach dem Baukasten-Prinzip. Dabei werden Funktionalitäten verschiedener Medien definiert und ins Verhältnis zu unterschiedlichen Lehrszenarien gesetzt; übergreifendes Ziel ist es, jeweils passende Werkzeuge zu finden, um die zunehmende Heterogenität der Studierenden didaktisch in den Griff zu bekommen.

Anne Mock (FOM Hochschule) stellte grundlegende Überlegungen zu ihrem Dissertationsprojekt vor, in dem sie sich mit der Frage befasst, ob und wie in ortsverteilten Lerngruppen mithilfe digitaler Medien ein Gruppengefühl erzeugt werden kann. Diskutiert wurde dabei auch die Bedeutung von Group Awareness Tools für die Förderung eines Zusammengehörigkeitsgefühls, das unabhängig von raumbezogenen Identitätsmarkern funktioniert.

Denkräume erweitern sich durch die passgenaue Verknüpfung von Kognition und Medienhandeln.

Prozesse der Grenzverschiebung sind nicht nur kennzeichnend für aktuelle Entwicklungen in der Lehre, auf die etwa Maria Haas von der TU Graz hinwies, die Ergebnisse einer Studie des Hochschulforums Digitalisierung zur Verschmelzung von digitalen und analogen Lehr- und Lernformaten vorstellte. Sie werden auch in anderen „Raumzusammenhängen“ bedeutsam, wie der Kognitionspsychologe Prof. Dr. Friedrich W. Hesse, ehem. Direktor des Leibniz-Instituts für Wissensmedien (IWM), in seiner Keynote deutlich machte. Mit Einführung des Begriffs des „Denkraums“ schlug Hesse vor, die Metapher des Raumes nicht nur auf die Interpretation sozialer Phänomene, sondern auch das Verständnis kognitiver Prozesse anzuwenden. Dabei ging er der Frage nach, wie Mensch-Computer-Schnittstellen (HCI) gestaltet sein müssen, um Wissensressourcen intuitiv als externe Erweiterung des menschlichen Arbeitsgedächtnisses nutzbar zu machen. Angesichts des exponentiellen Wachstums des verfügbaren Wissens verwies Hesse auf die Notwendigkeit einer Entlastung des Arbeitsgedächtnissen. Großes Potenzial für technologiegestütztes Arbeiten sah Hesse in diesem Zusammenhang beispielsweise für den Einsatz von Multi-Touch-Tischen, die Gruppen einen visuellen Arbeitsraum zur kollaborativen Informationsverarbeitung anbieten. Weitere Keynotes hielten Martin Brause (Chief Digital Officer der Stadt Hamburg), Prof. Dr. Pierre Dillenbourg (École polytechnique fédérale de Lausanne), Prof. Dr. Antonio Krüger (DFKI) und Prof. Dr. Ruimin Shen (Shanghai Jiao Tong University, China). Die im Vorfeld der Tagung in den sozialen Netzwerken lebhaft geführte Diskussion darüber, dass alle fünf Keynotes (die übrigens durchweg interessant waren) von Männern gehalten wurden, wurde schließlich auch während der Mitgliederversammlung der GMW kritisch weitergeführt – hoffentlich mit Konsequenzen für die kommenden Veranstaltungen.

„Bildung hat sich durch Digitalisierung neu definiert“

„Es hat sich etwas verändert im Verhältnis von Informatik und klassischer Bildung“, stellte Prof. Dr. Guido Brunnett von der Fakultät für Informatik der TU Chemnitz zum Auftakt der Konferenz fest. „Bildung hat sich durch Digitalisierung neu definiert, digitale Medien werden zu Werkzeugen der räumlichen Expansion von Bildungseinrichtungen.“ Dass klassische institutionelle Bildungsorte durch den Auf- und Ausbau auch digitaler Bildungsangebote erheblich an Reichweite und Attraktivität gewinnen können, zeigte Martin Brause in seiner Keynote auf. Brause präsentierte das integrierte Digitalkonzept der Stadt Hamburg, das den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt den Zugang zu einer Vielzahl verschiedener digitaler Bildungsräume eröffnet. Ein übergeordnetes Ziel bei der Entwicklung ist es nach Brause, bestehende Bildungsräume wie Universitäten durch die Digitalisierung für neue Nutzerschichten zu öffnen. Deutlich wurde, dass Hamburg bei der Umsetzung neuer und ganzheitlicher Lösungen von seiner Sonderstellung als Stadtstaat profitiert, die den Verantwortlichen ganz andere Möglichkeiten der zentralen Steuerung an die Hand gibt, als sie Flächenländern zur Verfügung stehen. Diese Top-Down-Ansätze hätten allerdings auch ihre Schwierigkeiten, bemerkte Brause, da zentrale Lösungsangebote unter einem anderen Erfolgsdruck stünden und der Raum für Experimente stark eingeschränkt werde. Als größte verbleibende Hürde für den Erfolg digitaler Bildungsmaßnahmen in Hamburg benannte Brause das Problem der Qualifizierung der Lehrkräfte. Hier sah er insbesondere die Hochschulen in der Pflicht, für gut ausgebildeten Nachwuchs zu sorgen.

Staatsministerin Stange und der Ausrichter der Konferenz, Prof. Igel, fordern eigenen Digitalpakt Hochschullehre

Dass der Aufbau digitaler Lehrangebote keine Luxusproblem, sondern eine drängende Aufgabe unserer Zeit ist, betonte schließlich Dr. Eva-Maria Stange, Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst des Freistaates Sachsen. Stange verband große Hoffnungen für die Lösung des Problems der „Heterogenität“ mit dem Einsatz individualisierter digitaler Lernangebote. Hier sei auch der Staat in der Pflicht, entsprechende Investitionen zu tätigen. Stange warf kritisch die Frage auf, wieso die Hochschulen beim Digitalpakt nur am Rande vorkommen und unterstützte damit die Forderung nach einem eigenen Digitalpakt für die Hochschullehre, die zuvor schon der Ausrichter der Konferenz, Prof. Dr. Christoph Igel (Deutsches Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz/TU Chemnitz) in seiner Begrüßung formuliert hatte.

Innovative Veranstaltungsformate, welche die Verschmelzung von digitalen und analogen Bildungsräumen erfahrbar machen, blieben die Ausnahme

 Leider wurden die inhaltlich durchaus anregenden Beiträge der Tagung gerade in diesem Jahr (bis auf wenige Ausnahmen wie etwa der schließlich auch mit dem Best-Paper-Award der GMW ausgezeichnete Beitrag von Julian Dehne, Ulrike Lucke und Mandy Schiefner-Rohs) in der Regel in klassischen Frontal-Vorträgen präsentiert – was im übrigen auch der Gestaltung der Veranstaltungsräume vor Ort an der TU Chemnitz entsprach. Dabei war die Erprobung innovativer Veranstaltungsformate in den vergangenen Jahren geradezu ein Alleinstellungsmerkmal der GMW-Tagung und hätte in diesem Jahr erheblich dazu beigetragen, die Verschränkung von digitalen und Präsenz-Orten des Wissens(austauschs) auch konkret erfahrbar zu machen. So war in den vergangenen Jahren bereits mehrmals im Vorfeld der Konferenz nicht nur ein statisches PDF-Dokument des Tagungsbandes, sondern eine kommentierbare Fassung zur Verfügung gestellt worden, die es ermöglichte, auch Personen in die Diskussion einzubeziehen, die nicht vor Ort anwesend sein konnten. Zudem setzten sich allmählich auch Sessions im „Flipped Conference“-Format durch, in denen sich die Teilnehmenden inhaltlich bereits vorbereitet hatten und unmittelbar in die Diskussion einsteigen konnten. (Übrigens: Ob und wie sich der Tagungsband, aber auch die gesamte Buchreihe der GMW weiterentwickeln könnte, wird derzeit – ebenfalls auf virtuellem Weg – erfragt. An der Online-Umfrage können sich nicht nur GMW-Mitglieder, sondern auch alle weiteren Interessierten beteiligen. Und auch ein Positionspapier der GMW, das auf der Mitgliederversammlung während der Tagung als „Work in Progress“ vorgestellt wurde, kann in einem edupad online kommentiert werden.)

Zahlreiche Ehrungen würdigten das Engagement der Community

Bei allem inhaltlichen Input der Konferenz, die dieses Jahr mit den Bereichen Sport und Medizin zusätzlich auch zwei fachdisziplinäre Schwerpunkte anbot, gab es auch ausreichend Raum zum gegenseitigen Kennenlernen, Wiedersehen und Austauschen. Gute Gelegenheiten hierfür boten nicht nur die Postersessions und Demoveranstaltungen, sondern auch spontane abendlichen Treffen der Community etwa im Cafe Moskau und das gut besuchte Conferencedinner mit spektakulärem Rahmenprogramm in der Turmbrauerei. Bei dieser Gelegenheit wurden auch zahlreiche Auszeichnungen verliehen: Die Best Paper Awards gingen (für die DeLFI) an Henrik Bellhäuser, Johannes Konert, René Röpke und Christoph Rensing und (für die GMW) an Julian Dehne, Ulrike Lucke und Mandy Schiefner-Rohs; die Publikumspreise erhielten Johannes Konert, René Röpke und Henrik Belllhäuser für ihren Beitrag „mod_groupformation: Moodle Plugin zur algorithmisch optimierten Lerngruppenbildung“ (Best Poster Award) sowie Nicole Labitzke, Anna Heym und Daniel Bayer für ihren Beitrag „Lehrideen Vernetzen – ein Kooperationsprojekt der Hochschule Mainz und Johannes Gutenberg-Universität Mainz“ (Best Demo Award). Außerdem wurden Laura Wartschinski für die beste Bachelorarbeit und Helena Jank für die beste Masterarbeit 2016 im E-Learning mit informatischen Schwerpunkt ausgezeichnet. Prof. Dr. Ulrike Lucke (Univ. Potsdam) und Dr. Christoph Rensing – beide auch Mitglieder im Leitungsgremium der Fachgruppe eLearning der GI – wurden als besonders verdiente GMW-Mitglieder mit dem Titel „GMW-Fellow“ geehrt.

Alle Tagungsbeiträge können in den beiden Tagungsbänden auch online nachgelesen werden:

  • Christoph Igel (Hrsg.) unter Mitarbeit von Maren Braubach (2017). Bildungsräume. Proceedings der 25. Jahrestagung der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft (GMW) 5. bis 8. September 2017 Chemnitz. (PDF).
  • Christoph Igel, Carsten Ullrich, Martin Wessner (Hrsg.). BILDUNGSRÄUME. DeLFI 2017. Die 15. e-Learning Fachtagung Informatik der Gesellschaft für Informatik e.V. (GI). 5. bis 8. September 2017 Chemnitz (PDF).
Letzte Änderung: 20.09.2017

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