„Basiskompetenzen Digitalisierung für Lehramtsstudierende“ – Einblick in das OER-Seminarkonzept des Niedersächsischen Verbundes zur Lehrerbildung

Als Reaktion auf die KMK-Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ (2017) haben sich die niedersächsischen lehrerbildenden Hochschulen Ende 2018 darauf geeinigt, Basiskompetenzen in den Bereichen Medienpädagogik, Informatik und Medienwissenschaft verbindlich in allen Lehramtsstudiengängen zu verankern. Im Interview berichtet Torben Mau, Koordinator des Entwicklungsprojektes „Basiskompetenzen Digitalisierung“, über die Erarbeitung und Bereitstellung von Materialien und Instrumenten zur Förderung digitaler Kompetenzen.

Das vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) finanzierte Entwicklungsprojekt ist an der Leibniz-Universität Hannover angesiedelt und wird von der Geschäftsstelle des Verbundes zur Lehrerbildung unterstützt. Weitere Informationen zum Projekt sowie der Link zur Homepage befinden sich am Ende des Interviews. Das Interview führte Mike Grauer.

Interview

Ich spreche heute mit Torben Mau, der als Projektkoordinator für die Homepage und das Material verantwortlich ist und im direkten Austausch mit den niedersächsischen lehrerbildenden Hochschulen steht. Herr Mau, welche Ziele verfolgt das Verbundprojekt?

Torben Mau: Das Projekt umfasst drei zentrale Bausteine: Erstens die Entwicklung eines digitalisierungsbezogenen Kompetenzrahmens für angehende Lehrkräfte durch ein interdisziplinäres sowie hochschul- und phasenübergreifendes Team aus Expertinnen und Experten. Zweitens eine Bestandsaufnahme von Good-Practice Lehrveranstaltungen der unterschiedlichen lehrerbildenden Standorte, die sich quer über Niedersachsen verteilen. Wir wollten uns einen Überblick darüber verschaffen, was an den lehrerbildenden Hochschulen Niedersachsens im Bereich der digitalen Bildung bereits getan wird, bevor wir ein eigenes Seminarkonzept entwickeln. Drittens ging und geht es innerhalb des Projekts um die Konzeptionierung, Durchführung und Dokumentation eines fächerübergreifenden Pilotseminars für das Lehramtsstudium, das auf den beiden anderen Arbeitspaketen aufbaut. Alle im Kontext des Seminars erstellten Materialien bereiten wir aktuell als Open Educational Ressources (OER) auf, sodass sie nachträglich weiter verwendet und bei Bedarf verändert werden können.

Das Seminar ist folglich die praktische Umsetzung des Kompetenzrahmens „Lehrkräftebildung in der digital vernetzten Welt“, das zukünftige Lehrkräfte auf das Unterrichten in einer digitalisierten Welt vorbereiten soll?

Torben Mau: Das Seminar ist unser Vorschlag, wie die Umsetzung in einem universitären Kontext aussehen kann. Obwohl es bereits diverse Kompetenzrahmen zur digitalen Bildung gibt, fehlen konkrete Angebote und Beispiele zur Förderung und Vermittlung digitalisierungsbezogener Kompetenzen. Somit zeigen wir zusätzlich zu unserem Kompetenzrahmen Möglichkeiten auf, welche Basiskompetenzen sich aus diesem destillieren lassen und in ein konkretes Lehr-Lernsetting übertragen werden können. Um die vielfältigen Kompetenzbereiche anzusprechen ist es wichtig, sich von der tool- oder werkzeugbasierten Perspektive zu lösen und auch informatische sowie medienpädagogische Aspekte zu thematisieren und zu reflektieren. Außerdem geht es nicht nur um didaktische Szenarien im künftigen Unterricht, sondern auch um die digitale Professionalisierung des Lehrberufs per se.

Ein wesentlicher Faktor im Kontext des Projektes „Basiskompetenzen Digitalisierung“ ist Vernetzung. So wird im Seminar das Lernen in Netzwerken thematisiert und als möglicher Bestandteil in das Seminarkonzept integriert, indem z. B. durch selbstorgansierte Learning Circle vernetzt gelernt und Vernetzung erlernt werden kann. Auch methodisch wurde das Seminar so geplant, dass den Studierenden neue Wege zur Förderung von digitalen Kompetenzen von Lernenden nähergebracht werden: Bei der Seminarkonzeption und -durchführung wurde bzw. wird sowohl auf innovative und spannende Lehr- und Lernarrangements als auch auf die Expertise externer Referentinnen und Referenten zurückgegriffen.

Insgesamt besteht das Seminar aus 13 thematisch unterschiedlichen Sitzungen aus den Bereichen Medienpädagogik, Medienwissenschaft und Didaktik der Informatik bzw. informatische Bildung. Die Bezugsdisziplinen werden im Seminarkonzept dabei so thematisiert, dass sie auch für Studierende mit wenigen Vorerfahrungen ersichtlich werden und somit auch wirklich Basiskompetenzen darstellen.

Wie waren die ersten Erfahrungen mit dem Seminar?

Torben Mau: Die Pilotphase wurde aufgrund der Pandemie im Sommersemester 2020 parallel an den Standorten Göttingen und Hildesheim rein digital durchgeführt. In Göttingen wurde das Seminar in das Programm LehramtPluS integriert. Somit konnten Studierende aus Bachelor- und Masterstudiengängen das Seminar über ihre Schlüsselqualifikationen belegen. In Hildesheim war das Seminar ein Angebot aus dem Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie im Unterricht und stellte somit ein Wahlpflichtfach im Lehramtsbachelor dar. Somit war es zum einen möglich, die externen Referentinnen und Referenten direkt für zwei Kurse zu gewinnen; zum anderen konnten sich die Studierenden der beiden Universitäten in der Projektphase, die in den Seminarsitzungen 9-12 stattgefunden hat, austauschen und vernetzen.

Welche organisatorischen Herausforderungen zeigen sich bei der Konzeption und Umsetzung des Seminars?

Torben Mau: Die größte Herausforderung war und ist sicherlich, das komplexe und vielschichtige Thema der Digitalisierung auf ein Seminar zu reduzieren, ohne die einzelnen Fachwissenschaften zu vernachlässigen und den Studierenden trotzdem einen sinnvollen Einstieg in das Thema zu ermöglichen, der ihnen auch mit Blick auf ihren späteren Unterricht hilft. Des Weiteren war von Beginn an geplant, das Material als OER (Open Educational Resources) aufzubereiten und zur späteren Verwendung durch andere bereitzustellen. Deshalb muss das Material für andere Dozierende handhabbar sein und auch in seinen Einzelteilen funktionieren – Lehrende sollen sich bei Bedarf einzelne Sitzungen oder Blöcke (vgl. Abb. 1) entnehmen und verwerten können, ohne das gesamte Seminar durchführen zu müssen.

Daraus folgte die Idee, das Seminar in vier Bereiche zu gliedern, die sowohl einzeln als auch – wie in unserem Fall – konsekutiv durchgeführt werden können: Die ersten drei Sitzungen dienen der Orientierung. Nach einer obligatorischen Einführungssitzung geht es in der zweiten Sitzung um das lebenslange Lernen in Form eines persönlichen Lernnetzwerks (PLN). Hier können sich interessierte Studierende für einen Learning-Circle eintragen, der das Seminar das gesamte Semester begleitet und in dem die Studierenden in Kleingruppen nach dem Working Out Loud-Konzept von John Stepper ihr eigenes PLN aufbauen. In der dritten Sitzung behandelt die Gastreferentin Anja C. Wagner die digitale Transformation im gesellschaftlichen Kontext, um die Makroebene der Transformationsprozesse zu beleuchten. In den vier folgenden Sitzungen wird den Studierenden auf Basis der Materialien des Projekts IT2School der Wissensfabrik e.V. in Kooperation mit der Universität Oldenburg informatisches Wissen vermittelt. Dies ist der zweite Bereich des Seminars. Der dritte Bereich besteht aus einer Sitzung, in der die Studierenden eine medienwissenschaftliche Perspektive einnehmen. Zentral ist hierbei die Förderung der Reflexionskompetenz, die auch in unserem Kompetenzmodell als Metakompetenz für alle anderen Kompetenzbereiche relevant ist. Unter der Leitung des zweiten Gastreferenten Andreas Weich reflektieren die Studierenden ihren eigenen Medienbegriff, lernen grundlegende medienwissenschaftliche Thesen kennen und wenden das Medienkonstellationsmodell als Analyseraster an. Im vierten und letzten Bereich begeben sich die Studierenden in ein medienpädagogisches Projekt. Auf Basis der Methode des problembasierten Lernens haben die Lehramtsstudierenden in den Sitzungen 09-12 die Aufgabe, eine fiktive 90-minütige Unterrichtsstunde zu einem medienpädagogischen Thema zu entwerfen. Dieses Konzept entwickelten wir gemeinsam mit der Oldenburger Dozentin Joana Kompa, die mit ihren Lehramtsstudierenden zeitgleich ein medienpädagogisches Projekt durchführte. Die 13. und abschließende inhaltliche Sitzung des Seminars wird dem ersten Bereich der Orientierung zugeordnet. Christian Schlöndorf, Leiter der Fachbereichs Medienbildung des NLQ (Niedersächsisches Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung) gibt zum Thema „Schulentwicklung“ einen Einblick in schulische Medienbildungskonzepte, den Digitalpakt Schule, die Medienbildung im NLQ und das Netzwerk Medienberatung.

Seminarkonzept Basiskompetenzen Digitalisierung
Abbildung 1: Seminarkonzept „Basiskompetenzen Digitalisierung“

 

Die Studierenden durften sich also in der Entwicklung einer eigenen Unterrichtseinheit erproben und somit das Erlernte direkt anwenden?

Torben Mau: Hierzu fanden sich die Studierenden in den Sitzungen zur Medienpädagogik in Kleingruppen zusammen und durften ein Konzept für eine 90-minütige Lehr-Lernveranstaltung erstellen. In der ersten Woche erhielt jede Gruppe ein Thema – etwa Cybermobbing, Soziale Netzwerke oder OER-Produktion – und die Aufgabe, Inhalte des jeweiligen Themas zu recherchieren. Darüber hinaus sollten Bezüge zu den Kompetenzen der KMK-Standards sowie zum DigCompEdu hergestellt werden. Den Abschluss der ersten Woche bildete die erste grobe Formulierung von Lernzielen für die geplante Sitzung. In der zweiten Woche erfolgte die Erstellung eines Lehr-Lernkonzeptes basierend auf dem ABC-Workshop-Format. ABC steht hierbei für arena blended connected curriculum design und der Workshop ist eine pädagogische Strategie zur Gestaltung von Lernaktivitäten im sogenannten Sprintdesign, um gemeinsam über Lernformen zu diskutieren und zu reflektieren. Im Anschluss erfolgte eine Umsetzung des pädagogischen Formats in ein Lernmanagementsystem (LMS) wie ILIAS, Stud.IP oder Moodle, um sich innerhalb der Gruppen praxisnah anzuschauen, welche Chancen und Hürden die Umsetzung in einem LMS offenbart. In der letzten Projektwoche erstellten die Studierenden ein Erklärvideo, in dem sie ihr Konzept sowie die Recherche vorstellten und die Erarbeitung und Umsetzung reflektierten. Während der gesamten Phase behielten die Studierenden – genau wie wir bei der Erstellung des Seminars – eine etwaige Veröffentlichung und Nutzung durch andere im Blick.

In welcher Form wird das Seminar bereitgestellt und wie können Lehrende das Seminar verwenden?

Torben Mau: Die Lehrveranstaltung ist als flipped classroom konzipiert, sodass ein Großteil der Lerninhalte eigenständig von den Lernenden erarbeitet wird und die Seminarzeit dazu genutzt wird, um Inhalte anzuwenden, zu vertiefen oder zu diskutieren. Den Verbundhochschulen und allen weiteren Interessierten werden das Lehrkonzept und die zugehörigen Materialien in Form eines Baukastensystems zur Verfügung gestellt. Damit sollen standortspezifische Anpassungen und die Integration des Lehrkonzepts bzw. der damit geförderten Kompetenzen – entweder additiv oder integrativ – in das Regelstudium aller niedersächsischen Lehramtsstudiengänge ermöglicht werden. Das Verbundprojekt zielt in Verbindung mit den vielfältigen Digitalisierungsprojekten der beteiligten Hochschulen darauf ab, ein abgestimmtes Kompetenzkonzept im Bereich Bildung und Digitalisierung in Niedersachsen anzustoßen.

Um eine Anlaufstelle für offene Bildungsmaterialien anbieten zu können, hat das MWK mit der Technischen Informationsbibliothek (TIB) einen etablierten Partner gefunden, um das niedersächsische OER-Portal zu entwickeln. In dieses Portal soll auch das gesamte Seminarkonzept integriert werden. Darüber hinaus haben wir aus eigener Initiative eine Website erstellt, in dem das Seminar, die OER-Sammlung und unser OER-Workflow vorgestellt werden. Geplant ist, die Website mit Ende der Projektlaufzeit Mitte 2021 fertigzustellen. In der OER-Sammlung haben Interessierte dann vollumfänglichen Zugriff auf das Material zur Anpassung und Durchführung des Seminars. Außerdem findet sich dort unser Kompetenzmodell Lehrkräftebildung in der digital vernetzten Welt (vgl. Abb. 2), das die Grundlage für das Seminar darstellt. Dort lässt sich nachvollziehen, welche Kompetenzbereiche in den jeweiligen Sitzungen avisiert werden und wie das Kompetenzmodell zu verstehen ist. Mit der Website und unserem Projektvorhaben möchten wir ein Angebot schaffen, um die Expertise zu den vielfältigen Perspektiven von Digitalisierung und Bildung standortübergreifend zu vernetzen und einen produktiven Austausch zu ermöglichen. Außerdem soll der Kompetenzrahmen auch über die Projetklaufzeit hinaus eine Orientierungshilfe für die Curriculumentwicklung in der Lehrkräftebildung bieten und dabei helfen, bestehende Lehrangebote im Hinblick auf die Förderung von digitalisierungsbezogenen Kompetenzen von Lehrkräften zu analysieren.

Bildbeschreibung (1 - 3 Wörter)
Abb. 2: Kompetenzrahmen „Lehrkräftebildung in der digital vernetzten Welt“


Zur Seminar-Webseite: https://lehrerbildung.github.io
Weitere Informationen zum Verbundprojekt: https://kurzelinks.de/bkd

Zum Kompetenzrahmen (erscheint voraussichtlich Mitte 2021):

Mau, T., Diethelm, I., Friedrichs-Liesenkötter, H., Schlöndorf, C., Weich, A. (in Druck): Lehrkräftebildung in der digital vernetzten Welt. Ein interdisziplinärer Kompetenzrahmen für (angehende) Lehrkräfte und dessen Umsetzung in einem Pilotseminar. In: R. Knackstedt, J. Sander, J. Kolomitchouk (Hrsg.): Kompetenzmodelle für den Digitalen Wandel.

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