Hybride Lernräume für die HAW Hamburg – die 5 Top Learnings

An der HAW Hamburg werden neue, hybride Lernraumkonzepte entwickelt und in sogenannten Experimentierräumen prototypisch umgesetzt. Katrin Schillinger, Projektmanagerin im fakultätsübergreifenden Projekt „Hybride Lernräume“ berichtet in diesem Erfahrungsbericht über die Lernraumentwicklung an der HAW Hamburg und schildert die wichtigsten Erkenntnisse, die sie aus dem Gestaltungsprozess mitnimmt.

Die HAW Hamburg greift mit dem fakultätsübergreifenden Digitalisierungsprojekt Hybride Lernräume den Bedarf zur Neugestaltung von Lehr- und Lernräumen an der Hochschule auf, wobei die Lernprozesse und die Lernumgebungen der Studierenden im Fokus stehen. Bei der Entwicklung neuer Konzepte für Lehr- und Lernräume baut das Projekt auf Ergebnissen der Lernraumforschung und -entwicklung auf, berücksichtigt aber ebenso veränderte didaktische Formate („Shift from Teaching to Learning“) sowie die Erfahrungen der Corona-Pandemie und damit verbundene digitale Entwicklungen. Katrin Schillinger, Projektmanagerin und zuvor Referentin für Lernraumentwicklung an der HAW Hamburg, gibt im folgenden Text Einblick in ihre Erfahrungen mit der Entwicklung hybrider Lernräume im Rahmen des Projekts.

In diesem Erfahrungsbericht geht es um die 5 Top Learnings für Hybride Lernräume an der HAW Hamburg. In dem gleichnamigen Digitalisierungsprojekt verfolgen wir ein prototypisches Vorgehen und die anschließende Umsetzung in ausgewählten Experimentierräumen. Um die Ergebnisse des Projekts nachhaltig für künftige Lernrauminitiativen zu öffnen, wird eine Dokumentation in Form eines „HAW Hamburg-Lernraum-Toolkit“ initiiert. Dieses dient zur Illustration der Lernraumtypen, der Lernraumaktivitäten und Technologien. Auch die mit den Lernraumaktivitäten verbundenen Prozesse werden beispielhaft dokumentiert. Das Toolkit richtet sich an Lehrende, Studierende und die Akteure und Akteurinnen der HAW Hamburg, die sich mit Fragen der (hybriden) Lernraumentwicklung beschäftigen.

Seit über drei Jahren bin ich an der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg tätig. Darüber hinaus arbeite ich freiberuflich als Organisationsentwicklerin und Beraterin für digitale Transformation. Ich besitze also die Innensicht, wie eine Hochschule „tickt“ und erhalte mir gleichzeitig den Blick von außen. Beide Tätigkeitsfelder beeinflussen und ergänzen sich und lassen sich nicht strikt voneinander trennen. Die Autoethnografie erschien mir in dieser Doppelrolle eine passende Form, um hier zu teilen, was ich gelernt habe. Im Bereich der qualitativen Methoden ist die Autoethnografie in Deutschland noch recht unbekannt. 2019 ordnete Gabi Reinmann diesen Ansatz in einer Publikation innerhalb der Hochschullehre ein und beschrieb Einsatzmöglichkeiten und Potenzial.

Jedes der im Folgenden dargestellten Learnings besteht aus einer Gegenüberstellung von zwei Begriffen bzw. Aussagen. Diese sind durch ein Größer-Zeichen (>) miteinander verbunden. Diese Darstellungs- und Denkweise basiert auf meinem agilen Hintergrund (Stichwort: agile Werte). Das erste Learning lautet zum Beispiel: Prozess > Tools. Damit will ich nicht behaupten, dass Tools nicht wichtig sind. Mein Learning ist vielmehr in diesem Fall, dass es noch mehr Prozessgestaltung als Tools bedarf.

Learning 1: Prozess > Tools

Erfahrungsgemäß ist der Drang bei der Entwicklung hybrider Lernräume groß, sich auf die neuesten Tools zu stürzen und sich erst einmal darauf zu konzentrieren. Auch ich kenne das Gefühl, ich müsste unbedingt auf dem Laufenden bleiben, um Aussagen zu den unterschiedlichen Tools treffen zu können. Mir fiel dabei allerdings auf, dass ein Aspekt oft unterschätzt und wenig beachtet wird: die Prozessgestaltung.

Hybride Lernräume katapultieren uns schnell in ein hohes Maß an Komplexität. Dies verführt dazu, sich gleich von Anfang an mit konkreten Fragen der Ausstattung zu beschäftigen (z. B. technisches Equipment, Wand- und Bodenfarbe, Art der Tische etc.). An der HAW Hamburg sprechen wir in diesem Kontext häufig von der „Einkaufsliste“. Mit Wissen um diese Tendenz haben wir einen Prototyp der Prozessgestaltung entwickelt, den wir bereits bei der Entwicklung einer Experimentierfläche erfolgreich erprobt haben (siehe Learning 5). Auch bei weiteren Lernraumprojekten arbeiten wir damit. Der nächste Schritt wird sein, diese Prozessgestaltung als Standard an unserer Hochschule zu etablieren.

Bei diesem Vorgehen sind drei Fragen bezüglich der zukünftigen Räume zu beantworten (Was? Wie? Wozu?). Die methodische Konzeption orientiert sich dabei an dem so genannten Golden Circle (Sinek, 2011). Die folgende Abbildung illustriert, dass die Nutzung sowie die Lernaktivitäten die Grundlage bilden und damit den inneren Kreis der Raumidentität - die Raumausstattung inkl. Tools - bestimmen (und nicht umgekehrt).

Modell der Prototyp Prozessgestaltung bei hybriden Lernräumen
Prototyp Prozessgestaltung bei hybriden Lernräumen

Learning 2: Dynamisches Hybrid-Verständnis > Statisches Hybrid-Verständnis

Dieses Learning kann ich mit einem Satz zusammenfassen: Es gibt nicht die EINE Begriffsdefinition für hybrid. Das hier zu schreiben ist immer noch schwierig für mich, da ich persönlich Wert darauf lege, mit klaren Begriffen zu arbeiten. Als wir mit unseren Vorhaben zu hybriden Lernräumen anfingen, haben wir, wie vermutlich viele von Ihnen auch, ausgiebig recherchiert und Gespräche mit Expertinnen und Experten geführt. Die Erkenntnis blieb und festigte sich vielmehr. Wir machten aus der Not eine Tugend und haben für uns festgelegt, dass wir einem dynamischen Hybrid-Verständnis folgen. Es geht uns um die Vermittlung von Fach-, Digital- und Methodenkompetenzen und die Offenheit zum gemeinsamen Erfinden, Ausprobieren und anschließender Evaluation unseres bisherigen Hybrid-Verständnisses. Dieser Blogbeitrag von Gabi Reinmann aus dem November 2021 gibt uns bei diesem Vorgehen weiteren Rückenwind. 

Hilfreich ist für uns in diesem Kontext auch der didaktische Schieberegler, den Axel Krommer basierend auf einem gemeinsamen Impulspapier mit Philippe Wampfler und Wanda Klee in seinem Blog erläutert. Dieser stellt verschiedene Pole didaktischer Handlungsweisen gegenüber, wie z. B. Vertrauen und Freiheit versus Kontrolle und Struktur, Asynchron versus Synchron, Offene Projektarbeit versus kleinschrittige Übungen, Peerfeedback versus Feedback durch Lehrende. Hybrides Lernen zu ermöglichen, bedeutet demnach, die Schieberegler des „didaktischen Equalizers“ dynamisch und je nach Kontext (pädagogische, technische und infrastrukturelle Rahmenbedingungen) auszuloten und einzustellen. Auch hier hilft ein experimentelles Vorgehen, um über Erfahrungswerte die „Mischung“ zu finden, die zum jeweiligen Kontext und den Lernaktivitäten (siehe Learning 1) passt.

Learning 3: Augenhöhe > Hierarchie

Seit Oktober 2020 haben wir an der Fakultät Wirtschaft und Soziales eine AG Raum und Didaktik, um die fakultätsinternen Entwicklungen rund um hybride Lernräume partizipativ zu begleiten und zu gestalten. Einer der fünf Werte, auf die wir uns verständigt haben, lautet Augenhöhe. Konkret: Lehrende und Studierende agieren miteinander und gemeinsam.

Die Teilnahme verläuft einladungsbasiert, d. h. wir bieten ein offenes Format ohne Zwang, bei dem jede und jeder sich einbringen kann. Verbunden damit war die Intension, die vorhandenen Hierarchien an der HAW Hamburg abzulegen, sobald wir uns als AG Raum und Didaktik treffen. Ich habe gelernt, dass durch solch ein Vorgehen viel Dankbarkeit entsteht, wenn wir allen Beteiligten einen Raum zum Austausch auf Augenhöhe geben. Und es ist schön zu sehen, dass dieses offene Format an unserer Hochschule funktioniert. Auch wenn wir im Vorfeld der einzelnen Termine nicht wussten, ob 5, 50 oder noch mehr Personen teilnehmen werden. Bislang variierten die Teilnehmerzahlen. Über die Zeit bildete sich ein fester Kern von 15-20 Personen, der sich aus Studierenden, Professorinnen und Professoren, wissenschaftlichen Mitarbeitenden, Supportmitarbeitenden und Dekanat zusammensetzt. Die Zusammenarbeit ist geprägt von viel Engagement, Offenheit und der Bereitschaft zum Dialog und Diskurs von allen Beteiligten. 

Aus dieser Erfahrung heraus wollte ich das Thema Augenhöhe auch über die AG Raum und Didaktik hinaus aufgreifen. So habe ich ein soziales Lernexperiment mit dem Titel „Vom Ich zum Wir: Campusentwicklung auf Augenhöhe“ entwickelt. Bei verschiedenen Anlässen haben wir an der HAW Hamburg bereits mit diversen Akteurinnen und Akteuren experimentiert und diskutiert, wie hybride Lernräume an der HAW Hamburg zu gestalten sind.

Learning 4: Skalierbarkeit > Einzellösung

Mit Interesse verfolge ich die Diskussion, wie es prinzipiell im Hochschulkontext gelingen kann, von einer projektbasierten zu einer nachhaltigen Arbeitsweise zu kommen. Alle unsere Impulse für hybride Lernräume an der HAW Hamburg erfolgen wie bereits erwähnt im Projektrahmen. Eine Besonderheit unseres Projektes „Hybride Lernräume“ ist die fakultätsübergreifende Förderung. Die drei Fakultäten unserer Hochschule – Design, Medien und Information (DMI), Technik und Informatik (TI) und Wirtschaft und Soziales (W&S) – haben sich für eine gemeinsame Finanzierung entschieden. Ich bin stolz darauf und lerne mit der Herausforderung umzugehen, drei Fakultäten mit unterschiedlichen Fachkulturen gerecht zu werden. Und auch innerhalb einer Fakultät höre ich oft die Aussage, dass die jeweilige Lernumgebung (Hörsaal, Seminarraum, Labor, studentischer Lernraum, informelle Fläche etc.) jeweils so speziell ist, dass es hier eine hybride Einzellösung braucht.

Diesen Wunsch verstehe ich und gleichzeitig hat mich die Frage bewegt, wie wir eine Skalierbarkeit im Sinne einer Nachhaltigkeit (bereits während der Projektlaufzeit) erreichen können. Inspiriert vom Cookbook Education Spaces der TU Delft haben wir eine sogenannte Lernraum Canvas entwickelt. Dieser Prototyp bietet eine strukturierte Übersicht für die Konzeptelemente des jeweiligen hybriden Settings bzw. Lernraums. Damit können Möglichkeiten der Übertragbarkeit bzw. Skalierung deutlich werden.

Die folgende Abbildung zeigt den grundsätzlichen Aufbau der Lernraum Canvas. Für jedes Feld haben wir 3-5 Leitfragen entwickelt. Durch die gezielte und intensive Auseinandersetzung mit den Fragen lässt sich klären, welche Elemente das jeweilige hybride Lehr-/Lernsetting auszeichnen. Weiterhin sind alle wesentlichen Informationen auf einen Blick vorhanden.

Prototyp Lernraum-Canvas als Strukturhilfe für hybride Lehr/Lernsettings
Prototyp Lernraum-Canvas als Strukturhilfe für hybride Lehr/Lernsettings (entwickelt auf Basis der openPM-Canvas)

Learning 5: Experimentierfreude > „So wie immer“

Im Wintersemester 2021/22 haben wir für die Fakultät Wirtschaft und Soziales das Konzept einer Experimentierfläche mit dem Namen „Große Freiheit – PC-Pools" erarbeitet. Diese ermöglicht und unterstützt als offene, flexible Fläche selbstständiges Lernen der Studierenden im Kontext von Lehre und Mediennutzung. Die Bedürfnisse der Studierenden stehen folglich im Mittelpunkt. Die nachfolgenden Bilder geben einen Einblick in die offene Fläche, die zuvor aus einzelnen Räumen auf einer Etage bestand. Die Fläche steht dabei in Verbindung mit bereits vorhandenen PC-Pools. Im gleichen Gebäude wird bereits eine neue Fläche auf einer anderen Etage konzipiert, die als Pendant dazu „Kleine Freiheit – Salon“ heißen wird.

Fotos der Experimentierfläche „Große Freiheit – PC-Pools“
Experimentierfläche „Große Freiheit – PC-Pools“

Bei der Zonierung in Einzel- und Gruppenaktivitäten ging es vor allem darum, fließende Übergänge und einen schnellen Wechsel von informellen und formalen Lehr-/Lernsettings zu ermöglichen. Der Austausch innerhalb der AG Raum und Didaktik und Studierenden-Befragungen haben diese Anforderungen deutlich gemacht. Hier zeigt sich unser ganzheitliches und dynamisches Verständnis von hybriden Lernräumen: Für uns geht es folglich nicht nur um die Verbindung von physisch und virtuell, sondern auch um die Verbindung von formellen und informellen Räumen und Flächen an der HAW Hamburg.

Unsere grundsätzliche Vorgehensweise folgt hier keinem linearen Prozess. Vielmehr durchlaufen wir mehrere Schleifen bzw. Iterationen im agilen Sinne: vom Inspirieren, über das Ideen generieren, Variieren bis hin zum Stabilisieren neuer Verhaltensweisen und Strukturen. Denn neue Raumstrukturen bieten die Chance neue Lern- und Lehrformen zu etablieren und die damit erforderliche Medien-, Fach- und Raumkompetenz erst im aktiven Tun auszubilden.

Dieser Punkt ist mir auch deshalb so wichtig, da er meine eigene Entwicklung an der HAW Hamburg widerspiegelt. Ich wurde nämlich nicht als Expertin für hybride Lernräume eingestellt. Was mich an die Hochschule brachte und wie ich zu meiner aktuellen Rolle kam steht ausführlicher in diesem Interview für das Hochschulforum Digitalisierung.

Zusammenfassung und Ausblick

In der folgenden Übersicht finden Sie alle 5 Learnings noch einmal optisch zusammengefasst. Lassen Sie sich davon auch gerne selbst anregen: Wie sind Ihre Erfahrungen? Ähnlich oder völlig unterschiedlich? Worauf können Sie bereits aufbauen bzw. an welche Learnings wollen Sie anknüpfen?

Die 5 Top-Learnings für hybride Lernräume an der HAW Hamburg
Die 5 Top-Learnings für hybride Lernräume an der HAW Hamburg

Weiterführende Informationen

Unser Projekt Hybride Lernräume baut auf Ergebnisse der Lernraumforschung und -entwicklung auf, die bei uns an der Hochschule aus dem Kontext des Lernorts Bibliothek entstanden sind, initiiert von Lehrenden des Departments Information und der Hochschulbibliothek (HIBS). Weiterhin hat die Arbeitsstelle Studium und Didaktik von 2019 bis 2021 das Thema Lernraumentwicklung aufgegriffen. Strategisch gerahmt wird unser Vorgehen von unserer Lernraumstrategie. Mit einem interdisziplinären Team haben wir als eine der ersten Hochschulen Deutschlands eine Strategie entwickelt. Damit sind wir den Empfehlungen gefolgt, die Expertinnen und Experten – beispielsweise im Open-Access-Sammelband Zukunft Lernwelt Hochschule (2020) – schon länger fordern.

Hintergrundinformationen zu Campusentwicklungen und Lernraumdynamiken an der HAW Hamburg bietet zudem folgende Open-Access-Publikation:

Gläser, C. & Schillinger, K. (2022). Innovativ agieren und strategisch verankern - Campusentwicklungen und Lernraumdynamiken an der HAW Hamburg. In R. Stang & A. Becker (Hrsg.), Lernwelt Hochschule 2030 - Konzepte und Strategien für eine zukünftige Entwicklung (S. 205-217). Berlin, Boston: De Gruyter Saur. https://doi.org/10.1515/9783110729221-016

 

Katrin Schillinger
Katrin Schillinger ist Projektmanagerin im fakultätsübergreifenden Digitalisierungsprojekt „Hybride Lernräume“ – zuvor war sie Referentin für Lernraumentwicklung an der HAW Hamburg. Parallel ist sie Dozentin für agiles Projektmanagement und Beraterin für Unternehmen in Transformationsprozessen. Im Spielraum zwischen Wirtschaft und Lehre sind Agilität und kollaboratives Arbeiten und Lernen im digitalen Umfeld ihre Schwerpunktthemen.

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