Erfahrungsbericht

Im Interview berichten Prof. Dr. Thomas Weth und Prof. Dr. Hans-Georg Weigand von den Erfahrungen bei der Entwicklung und Durchführung der Online-Kurse.

e-teaching.org: Sie haben im Rahmen der vhb bereits viele erfolgreiche Online-Kurse entwickelt. Wie gehen Sie dabei vor?

Weth: Die von uns realisierten Online-Kurse entstehen mit zunehmender Erfahrung mittlerweile nach einem mehr oder weniger identischen Ablauf. In einem ersten Projekttreffen wird zwischen den Projektleitern und den Mitarbeitern das Grobkonzept, wie es im Projektantrag formuliert war, präzisiert. D.h. das Projektthema wird in einzelne inhaltlich abgeschlossene Kapitel oder Module zergliedert und einer Projektgruppe zur Bearbeitung zugeordnet.

e-teaching.org: Wie arbeitet diese Projektgruppe dann bei der Umsetzung des Moduls weiter?

Weth: Grundprinzip bei der nachfolgenden Realisierung der einzelnen Module ist:
1. Jedes Modul beginnt mit einem „advanced organizer“, der den Lernenden grob informiert, was ihn in dem entsprechenden Modul erwartet und was von ihm erwartet wird. 
2. Jedes Modul enthält maximal 6 einzelne „Internetseiten“; diese Beschränkung resultiert daraus, dass ein Modul im Selbststudium innerhalb einer Woche erlernbar sein soll.
3. Jede „Internetseite“ entspricht im Umfang etwa einer üblichen Din-A-4 Seite Text.
4. Die letzte Seite eines Moduls bildet eine Seite mit Einsendeaufgaben, die beim Kursbesuch (wöchentlich bis zweiwöchentlich) bearbeitet und gelöst an die Kursleiter zu senden sind. Innerhalb einer Woche erhalten die Studierenden ihre Lösungen korrigiert und kommentiert zurück.

Weigand: Bis einzelne Module fertig für den Einsatz sind, durchlaufen sie folgende Korrekturstufen:
1.   Ein am Standort A erstelltes Modul wird nach seiner ersten Realisierung zunächst vom Projektleiter des Standorts A korrekturgelesen und anschließend verbessert.
2.   Nachdem alle von A erstellten Module den ersten Korrekturprozess durchlaufen haben, werden sie in ihrer Gesamtheit vom Projektpartner B korrigiert. Hier geht es darum, neben einzelnen technischen Problemen insbesondere ein Augenmerk auf den Gesamtaufbau einer Modulfolge zu richten.
3.   Nachdem die Module von A und B schließlich zum Gesamtkurs zusammengefügt sind, durchläuft der Kurs eine letzte Korrektur. Hier werden letzte „Kanten geglättet“ und insbesondere technische Fehler, also Zeichensatz, Positionierung von Grafiken, usw., bereinigt.

e-teaching.org: Was haben Sie im Laufe der Zeit bei der Entwicklung und Durchführung der Kurse gelernt? Haben sich Vorgehensweisen oder auch Techniken verändert?

Weth: Aufgrund unserer Erfahrungen verzichten wir weitgehend auf neueste technische Möglichkeiten, die sich bei Internetauftritten anbieten (könnten). Erfahrungsgemäß ist „weniger mehr“. Jeder Internetbrowser stellt alleine schon reine Textseiten verschieden dar, der Umgang mit Java-Applets unterscheidet sich von Browser zu Browser, Grafiken ändern je nach verwendetem Programm ihre Position und dergleichen mehr. Auf Grund dieser technischen Probleme beschränken wir uns auf bewährte und stabile Standardlösungen - Einbettung von Geogebra-Applets, Verzicht auf Einbindung von web-mathematica, etc. -, um Probleme bei der Kursdurchführung weitgehend zu vermeiden. 

e-teaching.org: Wie viele Studierende nehmen an Ihren Online-Kursen teil?

Weth:
Prinzipiell muss man hier unterscheiden, ob wir die Online-Kurse parallel und ergänzend zu „normalen“ Veranstaltungen oder wirklich als alleinstehende Online-Lehrveranstaltungen anbieten.
Im ersten Fall haben wir pro Semester begleitend zu den normalen universitären Veranstaltungen bis zu 500 Teilnehmer, die sich zu etwa 80% aus den Studierenden der Projektpartner in Würzburg und Erlangen-Nürnberg rekrutieren.
Bei alleinstehenden Veranstaltungen, die naturgemäß ein spezielleres Thema behandeln, wie etwa „Mathematik in Klasse 10“, schreiben sich bayernweit bis zu 100 Studierende pro Semester ein.
 
e-teaching.org: Im Sommersemester 2011 bieten Sie sieben Kurse für die vhb an. Wie ist das zu schaffen? Wie werden die Betreuer der Kurse geschult und wie verläuft Ihre Kommunikation mit den Betreuern?

Weigand:
Bisher konnten wir mit entsprechend geschulten studentischen Hilfskräften die Organisation bewältigen, d.h. Terminierung von Präsenztreffen, Klausuren, Korrektur der Einsendeaufgaben. Mit dem Sommersemester 2011 werden wir eigens einen Mitarbeiter mit einer 1/4 – Stelle für die Betreuung der Kurse einstellen. Das immer wieder Neu-Einlernen der studentischen Mitarbeiter erweist sich auf Dauer einfach als zu aufwändig. 

e-teaching.org: Gerade Mathematiker betonen häufig, wie unverzichtbar die Präsenzlehre ist, z.B. das schrittweise Entwickeln von Gleichungen an der Tafel und die Möglichkeit, sofort Fragen zu stellen. Wie schaffen Sie in Ihren Online-Angeboten dafür einen Ausgleich?

Weth:
Die Online-Angebote sind eindeutig die „zweitbeste“ Lösung. Hätten wir die Kapazitäten, würden wir sicher auf Präsenzveranstaltungen setzen – und die bestehenden Online-Kurse als vernünftige Ergänzung, Ideensammlung, Vertiefung mit benutzen. Letztlich versuchen wir – ähnlich wie an der Tafel – die Entstehung von Ideen und Gedankengängen Schritt für Schritt darzustellen; allerdings natürlich ohne die Möglichkeit für die Lernenden, direkt Fragen stellen zu können. Hierzu haben wir fallweise eigene Online-Sprechstunden bzw. -Chats eingerichtet. 

e-teaching.org: Was ist für Sie das Besondere an einem Online-Kurs? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Weth:
Online-Kurse leiden, vor allem zu Beginn, an der Anonymität. Unserer Erfahrung nach wollen die Studierenden „ein Gesicht sehen“, mit dem sie während des Semesters zu tun haben. Aus diesem Grund starten wir mittlerweile jeden Kurs mit der Möglichkeit zu einem Präsenztreffen, in dem einerseits organisatorische Fragen geklärt werden, insbesondere aber auch ein sozialer Kontakt zwischen Studierenden, Kursbetreuern und Kursleitern hergestellt wird. Wir haben festgestellt, dass durch Präsenztreffen zu Beginn und evtl. noch ein-/zweimal während des Semestersa) die Abbrecherquote drastisch zurückgeht und b) weitaus weniger (technische) Fragen während der Kursdurchführung auftreten.
Generell zeichnet sich aus unserer Sicht ab, dass die Online-Kurse eine sehr gute Ergänzung zu realen, üblichen Veranstaltungen sind. Die Studierenden können mit den Online-Kursen vergessenes Wissen auffrischen, aktuelle Inhalte wiederholen und einüben, und zeitlich autonom – also dem individuellen Lerntempo entsprechend – bearbeiten.

Weigand: Auch wenn sich bei den „stand-alone“-Angeboten die anfänglichen (meist organisatorischen) Schwierigkeiten zunehmend weniger zeigen, leiden diese doch unter der Anonymität und den mangelnden sozialen Interaktionen. Hier experimentieren wir zur Zeit mit Filmsequenzen, in welchen die Kursleiter (auf der ersten Seite des Online-Kurses) sich vorstellen und über Ziele und Ablauf der Kurse berichten. 
 

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