Medienpädagogische Qualifizierung von Lehramtsstudierenden und Lehrkräften – Einblick in die Qualifizierungsstrategie bayerischer Hochschulen

Mit dem Erweiterungsstudiengang Medienpädagogik gibt es in Bayern schon relativ lange ein Angebot zur medienpädagogischen Qualifizierung von Lehrkräften. Durch die Änderung der Lehramtsprüfungsordnung sollen medienpädagogische Inhalte für jeden Lehramtsstudierenden nutzbar werden. Prof. Dr. Rudolf Kammerl und Jacqueline Gradl berichten im Interview über die Entwicklungen der letzten Jahre und geben einen Einblick in die Herausforderungen und zukünftigen Ansätze der medienpädagogischen Lehrkräftequalifizierung.

Interview

Bildbeschreibung (1 - 3 Wörter)Jacqueline Gradl und Prof. Dr. Rudolf Kammerl

Was hat sich in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung in den letzten Jahrzehnten verändert?

Rudolf Kammerl: Tatsächlich hat sich schon in den 80er Jahren die damalige Bund-Länder-Kommission (Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK, 1987) mit der informationstechnischen Bildung an Schulen auseinandergesetzt und diese in einem fachübergreifenden Ansatz gefordert. In dem Konzept wird beispielsweise explizit die Verbesserung der Qualifizierung von Lehrerinnen für den informationstechnischen Unterricht erwähnt. Die ein paar Jahre später, 1995, veröffentlichte KMK-Erklärung (Kultusministerkonferenz, 1995) forderte, dass die Medienpädagogik sowohl fachspezifisch als auch fächerübergreifend in den ersten beiden Phasen der Lehrerinnen- und Lehrerbildung integriert werden soll. Bestrebungen, medienpädagogische Inhalte in die Lehrerinnen- und Lehrerbildung zu integrieren sind also keineswegs neu. Und auch dies als eine Querschnittsaufgabe zu verankern, ist kein neuer Gedanke, wird aber noch immer gern diskutiert (Goetz & Kortenkamp, 2019). Mit der aktuellen KMK Strategie „Bildung in einer digitalen Welt“ von 2017 (Kultusministerkonferenz, 2017) wurde die Forderung weiterverfolgt, dass alle Lehrkräfte umfangreiche medienpädagogische Kompetenzen erlangen müssen. Nach wie vor sind aber medienpädagogische Inhalte in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung in Deutschland unsystematisch und nicht verbindlich angelegt. Dies gilt umso mehr bei Themen an der Schnittstelle zur informatischen Bildung, die immer mehr an Relevanz gewinnen. Man denke beispielsweise an die Rolle von Fake News und Bots in Social Media bei Wahlkämpfen und die Nutzung von Big Data und künstlicher Intelligenz im Bildungsbereich. 

Wie gestaltet sich die aktuelle Situation der medienpädagogischen Qualifizierung in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung?

Rudolf Kammerl: In aktuellen Projekten, wie z. B. im Rahmen der Förderinitiative „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ werden zum Thema „Digitalisierung in der Lehrerbildung" vielfach Themen, wie der didaktische Einsatz digitaler Medien im Unterricht oder die Unterstützung inklusiver Bildungskonzepte und die Beschulung heterogener Lerngruppen unter Nutzung digitaler Möglichkeiten aufgegriffen. Wenn die KMK-Strategie aber erfolgreich sein soll, muss die Bildung in der digitalen Welt viel umfassender berücksichtigt werden. Wie können fachintegrativ die zentralen Kompetenzen für die digitale Welt effektiv gefördert werden? Für die Lehrerinnen- und Lehrerbildung benötigen wir hier noch umfassende Grundlagenforschung, um evidenzbasierte Konzepte zu vermitteln. Lehrkräfte müssen sich auch mit Formen der netzbasierten Kooperation bei der Unterrichts- und Schulentwicklung auseinandersetzen. Sharing ist nur eine von 19 professionsspezifischen medienbezogenen Lehrkompetenzen, welche die Forschergruppe Lehrerbildung (Forschungsgruppe Lehrerbildung Digitaler Campus Bayern, 2017) nennt. Schon diese beachtliche Anzahl zeigt die Vielfältigkeit der neuen Aufgabenstellungen.

Die Hochschulen in Deutschland verfolgen nach wie vor sehr unterschiedliche Strategien. In einigen Standorten werden medienpädagogische Inhalte als ergänzende Studiengänge angeboten, an anderen Hochschulen finden sich Pflicht-, Wahlpflicht oder auch reine Wahlangebote. Auf Umsetzungsebene zeigt sich auch die Herausforderung, nicht nur medienpädagogische Inhalte in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung zu etablieren, sondern dies mit den Fachwissenschaften, den Fachdidaktiken oder auch der Erziehungswissenschaft zu verknüpfen.

Diese Anforderungen setzen entsprechende personelle Ressourcen und Know-how voraus. Insgesamt sind in den Fachdidaktiken und Erziehungswissenschaften zu wenige thematisch einschlägige Professuren mit medienpädagogischen und mediendidaktischen Schwerpunkten vorhanden. Auch Kooperationen sollten aus meiner Sicht intensiviert werden. Ich denke hier beispielsweise an die Medienzentren, MakerSpaces und Offenen Kanäle (regionale Rundfunkangebote, welche von Bürgern gestaltet werden können). Damit möchte ich auf ein weiteres Problem hinweisen, welches nicht nur die medienpädagogische Qualifizierung von angehenden Lehrkräften betrifft, nämlich die fehlende Verstetigung von Konzepten, die sich bereits bewährt haben. Eine nachhaltige und breitenwirksame Entwicklung ist nötig.

Wie hat sich der Erweiterungsstudiengang Medienpädagogik entwickelt?

Jacqueline Gradl: Hier an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg war Professor Spanhel der Initiator des Erweiterungsfachs Medienpädagogik, das sich an Lehramtsstudierende und Lehrkräfte richtet. Gemeinsam mit seinen Kollegen aus München, Regensburg und Augsburg gelang es in Bayern den Erweiterungsstudiengang an Universitäten zu implementieren und in der Lehramtsprüfungsordnung als Staatsexamensfach zu verankern. Die Qualifikation bereitet auf die Funktion des Beraters digitale Bildung (BdB) vor, der in erster Linie Multiplikatorenaufgaben im Bereich der Medienbildung übernimmt. Da in letzter Zeit die Nachfrage von Lehrkräfte nach medienpädagogischen Qualifizierungen deutlich gestiegen ist, bietet seit 2019 auch die Universität Passau ein entsprechendes Studienangebot an. Für den nordbayerischen Raum sind wir zurzeit die einzige Universität mit dem Erweiterungsfach Medienpädagogik. Inhaltlich hat sich im Laufe der Jahre natürlich viel verändert. Aktuell planen wir eine stärkere Verzahnung mit der Didaktik der Informatik, um den Studierenden weitere Kombinations- und Vertiefungsmöglichkeiten zu bieten.

Wer nutzt diesen und wie ist die Resonanz?

Jacqueline Gradl: Derzeit sind an der FAU im Erweiterungsfach Medienpädagogik gut 100 Studierende eingeschrieben. Die letzten paar Jahre ist vor allem die Zahl der berufsbegleitend Studierenden deutlich angestiegen. Sie beläuft sich mittlerweile auf etwa 60 Prozent. Gerade Lehrkräfte, die bereits im Berufsleben stehen, sehen oft die Notwendigkeit, sich medienpädagogisch zu qualifizieren. Außerdem wurden flankierend zum Digitalpakt Schule zusätzliche Funktionsstellen wie die des „medienpädagogischen Beraters digitale Bildung” (mBdB) geschaffen – Voraussetzung für die dauerhafte Besetzung der Stelle ist das erfolgreiche Absolvieren des Erweiterungsstudiums Medienpädagogik. Die Berater digitale Bildung tragen medienpädagogisches Wissen und die zugehörigen Arbeitsweisen weiter in die Schulen.

Etwa 40 Prozent der Studierenden beginnen ihre medienpädagogische Zusatzqualifikation bereits in der ersten Phase der Lehrerinnen- und Lehrerbildung. Die erste Staatsexamensprüfung im Fach Medienpädagogik schreiben viele aber erst im oder nach dem Referendariat. Attraktiv macht das Erweiterungsfach auch der Notenbonus in Höhe von 0,15 auf die Examensnote, den zumindest Realschul- und Gymnasial-Lehrkräfte erhalten.

Die Resonanz auf das Lehrangebot im Erweiterungsstudiengang ist durchweg positiv. Auch wenn mit dem Studium ein nicht unerheblicher Aufwand einhergeht, schätzen unsere Studierenden vor allem die deutliche Verzahnung von Theorie und Praxis. Auf Fortbildungen, Tagungen usw. treffe ich immer wieder auf ehemalige Absolventen, die häufig betonen, wie gewinnbringend das Studium für sie in der Berufspraxis ist.

Wie gestaltet sich die Umsetzung und die inhaltliche Ausgestaltung des Erweiterungsstudiengangs Medienpädagogik?

Jacqueline Gradl: Inhaltlich gliedert sich das Erweiterungsfach Medienpädagogik in einen mediendidaktischen, einen medienerzieherischen, einen informationstechnologischen sowie einen mediengestalterischen Bereich (Goetz & Baeßler, 2018). Studierende besuchen grundlegende Veranstaltungen zu all diesen Bereichen und vertiefen ihr Wissen durch Seminare, Workshops und Exkursionen weiter. In diesem Zusammenhang kooperieren wir beispielsweise mit dem Nürnberg Digital Festival oder den BayernLabs. Außerdem spielt projektorientiertes Arbeiten eine große Rolle. Das Medienprojekt, das die Grundlage für die mündliche Staatsexamensprüfung bildet, ist sozusagen der Höhepunkt des Erweiterungsstudiums. Hier zeigen die Studierenden und Lehrkräfte praktisch, was sie gelernt haben. Auf unserer Homepage können Sie sich an paar Beispiele anschauen, wie beeindruckend die Arbeiten meist sind.

Das Studienvolumen ist auf zwei Semester Vollzeit bzw. vier Semester Teilzeit ausgelegt. Das Lehrangebot im Erweiterungsstudiengang ist sehr flexibel organisiert. Neben wöchentlicher Präsenzlehre bieten wir gemeinsam mit unseren Konsortialpartnern, der Universität Regensburg und der Ludwig-Maximilians-Universität München, für den Pflichtscheinerwerb Online-Kurse über die Virtuelle Hochschule Bayern an. Auch finden regelmäßig Wochenend- oder Ferienblockveranstaltungen statt. Die Vereinbarkeit von Studium, Beruf und der privaten Situation unserer Studierenden wird bei uns großgeschrieben. Die letzte Studiengangsevaluation bescheinigt uns, dass es uns gelingt, den vielfältigen Bedürfnissen unserer Studierenden gerecht zu werden. Das ist vor allem notwendig, da nicht nur Lehramtsstudierenden diese Zusatzqualifizierung ermöglicht werden soll, sondern auch bereits im Dienst stehenden Lehrkräften. Durch unser großes Einzugsgebiet müssen wir auch Anfahrtszeiten der Lehrkräfte, die diese nach ihrem Schuldienst auf sich nehmen, berücksichtigen.

Welche organisatorischen Herausforderungen zeigen sich bei der Konzeption und Umsetzung des Erweiterungsstudiengangs?

Jacqueline Gradl: Viele Lehrkräfte sind vor allem wegen schulischer Verpflichtungen auch am Nachmittag oft zeitlich gebunden, da der Großteil von ihnen sich neben ihrer regulären Lehrtätigkeit qualifiziert. Aufgrund von Konferenzen, Unterrichtsverpflichtung und sonstigen Schulveranstaltungen ist es gar nicht so einfach, Seminarzeiten zu finden, zu denen möglichst viele Studierende Zeit haben. Eine Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung ist hierfür normalerweise nicht vorgesehen. Manchmal verlängert sich das Erweiterungsstudium ungewollt um ein oder mehr Semester, da die Lehrpersonen nebenher nicht die notwendigen zeitlichen Ressourcen aufbringen können.

Außerdem arbeiten wir hier fast ausschließlich mit Bring Your Own Device. Das hat den Vorteil, dass der Transfer auf die eigene Lehrpraxis gut gelingt. Andererseits muss ich aber auch sagen, dass zum Teil die eingeschränkte Kompatibilität der Betriebssysteme die Möglichkeiten hemmt.

Eine weitere Herausforderung ist, dass derzeit der Großteil der Lehre im Erweiterungsfach sowie die Studiengangskoordination von einer Lehrkraft übernommen wird, die für drei bis maximal fünf Jahre an die Universität abgeordnet ist. Nach dieser Zeit wird die Stelle durch eine neue Abordnung besetzt, die sich erst wieder einarbeiten muss. Hier wäre eine höhere Kontinuität wünschenswert.

Wie kann und muss die Lehrerinnen- und Lehrerbildung in einer digital geprägten Welt noch weiter verbessert werden?

Rudolf Kammerl: Noch immer sind durchaus sehr hochwertige medienpädagogische Angebote in allen Phasen der Lehrerinnen- und Lehrerbildung zwar vorhanden, jedoch nicht im notwendigen Umfang verpflichtend. Ein Lehramtsstudium zu absolvieren, ohne erweiterte Kenntnisse im medienpädagogischen Bereich zu erwerben, ist also nach wie vor möglich.

Gleichzeitig sind die medienpädagogischen Angebote im erziehungswissenschaftlichen, im fachdidaktischen und fachwissenschaftlichen Studium noch nicht optimal abgestimmt. Wir wollen an der FAU die medienpädagogische Qualifizierung aber nicht nur in der Schule als Querschnittsaufgabe denken, sondern auch in den lehrerinnen- und lehrerbildenden Institutionen. 

Dazu haben wir im Rahmen der Implementierung der Labore für Digitales Lernen und Lehren (DigiLLabs), die durch ein Programm der Landesregierung initiiert wurden, die Möglichkeit diese Zusammenarbeit auszubauen. Die DigiLLabs-Verantwortlichen kommen hier aus unterschiedlichen Bereichen, der Medienpädagogik, der Didaktik der Informatik sowie aus der Deutsch- und Geographiedidaktik. Hierdurch hat sich von selbst ein guter „interdisziplinärer” Austausch ergeben. 

Welche Rolle kommt Ihrer Ansicht nach der Präsenzlehre im Rahmen der umfassenden Digitalisierung zu?

Rudolf Kammerl: Pädagogisches Handeln, sei es an den Hochschulen, Universitäten, Seminaren oder allgemeinbildenden Schulen ist im Allgemeinen ein persönlicher Interaktionsprozess. Gerade die Corona-Krise hat sehr deutlich gezeigt, welche Möglichkeiten uns die heutige Technik bietet – aber auch, was durch Technik nicht ersetzt werden kann. Medienpädagogisch gut qualifiziert zu sein heißt, nicht nur über und mit digitalen Medien zu lehren, sondern auch abzuwägen, wann der Verzicht auf die Technik aus pädagogischen Gründen angebracht ist.

 

Literatur

Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) (1987). Gesamtkonzept für die informationstechnische Bildung. Heft 16. Materialien zur Bildungsplanung. Bonn.

Forschungsgruppe Lehrerbildung Digitaler Campus Bayern (2017). Kernkompetenzen von Lehrkräften für das Unterrichten in einer digitalisierten Welt. merz, 4, 65–74. http://www.edu.lmu.de/kmbd/_assets/dokumente/merz-artikel.pdf (abgerufen am 15.04.2020)

Goertz, L. & Baeßler, B. (2018). Überblicksstudie zum Thema Digitalisierung in der Lehrerbildung (Arbeitspapier Nr. 36). Berlin. Hochschulforum Digitalisierung beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V. https://doi.org/10.5281/zenodo.2592010 (abgerufen am 15.04.2020)

Goetz, I. & Kortenkamp, U. (2019). Die Umsetzung der Medienbildung in der Lehrerinnen-und Lehrerbildung an der Universität Potsdam – initiiert durch ein fachdidaktisches Entwicklungsvorhaben. In T. Junge & H. Niesyto (Hrsg.), Medienpädagogik interdisziplinär: Bd. 12. Digitale Medien in der Grundschullehrerbildung: Erfahrungen aus dem Projekt dileg-SL (S. 397–408). München: kopaed.

Kultusministerkonferenz (KMK) (1995). Medienpädagogik in der Schule. Erklärung der Kultusministerkonferenz. https://www.bne.uni-osnabrueck.de/texte/doc/kmk_medien.htm (abgerufen am 15.04.2020)

Kultusministerkonferenz (KMK) (2017). Bildung in der digitalen Welt. Strategie der Kultusministerkonferenz. https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/PresseUndAktuelles/2017/Strategie_neu_2017_datum_1.pdf (abgerufen am 15.04.2020)

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