Chatprotokoll "Mehr Begeisterung für E-Learning wecken!" mit Dr. Ulrich Schmid

Um E-Learning nachhaltig an Hochschulen zu verankern, müssen verschiedene Schritte der Organisationsentwicklung durchlaufen werden. Ein Experte, der sich intensiv mit den Herausforderungen für die Hochschulen beschäftigt hat, ist Dr. Ulrich Schmid, Geschäftsführer des Multimedia Kontor Hamburg (MMKH). Am Freitag, dem 7. September 2007, war er zu Gast im e-teaching.org Live-Chat und beantwortete Ihre Fragen rund um die Themen Hochschulentwicklung und E-Learning.



Die besprochenen Themen im Schnellzugriff:



Moderator: Herzlich willkommen zum e-teaching.org-Live-Chat mit Dr. Ulrich Schmid, Geschäftsführer des Multimedia Kontor Hamburg (MMKH). Unser Thema heute ist E-Learning an Hochschulen. Die ersten Fragen sind bereits eingelaufen, wir freuen uns auf Ihre Beiträge.
Dr. Schmid chattet mit uns aus Berlin, wie sieht es aus, können wir loslegen?

Ulrich Schmid: Ja.

Moderator: Vorab konnten die Nutzer bereits Fragen stellen und bewerten. Starten wir mit den Fragen mit den meisten Stimmen.

Zentralisierung & Servicestrukturen

AD: Haben Dozierende genügend Zeit, um wirkungsvolles E-Learning oder Blended Learning zu betreiben oder muss eine separate E-Learning-Institution unterstützend eingreifen?

Ulrich Schmid: Also: Wenn E-Learning auch heißen soll, ein Blog zu führen oder ein Wiki zu organisieren, dann würde ich sagen: "Haben Sie die Zeit oder müssen Sie sich die Zeit nehmen?"
Anders sieht es aus, wenn es um die Entwicklung von multimedialen Lernmaterialien geht, das kann man nicht so ohne weiteres in die klassische Lehre integrieren.
Zur Institution: Ja, ich halte eine Institution, die Support anbietet, für wichtig. Vor allem auch im Blick auf Beratung und Qualifizierungsangebote.

adyckhoff: Viel E-Learning-Autorensoftware, die ich kenne, ist aufwändig zu bedienen, so dass die Erstellung von Inhalten Zeit kostet. Da muss sich noch einiges tun. Sollten Dozenten die Möglichkeit haben, E-Learning-Content-Entwicklung in Auftrag zu geben?

Ulrich Schmid: Ja, ganz genau. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass aufwändige Multimediaproduktionen nicht wirklich wirtschaftlich und effizient von den Lehrenden produziert werden können. Sie sollen das auch nicht tun. Ich bin der Meinung dass wir dringend eine Professionalisierung bei anspruchsvollen multimedialen Lernangeboten brauchen und zugleich den Lehrenden Unterstützung in der Nutzung aller einschlägigen "Web 2.0"-Tools anbieten sollten.

elo: Wie sinnvoll halten Sie aufwändige Multimediaelemente in einem E-Learning-Kurs?

Ulrich Schmid: Wenn es um die Herstellung eines Problem- oder Praxisbezugs in den Naturwissenschaften, in den Technikfächern, oder der Medizin geht, halte ich solche Elemente für unverzichtbar. Außerdem machen sie, denke ich, großen Sinn, wenn wir Jugendliche oder Kinder adressieren. Aber ich denke, dass auch die sozial- und geisteswissenschaftlichen Studierenden erfreut wären, wenn sich ihr E-Learning-Angebot nicht wie ein Tabellenkalkulationssystem anfühlen würde.

elo: Halten Sie es für sinnvoll, einen Kurs erstmal gut strukturiert, aber ohne viele Multimediaobjekte bereitzustellen und diese dann im Nachhinein aufzubauen, oder sollte gleich von Anfang an eine teure multimediale Komplettlösung her?

Ulrich Schmid: Gut strukturiert ist immer gut. Und am besten ist es, wenn man den Aufwand von Anfang an möglichst genau kalkuliert. Teure multimediale Komplettlösungen sind nicht per se das Mittel der Wahl.

Referenzbeispiele

AD: Welche deutsche bzw. internationale Hochschule hat bereits Erfolg mit E-Learning und wie?

Ulrich Schmid: Ich würde sagen, alle Hochschulen, die ihre E-Learning-Aktivitäten strategisch ausgerichtet haben, die also wissen, was sie mit E-Learning erreichen wollen, haben Erfolg damit. Wobei Erfolg Verschiedenes bedeuten kann: Geld sparen, Qualität erhöhen, das Involvement der Studierenden erhöhen, ein modernes Image aufbauen.
Erfolglos sind, denke ich, die Hochschulen und Fakultäten, die sich im Bereich E-Learning allein auf sporadische und individuelle Aktivitäten verlassen, weil das meistens an einzelnen Personen hängt und sobald diese Personen nicht mehr da sind, bedeutet dies auch das Ende der Aktivitäten. Also Beispiele gibt es inzwischen, denke ich, an allen Hochschulen in Deutschland. Wir haben in einer Befragung zusammen mit der HIS (Hochschulinformationssystem GmbH) herausgefunden, dass fast 90 Prozent aller Hochschulen inzwischen ihren Studierenden Online-Angebote in Form von Material und Kursanteil bereitstellen. Das ist also ein ganz breiter Prozess und die Bereitstellung von technologiebasierten Lernumgebungen ist heute kein Sonderfall mehr, sondern etwas ganz alltägliches. Wenn man da jetzt ein besonders gelungenes Beispiel heraus greifen will, dann würde ich einerseits auf die Aktivitäten der " Virtuellen Hochschule Bayern " hinweisen, weil es dort gelingt, auf einer sehr wirtschaftlichen Basis qualitätsvolle Online-Angebote bereitzustellen, andererseits aber auch multimedial anspruchsvolle Projekte, beispielsweise in der Medizinerausbildung, die sehr fallorientiert und problemorientiert vorgehen und zeigen, dass E-Learning wirklich den Problem- und Praxisbezug deutlich erhöhen kann.

Moderator: Eine Nachfrage von:

knowledge: 90% aller Hochschulen in Deutschland?

Ulrich Schmid: Ja, in Deutschland.

adyckhoff: Gibt es Best Practice-Beispiele an deutschen Hochschulen, die Sie empfehlen können?

Ulrich Schmid: Also ich könnte aus dem Hamburger Bereich eine Vielzahl von Projekten nennen, beispielsweise wenn es um die Vermittlung von allgemeinen berufsqualifizierenden Fähigkeiten geht, aber auch aus der Geschichtswissenschaft und der Informatik usw. Ich finde es aber wichtig, nicht zu sehr auf die Endprodukte und deren multimedialen Glanz, sondern viel stärker auf die gelebte alltägliche Praxis im Umgang mit dem Internet an der Hochschule zu schauen und da halte ich zum Beispiel ein Projekt wie das " Podcampus " für beispielhaft, weil es zeigt, dass man mit relativ geringem Aufwand sehr viel erreichen kann.

E-Learning & Qualität der Lehre

jve: Oft geht es aber leider darum, dass Hochschulleitungen mit dem Einsatz von E-Learning Geld einsparen wollen, da sie E-Learning als Ersatz für Lehre ansehen und damit mehr Studenten erreichen wollen. Qualität ist dabei sekundär, oder?

Ulrich Schmid: Ich habe in meinem Studium durchaus Lehrerfahrungen gesammelt, die sich nicht durch hohe Qualität ausgezeichnet haben und damals stand das Thema E-Learning noch woanders. Aber ich gebe Ihnen Recht, dass die Kommerzialisierungsvorstellungen mancher Hochschulplaner kaum mit den tatsächlichen Möglichkeiten des E-Learnings vereinbar sind.

Brenda: Stehen Qualität der Lehre und E-Learning nicht in einem gewissen Zielkonflikt zueinander?

Ulrich Schmid: Ich würde sagen, es gibt schlechte Lehre und schlechtes E-Learning. Gute E-Learning-Angebote werden eine unvorteilhafte Lernsituation nicht aufwiegen. Letztlich kommt es darauf an, dass das E-Learning-Produkt möglichst gut auf die Nutzerbedürfnisse, die Lernstile der Lernenden, aber auch auf die Didaktik in dem jeweiligen Fach und des jeweiligen Lehrers angepasst ist.

studi: Welche Vorteile bieten sich denn für Studenten, wenn eine Hochschule auf E-Learning setzt? Was ist machbar, was sich mit "herkömmlichen" Methoden nicht realisieren lässt?

Ulrich Schmid: Also ganz klar ein sehr viel höheres Maß an (neudeutsch) Convenience (Bequemlichkeit), der Zugang zu Lernunterlagen ist sehr viel einfacher, die Flexibilität ist viel höher. All das, was üblicherweise genannt wird, wenn es um Orts- und Zeitunabhängigkeit geht.
Ich würde ganz gern an der Stelle auch ein bisschen auf das Thema Web 2.0 hinweisen, weil ich glaube, dass gerade ein Thema wie " Podcasting " - oder auch der Einsatz von Blogs - den Studierenden sehr einfache und dazu kostengünstige Tools bietet, die ein sehr viel höheres Maß an Interaktion, Involvement, Kommunikation, Feedback, Kooperation, kurz Beteiligung anbieten und das halte ich für sehr, sehr wertvoll in der Lehre.

urs: Wie werden Studierende dauerhaft motiviert, in einem Fernstudium an Diskussionen teilzunehmen?

Ulrich Schmid: Ich glaube nicht, dass man das so allgemein beantworten kann. Es gibt den sicherlich richtigen Hinweis auf die Bedeutung von Anreizen und Moderationen, aber ich halte es daneben auch für ganz wichtig, dass das E-Learning-Angebot oder die Diskussionsthemen sehr genau an die Bedürfnisse und Interessen der Teilnehmenden angepasst werden. Aber wie gesagt, eine "Goldene Regel" dafür gibt es wahrscheinlich nicht.

Carla:
Haben Sie selber eigentlich mal einen E-Learning-Kurs besucht?

Ulrich Schmid: Oh ja, viele. Der letzte Kurs war ein Weiterbildungsangebot unserer universitären Weiterbildungseinrichtung zum Thema "Management".

joker: Anmerkung: Stimme voll zu, Convenience und überhaupt Rahmenbedingungen sind bessere Argumente für E-Learning als Qualitätsverbesserung. Schlechte Lehre wird durch digitale Medien nicht geadelt und auch nicht umgekehrt.

Gneis: Wie kann man Exzellenz in E-Learning erkennen?

Ulrich Schmid: An den leuchtenden Gesichtern der Lernenden.

stenograph: Wie soll man die Gesichter der Lernenden sehen, wenn es keine Präsenzveranstaltung mehr ist?

Ulrich Schmid: Webcam.

duck: E-Learning bereitet ja auch auf das Berufsleben vor. Internationale Sitzungen per Internetkonferenz sind nicht unüblich. Bereiten die Hochschulen darauf vor?

Ulrich Schmid: Das halte ich für einen ganz wichtigen Gesichtspunkt, den wir bisher noch gar nicht diskutiert haben. Ich glaube, es gehört inzwischen zu den grundlegenden Kompetenzen, die man in einem Studium erwerben muss, mit IT-basierten Wissensumgebungen umzugehen und diese erfahrenen und erlernten Techniken auch in die Berufswelt hinein zutragen. Das erwarten die Unternehmen, manche setzen es auch voraus. Diese E-Learning-Kompetenz gehört meines Erachtens ganz wesentlich zur Employability, die Hochschulen ihren Studierenden ja zunehmend versprechen.
Ben: Ist es via E-Learning jetzt oder zukünftig möglich, eine Lehrveranstaltungen parallel für Teilnehmer verschiedener Sprachen anzubieten (indem die Materialien übersetzt werden)?

Ulrich Schmid: Sicher. Die Frage ist nur, was es kostet.

MC: Sehen Sie eine Gefahr, dass die schlechten Seiten des Bolognaprozesses, wie z.B. die starke Erhöhung der Prüfungsleitungen, den Einsatz von E-Learning in Richtung Rationalisierung verengt (z.B. Multiple Choice), statt stärker auf qualitative Aspekte wie bessere Lernbegleitung, Lernerzentrierung und alternativer Bewertungsansätze zu setzen?

Ulrich Schmid: Ja, ich stimme Ihnen zu - leider geht die Diskussion um E-Learning vor dem Hintergrund von Bologna viel zu sehr in Richtung Effizienz. Allerdings bietet gerade der Bolognaprozess auch eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten für einen sinnvollen Einsatz von E-Learning.

Einführungsstrategien & Anreizstrukturen

jve: Um E-Learning aber wirklich nachhaltig zu integrieren, sollte man dann Top-Down- oder Bottom-Up-Strategien verfolgen? Bezogen auf Motivation und Anreiz der Dozierenden, die das Ganze ja tragen müssen.

Ulrich Schmid: Aus meiner Sicht ist es unerlässlich, dass eine Hochschulleitung eine klare Position und eine nachhaltige Strategie zu dem Thema vorgibt. Also insofern Top-Down. Und ich muss dazu sagen, dass ich hier einen großen Handlungsbedarf sehe. Leider ist das Thema E-Learning für die meisten Hochschulleitungen nach wie vor ein klassisches Delegationsthema. Neben dem Top-Down braucht man aber auch die Bereitschaft Vieler und nicht nur der Lehrenden, sich in technologiebasierten Lernumgebungen bzw. sich für technologiebasierte Lernumgebungen zu engagieren. Das reicht von denjenigen, die die Infrastruktur bereitstellen, bis zu denen, die tatsächlich ein Lernmanagement-System (LMS) oder Ähnliches einsetzen sollen. Meinem Erachten nach ist es ganz wichtig, dass all diese Beteiligten mit guten Argumenten, aber auch der entsprechenden Unterstützung dafür gewonnen werden.
In der HIS-Studie, die ich vorhin erwähnt habe, sagen im Übrigen die meisten Hochschulen, die wir gefragt haben, dass die wichtigste Maßnahme zur Steigerung der Nutzung von E-Learning durch die Lehrenden die Bereitstellung einfach zu bedienender Software ist. Ingesamt 94% und fast 90% der Befragten sagen nämlich, dass sie Beratungs- und Trainingsangebote für besonders wichtig halten.

Moderator: Viele User fragen zu weiteren Anreizen für Lehrende, E-Learning an Hochschulen zu betreiben. Stellvertretend zwei Fragen:

Brenda: Was haben Hochschullehrer davon, E-Learning zu machen? Es ist aufwändig und sie bekommen ihr Gehalt doch sowieso.

Hannes: Wie könnten Anreizsysteme für Hochschullehrer aussehen?

Ulrich Schmid: Ich dachte jetzt auch nicht in erster Linie an mehr Geld, sondern an befriedigendere Arbeits- und Lehrsituationen und an zufriedenere Studenten. Das Thema Anreizsystem halte ich für wichtig. In der Regel geht es dann um Reduktion des Lehrdeputats und ähnliches, aber ich glaube, dass all diese externen Anreize nicht ausreichen werden, aus einem internetkritischen Dozenten einen begeisterten Blogger zu machen.

Blogosphäre & Web 2.0

Moderator: Thema Blogs:

joker: Web 2.0 bedeutet letztlich Veränderung der Lehr-/Lernkultur. Wie kann eine Hochschule so etwas flächendeckend fördern, oder bleiben wir da wieder auf den Good Will von wenigen angewiesen?

Ulrich Schmid: Ich glaube dass die Net-Generation - ob die Hochschulen das wollen oder nicht - zu einer Veränderung der Lehr- und Lernkulturen führen wird. Dennoch ist es jetzt, sozusagen am Anfang dieser Innovationsdynamik, wichtig, dass die Hochschulen ihre Treiber in dem Bereich identifizieren und gezielt unterstützen. Das ist auch in Unternehmen so. Auch dort wird jetzt zunehmend auf Blogs und ähnliches gesetzt und auch dort spürt man, dass man mit einigen Wenigen vielleicht am Anfang größere Schritte machen kann, als mit Vielen einen kleinen Schritt.

stenograph: Halten Sie Bloggen für eine wünschenswerte Beschäftigung eines Dozenten?

Ulrich Schmid: Absolut.

stenograph: Sollte sich ein Dozent nicht lieber um seine Lehrveranstaltungen und Sprechstunden kümmern?

Ulrich Schmid: Das eine Tun und das andere nicht Lassen, würde ich sagen. Außerdem sind Blogs meines Erachtens ein sehr wirkungsvolles Kommunikationsinstrument, das so manche Sprechstundenminute ersetzen könnte.

MBW: @Stenograph: Das ist doch eine Art Sprechstunde, die er von einem Kongress 1000km weit weg betreiben kann.

Der schnöde Mammon

b.hahn: Lässt sich mit E-Learning für die Hochschulen Geld sparen oder kommen da noch höhere Kosten auf die Hochschulen zu?

Ulrich Schmid: Also ich würde sagen, man kann, wenn man will, Geld sparen - das setzt aber voraus, dass man sich genauer überlegt, was man will und dann möglichst professionell und wirtschaftlich diese Pläne realisiert. Beispielsweise indem man die Multimediaproduktionen an die einschlägigen Anbieter auslagert und nur für das Qualitätsmanagement sorgt. Man kann aber auch sehr viel Geld damit versenken, wenn man sich ganz auf das Handmade der hoch bezahlten Professoren und ihrer Mitarbeiter verlässt. Dann ist das sicherlich kein "Business-Case".

Hannes: Können Hochschulen mit E-Learning Geld verdienen?

Ulrich Schmid: Ja. Ich habe ja schon gesagt, dass man, wenn man Geld verdienen will, eine entsprechende Geschäftsstrategie braucht und dazu gehört zunächst, sich klar zu werden, was man mit dem E-Learning-Produkt tatsächlich erreichen will und wie man ein solches Produkt möglichst wirtschaftlich herstellt und einsetzt. In den letzten Jahren allerdings ging es nach meiner Wahrnehmung ganz selten nur um ökonomische Gesichtspunkte beim E-Learning, sondern vorwiegend um die Steigerung der didaktischen Qualität, oder noch allgemeiner um die Imageverbesserung, weil man sich vom Thema E-Learning gewissermaßen einen Modernitätsvorteil verspricht. Auch das belegt übrigens unsere HIS-Befragung, in der der überwiegende Teil der Hochschulen ihr Engagement in Sachen E-Learning mit dem Hinweis auf eine bessere Außenwahrnehmung und Konkurrenzvorteile begründet. Außerdem glaubt man, dass man die Studierenden von heute nur noch erreicht, wenn man in Sachen E-Learning aktiv ist. Wenn es allerdings um wirtschaftliche Argumente geht, ist der überwiegende Teil der Hochschulen sehr skeptisch. Meines Erachtens nach unbegründeterweise.

elo: Wieviel Kostenaufwand und Arbeitszeitaufwand planen Sie für die Erstellung eines E-Kurses, der ansonsten zwei Wochen in Präsenz abgehalten wird?

Ulrich Schmid: Schwierige Frage. Es hängt davon ab, ob es sich dabei um einen virtuellen Klassenraum handelt, oder um ein Content-Rich-Lernmodul, ob es dabei um Lernergruppen oder Einzellerner geht, ob es eine synchrone oder eine asynchrone Lernsituation ist und so weiter und so fort... Kurz: Darauf gibt es keine einfache Antwort.

Moderator: Gibt es trotzdem eine Faustregel?

Ulrich Schmid: Eine Faustregel gibt es nicht. Aber (Kosten-) Beispiele: Soweit ich informiert bin, kostet ein Onlineseminar-Angebot bei der "Virtuellen Hochschule Bayern" etwa 50.000 Euro.

Neue Märkte für Hochschulen?

tomleu: Ist E-Learning-Content für Hochschulen auch für Unternehmen interessant und nicht zu theoretisch?

Ulrich Schmid: Leider haben Sie Recht. Das liegt auch daran, dass unsere E-Learning-Projekte an Hochschulen in aller Regel ausschließlich die Zielgruppe der Studierenden im jeweiligen Seminarkontext vor Augen hatten und sich kaum oder nur mit großem Aufwand für andere Nutzerbedürfnisse adaptieren lassen.

Open Educational Resources

Moderator: Viele Fragen zur Kooperation von Hochschulen in Sachen E-Learning:

adyckhoff: E-Learning kann auch eingesetzt werden, damit Studierende einer anderen Uni an einem Kurs teilnehmen können. Viele Studierende, die ich kenne, fänden solche Angebote wünschenswert. Wird es solch einen Austausch bzw. eine Zusammenarbeit zukünftig vermehrt geben?

Timo: Welche Chancen und Probleme sehen Sie in internationalen Kooperationen zwischen Universitäten beim E-Learning?

Ulrich Schmid: Was den Austausch zwischen Hochschulen in Deutschland angeht, sind wir in der Tat über einige wenige Pilotprojekte mit "Videoconferencing" oder "Teleteaching" oder auch virtuellen Klassenräumen nicht hinausgekommen. Da liegt der Teufel oft im Detail, die organisatorischen Probleme solcher gemeinsamen Angebote lassen einen manchmal verzweifeln.
Die Zahnbürstengeschichte halte ich dagegen inzwischen für überholt. Die Bereitschaft, hochschulübergreifend zu kooperieren, ist deutlich gestiegen. Aber wie gesagt, die technisch-organisatorischen Probleme sind manchmal überwältigend. Was die internationale Kooperation angeht, sehe ich eine enorme Dynamik im Bereich der OpenCourse-Ware oder OpenEducational-Ressources (OER). Inzwischen haben über 200 der weltweit führenden Universitäten mehrere tausend zum Teil sehr hochwertige Online-Kurse für jeden frei verfügbar ins Internet gestellt, darunter zum Beispiel das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston, Stanford und die OpenUniversity in London. In diesem Zusammenhang können wir auch eine sehr hohe Bereitschaft zur Kooperation zwischen diesen Hochschulen feststellen. Außerdem haben sich inzwischen sogar Google und CreativeCommons darauf verständigt, eine professionelle Suchmaschine für OER-Content zu entwickeln. Die deutschen Hochschulen sollten wirklich versuchen, in dieser Bewegung mit zuspielen.

Kämmerling: Reusable Learning Objects sind sehr sinnvoll, doch ich kann das mit den technisch-organisatorischen Problemen nur unterstreichen! Finden Sie nicht, dass durch politische Förderung Anreizsysteme entwickelt werden können?

Ulrich Schmid:
Ja. Ich glaube, dass die derzeitige Situation in der Wissenschaftspolitik durch die Föderalismusdiskussion leider eher ungünstig ist, wenn es um die systematische hochschulübergreifende Bereitstellung von digitalen Lernmaterialien geht. Man kann nur hoffen, dass es den Hochschulen selbst auffällt und dann entsprechende Maßnahmen für eine bessere Koordination auch über Hochschul- und Landesgrenzen hinweg getroffen werden.

Timo: OER: Kann man da schon was zur nachhaltigen Pflege des Materials sagen - oftmals ja ein wichtiger Punkt.

Ulrich Schmid: Ja. Das Qualitätsproblem in diesem Bereich ist wahrscheinlich eines der größten. Für eine gewisse Qualität bürgen natürlich die dahinter stehenden Institutionen. In manchen Projekten wird dieses Thema natürlich auch explizit behandelt, beispielsweise OER-Projekte der "OpenUniversity" in London und auch das MIT hat ein Qualitätssicherungssystem implementiert. In vielen anderen Bereichen und gerade auch da, wo es nur um die Bereitstellung von Audio- oder Videoaufzeichnungen als Audio- oder Podcast geht, ist das Qualitätsthema leider total vernachlässigt.

Lernmanagementsysteme

Daniela Lücke: Wie können bspw. externe Lehrbeauftragte stärker in den E-Learning-Alltag der Hochschule einbezogen werden? Stichwort: Nutzung der Lernplattform, d.h. wenn jemand bspw. an mehreren Hochschulen lehrt und verschiedene Lernmanagementsysteme (LMS) vorfindet?

Ulrich Schmid: Das Problem mit der Vielfalt von LMS betrifft leider nicht nur die Lehrenden, sondern auch die Studierenden. Immer öfter hört man Klagen über die unterschiedlichen zum Einsatz kommenden Tools und LMS, die jeweils eine verschiedene Usability haben und es außerdem erforderlich machen, sich andauernd neu an- und abzumelden. Leider sehe ich keine Alternative auf der Systemebene. Wir werden im Gegenteil mit einer noch größeren Zahl von LMS und ähnlichen Systemen rechnen müssen. In Hamburg versuchen wir durch ein zentrales Identitymanagement-System auf mittlerer Sicht auch Single-Sign-On (Maßnahmen für eine einmalige Anmeldung bei verschiedenen Plattformen, Anm. der Redaktion) zu ermöglichen.

Timo: Single-Sign-On ist ja an mehreren Hochschulen ein Vorhaben, in Düsseldorf bspw. auch.

Heinz Kriener: Welche Rolle spielt die MOODLE Plattform in Hamburg und Deutschland, zusätzlich zu UKE Hamburg und Initiativen in Baden-Württemberg?

Ulrich Schmid: MOODLE ist eine OpenSource-Lernplattform, die immer mehr Anhänger im Hochschulbereich findet. Ich kann leider nicht sagen, wie weit verbreitet dieses System inzwischen ist. Ich weiß aus Hamburg, dass es in verschiedenen Departments Einzug gehalten hat und habe auch schon gehört, dass MOODLE den großen Konkurrenten aus der kommerziellen Welt den Rang ablaufen soll.

Timo: Schön wäre es ja schon, wenn gewisse Standards bspw. für Lernmodule (Stichwort SCORM) (Sharable Content Object Reference Model / Sammlung von Standards aus verschiedenen Quellen, die Widerverwendbarkeit ermöglichen sollen, Anm. der Redaktion) eingehalten würden.

MBW: Ich finde OpenSource ideal für Universitäten. Ich vermute, dass die mangelnde Bereitschaft zur Kooperation bei manchen auch damit zu tun hat, dass zumindest bei schriftlicher Teilnahme alles Gesagte dann für immer festgeschrieben ist. Inoffizielle Gespräche sind aber auch wichtig. Wie sehen Sie das?

Ulrich Schmid: Kann ich gut nachvollziehen. Jeder kennt die Erfahrung, im Internet vergangene Sünden wiederzufinden. Ich halte das aber für ein kulturelles Problem, das sich wahrscheinlich verändern wird, wenn die viel beschworene Google-Generation an die Hochschulen kommt.

tomleu: Sollte ein LMS wirklich Verwaltungsfunktionen bieten oder nur Inhalte präsentieren?

Ulrich Schmid: Ich glaube, aus Lehrendensicht spricht vieles dafür, dass ein solches System auch die Organisation des Seminars erleichtert. Bis hin zur Prüfungssituation. Was dagegen spricht, ist die Tatsache, dass solche Funktionen natürlich die Komplexität erhöhen und die Usability erschweren.

Moderator: So, die Chatzeit ist auch schon um. Das Schlusswort gebührt dem Gast.

Ulrich Schmid: Ich würde mir sehr wünschen, dass wir endlich mehr Begeisterung für dieses Thema in allen Bereichen der Hochschulen finden und wecken können. Ich sehe allerdings im Moment eher eine noch zurückhaltende und skeptische Grundhaltung im Hochschulmanagement und der Wissenschaftspolitik.

Moderator: Das waren etwas über 60 Minuten e-teaching.org-Live-Chat mit Dr. Ulrich Schmid vom Multimedia Kontor Hamburg (MMKH). Vielen Dank an Herrn Schmid für die Zeit und die Antworten und vielen Dank an die User für die zahlreichen Fragen. Das Chatteam wünscht allen Teilnehmern einen schönen Tag.


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Letzte Änderung: 08.04.2015