Mündliche Videoprüfung

Mündliche Prüfungen sind eine bewährte Form des Leistungsnachweises an Hochschulen. Durch die Nutzung digitaler Übertragungstechniken können alle beteiligten Personen räumlich flexibel an mündlichen Prüfungen teilnehmen, wodurch sich beispielsweise ein hoher Reiseaufwand vermeiden lässt.

Kontext

Mündliche Prüfungen können in sehr verschiedenen Kontexten erforderlich sein. Hierbei lassen sich verschiedene Prüfungsformen unterscheiden, die hinsichtlich ihrer zeitlichen, thematischen und personellen Verortung variieren. So umfassen mündliche Prüfungen beispielsweise die Präsentation von Seminar- und Projektarbeiten in der Gruppe, Modulprüfungen einzelner Studierender während oder zum Abschluss des Semesters oder auch Studiengangs-Abschlussprüfungen (z.B. als Rigorosum oder Kolloquium).

Ortsgebundene mündliche Prüfungen stellen für alle Beteiligten oft einen großen zeitlichen Aufwand dar, der durch die Anreise an den Prüfungsort entsteht. Gerade bei Beteiligten aus dem Ausland erweist sich die mündliche Prüfung als besonders aufwändig. Müssen Personen für eine mündliche Prüfung über größere Strecken anreisen, stehen Aufwand und Nutzen oft in keinem angemessenen Verhältnis. Zudem kann es Beteiligten aufgrund persönlicher Umstände (z.B. einer körperlichen Behinderung) unmöglich sein, physisch an der mündlichen Prüfung teilzunehmen. Und auch eine Teilnahme von weiteren interessierten Personen bei einer hochschulöffentlichen Prüfung ist aufgrund der räumlichen Begrenzung oftmals problematisch.

Problem

Nicht immer können alle an einer mündlichen Prüfung beteiligten Personen zum Prüfungszeitpunkt persönlich an einem Ort zusammenkommen. In diesem Fall muss die Prüfungssituation so gestaltet werden, dass einzelne Personen virtuell teilnehmen können, ohne dass den Beteiligten daraus Nachteile entstehen.

Rahmenbedingungen

  • Komplexität: Mündliche Prüfungen sind ein komplexes Prüfungsformat, an welchem mehrere Personen mit unterschiedlichen Rollen teilnehmen, die sich untereinander abstimmen müssen. Diese Abstimmung betrifft sowohl das Prüfungsgespräch, die Prüfungsaufsicht, die Protokollierung wie auch die anschließende Notenfindung.
  • Ortsgebundenheit und Ortsvielfältigkeit: Sowohl die zu prüfende Person als auch die Prüferinnen und Prüfer können von verschiedenen Hochschulen bzw. Orten stammen. Je nach Prüfungsordnung kann es erforderlich sein, dass sich einzelne, an der Prüfung beteiligte Personen für die Durchführung im Prüfungsraum an der Hochschule befinden müssen.
  • Hochschulöffentlichkeit: Finden Prüfungen hochschulöffentlich statt, so muss weiteren Personen die Teilnahme ermöglicht werden. Dies erfordert zusätzlichen Raum, der jedoch oft begrenzt ist.
  • Inklusion und Barrierefreiheit: Mündliche Prüfungen sollten so gestaltet sein, dass sie den individuellen Erfordernissen der beteiligten Personen gerecht werden und individuelle Einschränkungen berücksichtigt werden.
  • Festgelegter Prüfungsablauf: Mündliche Abschlussprüfungen haben meist einen festgelegten Ablauf. In der Regel steht dabei die zu prüfende Person (bzw. die zu prüfenden Personen) ihren Prüferinnen und Prüfern physisch oder virtuell präsent gegenüber und präsentiert eigene Studienleistungen, beantwortet synchron Fragen bzw. verteidigt ihre Thesen.

Lösung

Eine Videoprüfung stellt die traditionelle mündliche Prüfungssituation mit Hilfe digitaler Medien nach. Die beteiligten Personen können dabei – abhängig von den jeweiligen Erfordernissen – in unterschiedlichen Konstellationen physisch oder virtuell an der Prüfung teilnehmen, wodurch sich ein hybrides Prüfungs-Setting ergibt. Personen, die an der Prüfung nicht vor Ort teilnehmen können, werden mit Hilfe eines Videokonferenzsystems virtuell hinzugeschaltet und so in den Prüfungsprozess nahtlos synchron eingebunden.

Virtuelle Breakout-Räume erlauben es, die geprüfte Person und andere teilnehmende Personen während der Notenfindung in einen Nebenraum zu verweisen, von dem aus sie dann wieder hinzugeschaltet werden können. Alternativ können sich auch die prüfenden Personen für die Notenfindung in eine parallele Breakout-Session zurückziehen. Ergänzend eingesetzte Kommunikationskanäle, wie beispielsweise ein zugangsbeschränkter Chat, ermöglichen es den prüfenden Personen auch während der Prüfung sich untereinander abzustimmen und auszutauschen. 

Details

Die Umsetzung dieser hybriden Prüfungsform erfordert eine geeignete technische Infrastruktur. Es werden an allen Standorten (mobile) Endgeräte, Kameras, Mikrofone und Lautsprecher benötigt. Bei mehreren vor Ort beteiligten Personen ist im Prüfungsraum an der Hochschule zudem eine zentrale Projektionsfläche für die Videoübertragung erforderlich, auf der die geprüfte Person bzw. online hinzugeschaltete Prüferinnen und Prüfer gut sichtbar dargestellt werden.

Eine gute Bild- und Tonqualität ist für die mündliche Videoprüfung unverzichtbar. Alle Beteiligten sollten sich gegenseitig ohne Einschränkungen sehen und hören können. Vor der eigentlichen Prüfung empfiehlt sich deshalb ein Testlauf, bei dem Funktionen des verwendeten Videokonferenzsystems sowie Einstellungen von Bild und Ton ausprobiert werden können. Bei allen – sowohl virtuell als auch vor Ort – teilnehmenden Personen sollte für den Prüfungszeitraum eine störungsfreie Umgebung sichergestellt sein. Der Teilnahmelink zur Videokonferenz wird allen beteiligten Personen rechtzeitig vor der Prüfung zugänglich gemacht und muss vertraulich behandelt werden.

Prüfungsrechtliche Fragen müssen im Vorhinein geklärt werden. Dies betrifft z.B. die rechtssichere Identifikation der zu prüfenden Person. Auch daraus entstehende Anforderungen an die zu prüfende Person, etwa in Bezug auf während der Prüfung erlaubte Hilfsmittel oder einen gegebenenfalls erforderlichen Einblick per Video in die Prüfungsumgebung, müssen rechtzeitig vorab bekannt gegeben werden. Im Idealfall liegt für Videoprüfungen bereits eine Verfahrensbeschreibung bzw. ein Leitfaden der Hochschule vor, der alle rechtlichen Anforderungen berücksichtigt und Lehrenden eine einfache, rechtssichere Umsetzung ermöglicht.

Stolpersteine

  • Das hybride Prüfungsformat kann sowohl für die geprüfte wie auch für prüfende Personen ungewohnt sein, so dass sich eine geeignete Prüfungsatmosphäre nicht augenblicklich einstellt. Hier ist ein vorheriger Testlauf empfehlenswert.
  • Im Falle von mehreren hintereinander stattfindenden mündlichen Prüfungen ist die Einrichtung und Moderation eines virtuellen Wartebereichs sinnvoll. Dieser sollte idealerweise durch eine Person betreut werden, die mit den prüfenden Personen in Kontakt steht und einen reibungslosen organisatorischen Ablauf unterstützt.
  • Durch eine Online-Prüfung steigt die Wahrscheinlichkeit von technischen Problemen, da hier jede beteiligte Person mit ihrem Endgerät prinzipiell als technisches Risiko gelten kann. Hier empfiehlt sich die physische bzw. virtuelle Anwesenheit einer zuständigen Person, die zur Not technische Hilfe leisten kann. Auch sonstige mögliche Störungen und Probleme sollten einkalkuliert werden – beispielsweise indem für jede Prüfung ein zusätzlicher Zeitpuffer eingeplant wird. Ein vorab gemeinsam oder einzeln durchgeführter Testlauf mit der eingesetzten Software kann das Auftreten von Problemen oftmals deutlich reduzieren. Für die Prüfungsdurchführung kann zudem ein zweiter Kommunikationskanal (z.B. ein alternatives Videokonferenzsystem) bereitgehalten werden, auf den bei Störungen ausgewichen werden kann.
  • Sofern die zu prüfende Person aus dem Ausland virtuell hinzugeschaltet wird, sind Zeitverschiebungen zu berücksichtigen. Der Zeitpunkt für die Prüfung sollte für alle Beteiligten angemessen sein.
  • Wie auch bei anderen Formen des virtuellen Prüfens, können bei mündlichen Videoprüfungen Täuschungsversuche durch die zu prüfenden Personen nicht ausgeschlossen werden. Empfehlenswert sind deshalb kompetenzorientierte Prüfungen oder auch sogenannte „Kofferprüfungen“ nach dem Open-Book-Prinzip.
  • Ein virtuelles Treffen kann abrupt wirken, sowohl zu Beginn wie auch am Ende, da man oft gleich zur Sache kommt. Hier empfiehlt sich gegebenenfalls eine kurze Vorstellungsrunde oder ein bewusst eingeplanter Zeitraum zum „Ankommen“ mit Smalltalk, bevor die eigentliche Prüfung beginnt. Zum Abschluss der Prüfung ist eine persönliche Gratulation und Verabschiedung wünschenswert, die in der Videoprüfung etwas anders umgesetzt werden muss als in Präsenz. Beispiele sind hier ein „virtueller Handshake“, bei dem die Hände gegenseitig in Richtung der Kamera gereicht werden, oder auch ein gemeinsames „Abschlussfoto“, in Form eines Screenshots.

Vorteile

  • Die an der Prüfung beteiligten Personen kommunizieren ohne zeitliche Verschiebung und auf direktem Weg miteinander, so dass sich ein traditionell aufgebautes Prüfungsgespräch mit Frage- und Antwortstruktur entwickeln kann. Die Gesprächspartner/innen können im Gesprächsverlauf spontan aufeinander und auf die Gesprächssituation reagieren.
  • Durch die hybride Prüfungsform können die zu prüfende Person ebenso wie Prüferinnen und Prüfer unabhängig von räumlicher Distanz teilnehmen, was den dafür anfallenden Zeitaufwand und auch Reisekosten sehr reduziert.
  • Durch das hybride Prüfungsszenario kann auf individuelle Einschränkungen beteiligter Personen, für die eine Teilnahme für Ort schwierig gewesen wäre, Rücksicht genommen werden.
  • Die Möglichkeit, an der Prüfung aus einer vertrauten Umgebung heraus teilzunehmen, kann dazu beitragen, die Prüfungsangst der geprüften Person zu reduzieren.

Nachteile

  • Die Kommunikation zwischen geprüfter Person und den prüfenden Personen aber auch zwischen den prüfenden Personen untereinander kann durch die hybride Form erschwert werden, etwa weil die nonverbale Kommunikation durch einen begrenzten Bildausschnitt eingeschränkt ist.
  • Soziale Umgangsformen und kulturelle Traditionen wie etwa die Gratulation, das Händeschütteln oder das mit-Sekt-Anstoßen nach bestandener Prüfung müssen auf virtuelle Weise realisiert werden. Insbesondere bei Abschlussprüfungen kann dies als Verlust wahrgenommen werden.
  • Bei Prüfungen, die Faktenwissen bzw. einen vorab festgelegten Lernstoff abprüfen sollen, sind Täuschungen leichter möglich, wenn die zu prüfende Person virtuell hinzugeschaltet ist.

Werkzeuge

  • Videokonferenzsystem
  • Im Prüfungsraum an der Hochschule: Laptop/PC, Kamera(s), Mikrofon(e) und Lautsprecher sowie Projektionsfläche (z.B. Whiteboard oder Beamer)
  • Bei einzeln online zugeschalteten Beteiligten: Laptop mit Webcam oder externer Kamera, Mikrofon und Lautsprecher oder ein Headset

Beispiele

Das 2021 beim Hochschulforum Digitalisierung erschienene Whitepaper „Prüfungsszenarien für die digitale Hochschulbildung“ (PDF) einer Community Working Group aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bietet eine umfassende Übersicht über verschiedene digitale, mündliche sowie schriftliche Prüfungsformate.

In einem Merkblatt „Hybride Prüfungen“ (PDF) hat das Kommunikations-, Informations-, Medienzentrum (KIM) der Universität Konstanz im Sommer 2020 Empfehlungen zur technischen Realisierung von hybriden mündlichen Prüfungen mit den Konferenztools „Big Blue Button“ und „Cisco WebEx“ zusammengefasst.

Herausforderungen, Kriterien und Szenarien verschiedener Formen von Fernprüfungen (darunter auch mündliche Prüfungen, mündliche Präsentationen und praktische Prüfungen mit Videokonferenzsystemen) beschreiben Gerstner, Baume und Straßer (2021) in dem Leitfaden „Fernprüfungen an bayerischen Universitäten“ (PDF).

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